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FIDE Kandidatenturnier 2020: Nepomniachtchi baut seine Führung aus
Ding Liren resigns his gam with Ian Nepomniachtchi. Photo: Maria Emelianova/Chess.com.

FIDE Kandidatenturnier 2020: Nepomniachtchi baut seine Führung aus

PeterDoggers
| 0 | Berichterstattung von einem Schach-Event

GM Ian Nepomniachtchi ist nach seinem Sieg über GM Ding Liren in der sechsten Runde des FIDE Kandidatenturniers in Jekaterinburg der klare Favorit auf den Gesamtsieg. GM Anish Giri gewann gegen GM Kirill Alekseenko seine erste Partie bei einem Kandidatenturnier überhaupt!

Ihr könnt das FIDE Kandidatenturnier täglich ab 12.00 Uhr mit Kommentaren von IM Steve Berger live auf Chess.com/de/TV ansehen. Die siebte Runde wird am Mittwoch, den 25. März gespielt. Die Partien könnt Ihr hier auf Chess.com/events ansehen. Alle Informationen über das Kandidatenturnier findet Ihr in diesem Artikel.


Die Übertragung der sechsten Runde in voller Länge

Es war sowohl eine überraschende als auch eine etwas unangenehme Situation, als Nepomniachtchi, nachdem er seine dritte Partie gewonnen hatte und scheinbar in fantastischer Form war, während seiner Pressekonferenz häufig husten musste. Die meisten Online-Zuschauer müssen bei seiner Analyse eine ganz bestimmte Frage im Hinterkopf gehabt haben: Hat er sich etwa mit dem Coronavirus infiziert?

Auf die Frage, ob es ihm gut gehe, antwortete Nepomniachtchi: "Ich fühle mich definitiv nicht gut und eigentlich wollte ich heute eine Art schnelles Remis machen. Ich war nie dagegen, bis ich eine vielversprechende Stellung bekam. Ich wurde jetzt schon ein paar Mal getestet aber alle Tests waren negativ. Aber nochmal: Diese ganze Atmosphäre hier hilft einem nicht gerade, sich Gesund zu fühlen."

Nepomniachtchi press conference coughing
Nepomniachtchi musste während der Pressekonferenz öfters husten. Photo: Lennart Ootes/FIDE.

Alle am Turnier Beteiligten wurden bei ihrer Ankunft im Hotel auf das Coronavirus getestet und am Dienstag steht ein zweiter Test auf dem Programm. Nepomniachtchi hatte zuvor um einen zusätzlichen Test gebeten, der sich aber ebenfalls als negativ herausstellte. Am Dienstag wieder mit allen anderen erneut getestet.

Mittlerweile äußern immer mehr Spieler ihr Unbehagen. Nepomniachtchi hat sich mit seiner Aussage nun GM Wang Hao, GM Alexander Grischuk und prinzipiell auch GM Teimour Radjabov angeschlossen, die alle zum Ausdruck gebracht haben, dass die Atmosphäre bei diesem wichtigen Ereignis nicht so ist, wie sie sein sollte.

Auf die Frage, ob die Organisatoren erwägen, den Rest des Turniers zu verschieben, gab FIDE-Generaldirektor Emil Sutovsky Chess.com folgende Antwort:

"Nun, ich denke, das sollte nicht überbewertet werden. Grischuks hat keine offizielle Aussage oder etwas Ähnliches getroffen. Alexander hat nur eine Frage beantwortet. In einem Interview, dass er nach 5 Stunden Spielzeit gegeben hat. Offensichtlich ist das für die Spieler schwierig - da der Druck hoch ist. Es ist aber auch für uns schwierig. Es wäre von Anfang an am einfachsten gewesen, alles abzublasen. Es wäre als sehr verantwortungsbewusster Schritt angesehen worden. Aber alles zu ruinieren und aufhören zu Leben ist sehr leicht.

Ich würde sagen, dass es ein schwerer Schlag für das Schach wäre, wenn wir das Turnier abbrechen würden. Nicht nur für die FIDE, sondern für das Schach insgesamt. Und die meisten Spieler verstehen das. Ich habe Caruanas Interview gesehen und er versteht ganz klar, warum wir das Event fortsetzen. Das Gleiche gilt für MVL. Haben die Spieler dadurch einen zusätzlichen Druck? Darauf könnt ihr Wetten! Aber was genau ist die Alternative? Und wie hoch ist das Risiko?

FIDE Director Emil Sutovsky
FIDE-Generaldirektor Emil Sutovsky. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

"Es ist sehr wichtig, alle Details zu verstehen. Es gibt ein tatsächliches Problem auf der Welt - und Situationen, die ähnlich aussehen und alle auf ähnliche Weisen gelöst werden. Hier sprechen wir aber über ein Ereignis mit nur acht Spielern - also sind diese Vergleiche mit allen anderen Sportarten weitgehend irrelevant. Es werden auch eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen, um das Risiko zu minimieren. Wir verstehen, wie schwierig es für Spieler ist und ich verstehe das besonders, weil es noch nicht so lange her ist, dass ich selbst ein Top-20-Spieler war. Die FIDE unternimmt alles, um das Risiko zu minimieren und Großmeister, die bereits unter Druck stehen, nicht mit allerlei Kontrollen und Untersuchungen abzulenken. Die FIDE nimmt das alles wirklich sehr ernst. Wir sprechen oft über Eigenverantwortung. Wir sehen unsere Verantwortung bei der Suche nach dem Gleichgewicht, das es den Spielern ermöglicht, an Wettkämpfen teilzunehmen und gleichzeitig ihre Gesundheit nicht zu gefährden. Und natürlich werden wir die Spieler auch bei allen Problemen im Zusammenhang mit einer sicheren Heimreise nach dem Turnier nicht alleine lassen."

Ob in Höchstform oder nicht. Nepomniachtchi spielte sich heute in die Rolle des absoluten Favoriten. Er hat nicht nur seine zweite Partie in Serie gewonnen, sondern auch noch einen der Mitfavoriten mehr oder weniger aus dem Turnier ausgeschlossen: Ding Liren. Drei Siege nach 6 Partien für Nepomniachtchi sind eine Überraschung, aber drei Niederlagen für den chinesischen Topspieler sind eine Sensation.

Ding Liren FIDE Candidates
Dass Ding Liren das FIDE Kandidatenturnier nach 3 Niederlagen noch gewinnt, ist extrem unwahrscheinlich. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Nach einer Rückkehr in seinem Hotelzimmer muss die Niederlage für Ding noch schmerzhafter gewesen sein, denn der Computer weist rücksichtslos darauf hin, dass Nepo tatsächlich einen Fehler gemacht hatte und es eine brillante Parade für Schwarz gegeben hatte. Eigentlich beschreiben die Wörter "verrückt" oder "lächerlich" die Entdeckung der Engine aber besser:

Hier kann sich Schwarz mit den Zügen 33... Txb6! 34. Txb6 Dxe2! 35. Tb8 Te5!! 36. Txd8+ Th7 retten! Nach diesen Zügen haben wir diese Stellung:

Weiß hat einen ganzen Turm mehr, muss diesen aber sofort zurückgeben, um ein Matt zu vermeiden: 37. Th8+ (nach 37.Tg1 und Dxf2 droht 38...Re1 und Weiß muss wieder 38.Th8+ spielen) 37...Kxh8 38. Dc8+ Kh7 39. Dxh3+ Kg6 und Schwarz wird das Remis halten!

Als Nepomniachtchi diese Variante gezeigt wurde, sagte er: "Das ist brillant. Wer sieht schon 35...Te5? Wenn Du 35...Te5 siehst, solltest Du sofort disqualifiziert werden!"

Nepo erklärte seine gute Form und sagte: "Ich versuche nur, weniger Fehler als sonst und weniger Fehler als meine Gegner zu machen."

Ian Nepomniachtchi FIDE Candidates 2020
Nepomniachtchi, fühlte sich schlecht - spielte aber großartig. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Nach seinen berühmten 14 Remis beim Kandidatenturnier 2016 und seiner bisherigen Punktzahl von Minus-Eins hat Giri endlich den Bann gebrochen.

"Am Ende hatte ich fast einen Herzinfarkt, weil mir klar wurde, dass es mein erster Sieg bei einem Kandidatenturnier sein wird", sagte er. "Ich glaube, ich hatte noch nie einen so hohen Herzschlag. Ich glaube, heute Abend brauche ich einen besonders guten Arztcheck!"

Anish Giri FIDE Candidates 2020
Giri gewann endlich bei einem Kandidatenturnier eine Partie. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Lange Zeit sah es so aus, als würde der Niederländer erneut eine vielversprechende Stellung nicht in einen Sieg verwandeln können, aber nach sechs Stunden Spielzeit und nachdem beide Spieler schon lange nur noch auf der Bonuszeit gespielt hatten, machte Alekseenko in einem Springerendspiel einen furchtbaren Fehler.

Obwohl es im Interview nach dem Spiel nicht angesprochen wurde, muss Giri gewusst haben (schließlich spielte er ja selbst bei diesem Turnier) dass Weltmeister Magnus Carlsen gegen GM Viswanathan Anand beim Tata Steel Turnier 2019 ein prinzipiell gleiches Endspiel gewonnen hatte. Giri folgte mehr oder weniger dem gleichen Plan wie Carlsen und Alekseenko stolperte schließlich auch - wenn auch auf andere Weise als Anand.

Alekseenko Giri FIDE Candidates
Alekseenko und Giri entschieden sich für die Italienische-Eröffnung. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Giri war mit Schwarz mit einem leichten Vorteil aus der Italienischen-Eröffnung gekommen. In seiner berühmten Eröffnungsvorbereitung scheint es aber einen kleinen Riss gegeben zu haben. Es ist nicht so, dass er einen großen Fehler gemacht hätte, aber er schien früher als nötig "aus dem Buch" zu sein.

Der Niederländer dachte über seinen 16. Zug acht Minuten und ganze 28 Minuten über seinen 18. Zug nach, obwohl die Partie immer noch eine Kopie der Partie von Grandelius gegen Hovhannisyan, von 2019 in Reykjavik war. Na ja, man kann sich eben nicht an alles erinnern!

Alekseenko Giri FIDE Candidates 2020
Alekseenko und Giri im Endspiel. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Während Giri sich schon mit einem Remis abgefunden hatte, schoß ihm der folgende Gedanke durch den Kopf: "Dieses Turnier ist wie eine Kindergeburtstagsparty von Ian. Nur, dass die anderen Kinder gar nicht dort sein wollen und ihm Geschenke geben, ohne sich für das Geburtstagskind zu freuen. Sie tun nur so, als ob sie seine Freunde wären und in Wahrheit ist er der einzige, der sich über seine Geschenke freut."

Alekseenko Giri FIDE Candidates
Als Alekseenko aufgab, konnte Giri seine Erleichterung nicht verbergen. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Die sechste Runde war für Gelegenheitsfans und für Eröffnungstheoretiker gleichermaßen aufregend. Es scheint, dass sowohl bei der Partie Wang gegen MVL als auch in der Partie Grischuk gegen Caruana interessante Neuerungen gespielt wurden.

Beginnend mit dem Grünfeld der Partie
GM Maxime Vachier-Lagrave gegen Wang. Die Spieler setzten die theoretische Diskussion in der Lc4-Hauptvariante fort, die wir schon in der Partie Caruana gegen Nepomniachtchi beobachten konnten. Wir sahen erneut den Zug 10...b6 und einen frühen Vorstoß des weißen h-Bauern. 17 Züge folgten sie einer Partie aus dem Jahr 2019, die Dubov und Svidler in Hamburg gespielt hatten.

Wie Wang in der Live-Übertragung von Chess.com offenbarte, hat Weiß in dieser Variante eigentlich nur ein Remis. "Ich hatte nicht vor, auf etwas Besonderes zu spielen, weil Schwarz durch sehr präzise Züge ein Remis erzwingen kann, aber wahrscheinlich hat sich Maxim während der Partie nicht an diese Varianten erinnert", sagte er.

Als MVL weitere Ungenauigkeiten spielte, hatte Wang kurzzeitig ernsthafte Chancen in einem typischen Gruenfeld-Endspiel mit einem Freibauern auf der d-Linie gegen eine Bauernmehrheit von Schwarz am Damenflügel zu spielen.

Während sich die Kommentatoren GM Simon Williams und IM Danny Rensch fragten, warum der schottische GM Jonathan Rowson diesen d-Bauern in seinem Klassiker von 1999 "Understanding the Gruenfeld" wohl "Delroy" genannt hatte, entschied sich der Autor dieses Artikels, Rowson kurzerhand zu kontaktieren und einige Minuten später trat dieser der Show aus London bei, um Williams und Rensch aufzuklären:

Als Wang seine Chance verpasst hatte, gelang es Vachier-Lagrave, mittels einer Festung ein Remis zu retten. Danach war der Franzose zum ersten Mal in diesem Turnier mit seiner Leistung unzufrieden.

"Ich habe heute so viele Dinge falsch gemacht, dass ich nur mit viel Glück ein Remis erzielen konnte. Einige Dinge, die ich im Mittel- und Endspiel gemacht habe, waren einfach nicht richtig. Ich habe sehr viel falsch gemacht, aber am Ende war es dann doch OK, weil ich eine sehr solide Stellung hatte. Über diese Partie kann ich mich wirklich nicht freuen, besonders wenn man sie mit allen anderen Partie vergleicht, die ich bisher gespielt habe."

Wang Hao Vachier-Lagrave FIDE Candidates handshake
Wang Hao und Vachier-Lagrave begannen ihre Partie mit einem Handschlag. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Den Titel "König der Vorbereitung" sicherte sich in dieser Runde einmal mehr GM Fabiano Caruana. In seiner zweiten Spanischen Partie kam er auf den überraschenden Zug 12...Te8, der zwar nicht unbedingt neu, aber selten und laut dem amerikanischen Großmeister theoretisch wichtig ist.

"Ich finde den Zug ziemlich clever", sagte Caruana. "Es sieht so aus, als würde er taktisch verlieren, aber irgendwie funktioniert er für Schwarz."

Danach konnte er sich definitiv auf seine Vorbereitung verlassen, während Grischuk erneut viel Bedenkzeit verbrannte. Während der russische Spieler nur die Hälfte seiner ersten 24 Züge nach weniger als einer Minute spielte und über seinen 15. Zug ganze 27 Minuten nachdenken musste, führte Caruana jeden seiner ersten 22 Züge in weniger als einer Minute aus.

Caruana: "Natürlich ist es einfacher, wenn man sich auf eine Stellung vorbereitet hat und ich hatte auch einen großen Zeitvorteil."
Grischuk: "Wenn man die Hälfte einer Partie gegen den Computer und gegen eine Vorbereitung spielt, ist es schwierig, große Ambitionen zu entwickeln."

Grischuk Caruana FIDE Candidates
Grischuk kämpfte ein weiteres Mal gegen die Uhr und die Vorbereitung seines Gegners. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Damit geht Nepomniachtchi mit einem vollen Punkt Vorsprung in den zweiten Ruhetag und die anderen Spieler müssen hoffen, dass er nicht weiter wegzieht. Interessanterweise wird das Turnier am Mittwoch mit der letzten Runde der ersten Halbzeit fortgesetzt, wobei der Zweitplatzierte MVL gegen den Tabellenführer spielt.

Tabelle

# Land Name Elo Leistung 1 2 3 4 5 6 7 8 Punkte SB
1 Nepomniachtchi, Ian 2774 2965 ½ 1 1 ½ 1 ½ 4.5
2 Vachier-Lagrave, Maxime 2767 2832 ½ ½ ½ ½ 1 ½ 3.5
3 Caruana, Fabiano 2842 2764 ½ ½ ½ ½ 0 1 3.0 9
4-5 Giri, Anish 2763 2774 0 ½ ½ ½ ½ 1 3.0 7.75
4-5 Wang Hao 2762 2764 0 ½ ½ ½ 1 ½ 3.0 7.75
6 Grischuk, Alexander 2777 2775 ½ ½ ½ ½ ½ ½ 3.0 9
7 Ding Liren 2805 2661 0 0 1 ½ 0 ½ 2.0 6
8 Alekseenko, Kirill 2698 2661 ½ ½ 0 0 ½ ½ 2.0 7

Die Paarungen der 7. Runde lauten: Caruana-Wang, Vachier-Lagrave-Nepomniachtchi, Ding-Alekseenko, Giri-Grischuk. Den gesamten Spielplan findet Ihr hier.

2020 Candidates Highlights

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Peter Doggers

Peter Doggers joined a chess club a month before turning 15 and still plays for it. He used to be an active tournament player and holds two IM norms.

Peter has a Master of Arts degree in Dutch Language & Literature. He briefly worked at New in Chess, then as a Dutch teacher and then in a project for improving safety and security in Amsterdam schools.

Between 2007 and 2013 Peter was running ChessVibes, a major source for chess news and videos acquired by Chess.com in October 2013.

As our Director News & Events, Peter writes many of our news reports. In the summer of 2022, The Guardian’s Leonard Barden described him as “widely regarded as the world’s best chess journalist.”

In October, Peter's first book The Chess Revolution will be published!


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