Grischuk stellt gegen Rapport die Geschichte auf den Kopf

Grischuk stellt gegen Rapport die Geschichte auf den Kopf

Die ersten beiden Drittel des Speed Chess Achtelfinals zwischen GM Alexander Grischuk und GM Richard Rapport waren so umkämpft wie noch selten zuvor. Sowohl mit der 5-, als auch mit der 3-minütigen Bedenkzeit wurden 9 Partien gespielt und insgesamt erlebten wir 5 Führungswechsel.

Das Duell wurde also im Bulletschach entschieden, und Grischuk hatte mehr Benzin im Tank. Auch in diesem Drittel wurden 9 Partien gespielt und Grischuk konnte 8 von diesen 9 Partien gewinnen. Das Resulat von 8:1 im Bulletschach stellt den Turnierrekorde ein. GM Magnus Carlsen gewann letztes Jahr mit dem selben Ergebnis gegen GM Tigran Petrosian und wiederholte es gegen niemand anderen, als Grischuk selbst.

null

Ist das der "Carlsen Effekt"? Es scheint als würden immer mehr Spieler mit einer Brille spielen.

Petrosian spielte aber noch eine zweite, wichtigere Rolle im gestrigen Duell. Als Grischuk gefragt wurde, wie und ob er sich auf dieses Achtelfinale vorbereitet hatte, antwortete er, dass er auf Chess.com einige Trainings-Partien gespielt hatte. Gegen wen? Petrosian!

"Es war ziemlich frustrierend," sagte Grischuk. "Ich glaube ich lag 4:10 hinten." Grischuk wollte sich unbedingt auf das Bulletschach vorbereiten, denn letztes Jahr gegen Carlsen konnte er das Duell 2 Drittel lang offenhalten. Aber dann begann das Fiasko im Bullet. Grischuk holte im Training gegen Petrosian dann noch 10:12 auf, und wie wir gestern sahen, hat sich dieses Training absolut ausbezahlt.

null

Wie er nach dem Achtelfinale bemerkte, war das heutige Duell dem Halbfinale gegen den späteren Turniersieger 2016 ziemlich ähnlich.

"Das are wie die Neuauflage meines Duells gegen Magnus", sagte Grischuk. "Die ersten 2 Drittel war es total spannend, und in der Bullet Sektion wurde es dann einseitig."

Der Vergleich könnte nicht treffender sein. Gegen Carlsen schaffte Grischuk ein Unentschieden im 5 Minuten Bedenkzeit Abschnitt und verlor das zweite Drittel mit 3 Minuten Bedenkzeit nur um einen Punkt. Im Bulletschach wurde er dann allerdings mit 8:1 verprügelt. Auch heute endete das erste Drittel Unentschieden. Dann gewann der spätere Sieger das zweite Drittel ebenfalls mit einem Punkt Vorsprung und fegte den Herausforderer in der Bullet Sektion mit 8:1 vom Brett.

"Das ist wirklich komisch, denn im letzten halben Jahr hab ich fast nur noch Bulletschach gespielt," sagte Rapport. Training scheint also doch nicht immer alles zu sein...

(Wenn man sich das Partienarchiv der beiden Spieler genauer ansieht, entdeckt man, dass beide Spieler einen Tag vor dem Achtelfinale bereits 2 Bulletpartien gegeneinander gespielt hatten. Gegeneinander!)

null

Durch den heutigen 17.5 : 9.5 Sieg, steht Grischuk nun im Halbfinale und trifft dort auf den Sieger des Duells GM Maxime Vachier-Lagrave gegen GM Jeffery Xiong.

Rapport gewann gleich die Eröffnungspartie, die wie immer im Schach960 Modus ausgetragen wurde, was aber eigentlich garnicht ins Gewicht fiel, denn bei der Spielweise des Ungarn sieht jede Partie nach wenigen Zügen wie eine Schach960 Partie aus. Aber sofort danach (wie noch so oft in den nächsten 2 Stunden) Schlug der andere Spieler zurück.

Grischuk glich das Duell mit den weißen Figuren, nachdem Rapport die skandinavische Verteidigung gespielt hatte (eine Eröffnung, die er in langen Partien eigentlich nie spielt), aus.

Rapport verlies sich ab dann auf Eröffnungen die er besser kennt, namentlich die moderne Verteidigung mit Schwarz, die er schon über in dutzend Mal in Turnierpartien gespielt hatte. Trotzdem wurde ihm seine "Nordsee Variante", in der Schwarz seinen Springer fianchettiert, zerlegt. Das letzte mal wurde diese zweifelhafte Eröffnung vor sieben Jahren von Carlsen gegen GM Michael Adams gespielt, und auch Carlsen hatte keinen Erfolg damit. Rapport gewann zwar die erste Partie damit, aber gab nach dem Duell zu, dass ihm diese Eröffnung überhaupt nichts gebracht hatte.

"Ich habe mein Hauptrepertoire gespielt!" witzelte der über seine kuriosen Eröffnungen. "Ich glaube das war besser, als irgendwelche Hauptvarianten zu spielen, aber irgendwie ging der Schuss nach hinten los... In den meisten Partien stand ich schlechter."

null

Hier sind 20,000 Gründe, warum Rapport heute gut schlafen wird.

"Er spielt die Eröffnungen wie ein Honigdachs," sagte der Kommentator IM Danny Rensch, und bezog sich darauf, dass "Honigdachse ziemlich rücksichtslose Geschöpfe sind."

(Überraschenderweise gibt es sogar einen "Honigdachs Schach Club" auf Chess.com. Weniger überraschend ist jedoch, dass Rapport kein Mitglied dieses Clubs ist.)

5 der ersten 10 Partien wurden mit den schwarzen Figuren gewonnen. In der siebten Partie, übrigends der ersten Partie in der beide Spieler in großer Zeitnot waren, übernahm Grischuk erstmals die Führung, denn er konnte eine absolut symmetrische und ausgeglichene Stellung gewinnen.

"Jetzt hat er seine russische Strampelanzug-Technik ausgespielt," sagte Rensch im Live Kommentar.

Obwohl er diese ausgeglichene Stellung gewinnen konnte, lies Grischuk darauf einige halbe Punkte liegen. In nicht wenigen Partien verpfuschte er Gewinnstellungen und musste sich mit einem Remis zufrieden geben. Das krasseste Beispiel dafür war die erste Partie des zweiten Drittels. Er verspielte ein sicheres Remis und eventuell sogar einen Sieg, und verlor die Partie.

In der 11. Partie hatte sich Grischuk dann erholt und sicherte sich den ganzen Punkt, aber gleich danach setzte er eine weitere gewonnene Stellung in den Sand. Rapport versuchte sich einmal mehr in der skandinavischen Verteidigung, aber dieses Mal mit der 3...Dg6 Variante. Nach Rochaden auf verschiedene Seiten brach der Russe mit dem klassichen Springeropfer auf f6 durch. Wir Schwarz dem Matt entkommen konnte haben wir bis heute noch nicht ganz verstanden:

"Irgendwie geht ihm nichts mehr auf," sagte Kommentator GM Robert Hess nach dieser Partie.

In der nächsten Partie beanstpruchte Rapport sein Glück erneut. Nachdem er einen Bauern eingestellt hatte, fand er eine tolle Idee: Er bot die letzten beiden Figuren zum Tausch an. Man sollte ja eigentlich niemals in ein Bauernendspiel mit einem Minusbauern gehen, aber die Großmeister kennen eben alle Geheimnisse.

Diese Idee "inspirierte" Kommentatoren der ganzen Welt.

Danach kam Grischuk aber in Fahrt und gewann 3 der nächsten 4 Partien was ihn erneut mit einem Punkt in Führung brachte. Er blieb auch während des gesamten Achtelfinals absolut ruhig, während Rapport Musik hörte und regelmäßig mit seinem Kopf im Takt mitwippte.

Rapport sagte nach dem Duell, dass er sich hauptsächlich "Japanese Jesus" angehört hatte.

"Das Lied ist unglaublich, ich kann Euch nur empfehlen es anzuhören," sagte er. Es mag jetzt keine große Überraschung sein, dass jemand, der die Nordsee Variante spielt, auch einen außergewöhnlichen Musikgeschmack hat. Das Lied scheint so selten zu sein, dass man es nicht mal auf YouTube funden kann, außer er hat vielleicht diese Teenie Gruppe gemeint, die Chuck Berry huldigen (oder es versuchen).

Grischuk hat keine Musik gehört aber er sagte, dass sich die Musikrichtung nach der Bedenkzeit richten sollte. Während sich für Blitzpartien klassische Musik eignen würde wäre Rap oder Guns N' Roses besser für Bullet geeignet.

null

Natürlich ist die Musik einer Band die "Pistolen" sowohl im Namen als auch im Logo hat, bestens für Bulletschach geeignet. Bild: gunsnroses.com.

Aus dem einem Punkt Vorsprung wurde dann schnell eine sieben Punkte Führung, denn Grischuk gewann die ersten sechs Bullet Partien in Serie.

Die 21. Partie war besonders brutal, denn sie erinnerte an die berühmte Dame+Turm Kombi der Partie Ivanchuk-Yusupov, 1991. Welcome to the Jungle, Richard.

Die sechste Partie in Folge, die Grischuk gewann, ist sicher auch einen Blick wert. Im Bulletschach sollte man mit der Dame gegen drei Figuren eigentlich einen Vorteil haben, aber wenn die Figuren so toll zusammenspielen, gewinnen die Figuren immer:

"In vielen Partien hatte ich einfach bescheidene Stellungen," sagte Rapport, und fügte hinzu, dass er im Bulletschach einfach nicht so kreativ spielen könnte wie bei Partien mit mehr Bedenkzeit. "Es ist wirklich schwierig, gute Züge zu finden, wenn man nur eine Minute Bedenkzeit hat."

Durch diesen Sieg bleibt Grischuk in der zweijährigen Geschichte der Blitz Battle oder Speed Chess Meisterschaft weiterhin in allen Duellen, in die er als Favorit gehandelt wurde, ungeschlagen. Und es bedeutet auch, dass alle Mitglieder, die auf "Grischuk" im Kommentarfeld des Vorschau Videos getippt hatten, richtig lagen.

Das nächste Achtelfinale findet am 23. August zwischen GMs Ian Nepomniachtchi und Levon Aronian, die kurioserweise auch gestern beim Sinquefield Cup gegeneinander spielten, statt. Wir sind schon gespannt ob Nepomniachtchi den Spieß umdrehen, und dann einige von Aronian's Analysen gegen ihn verwenden kann.

Mehr von FM MikeKlein
Die Armenia Eagles gewinnen die PRO Chess League

Die Armenia Eagles gewinnen die PRO Chess League

Aronian gewinnt das Gibraltar Masters

Aronian gewinnt das Gibraltar Masters