AlphaZero: Reaktionen von Top GMs und Stockfish Programmierern

AlphaZero: Reaktionen von Top GMs und Stockfish Programmierern

Die Nachricht, dass AlphaZero gegen Stockfish mit 64:36 nach nur 4 Stunden Training und ohne eine einzige Niederlage gewinnen konnte, hat die Schachwelt geschockt. Chess.com hat die Teilnehmer der London Chess Classics und einen der Programmierer von Stockfish dazu befragt.

Am Mittwochmorgen machte die Nachricht über den Erfolg von DeepMind's AlphaZero Erfolg auf Twitter und anderen Medien die Runde. Die Teilnehmer des London Chess Classic Turniers steckten da in der Mitte ihrer Vorbereitungen auf die nächste Runde. Einige hatte von dem Erfolg gehört und auch schon einen flüchtigen Blick auf einige der Partien geworfen. Andere hörten diese Nachricht erst nach ihren Partien.

Am Ende der fünften Runde fragte Chess.com einige der Top-Großmeister nach ihren Meinungen. Hier ist ein Video mit Michael Adams, Levon Aronian, Fabiano Caruana, Sergey Karjakin, Hikaru NakamuraIan NepomniachtchiWesley So und Maxime Vachier-Lagrave.

Die ersten Reaktionen:
Maxime Vachier-Lagrave: "Das Ergebnis ist natürlich sehr beeindruckend. Ich würde nicht einmal davon träumen, ein Spiel gegen Stockfish zu gewinnen. Besonders beeindruckend ist die Punkteausbeute mit Weiß."

Fabiano Caruana: "Ich war erstaunt. Ich glaube nicht, dass ein anderes Programm schon einmal so eine Dominanz gezeigt hat. Ich glaube, das Programm hatte nur vier Stunden um Schach zu lernen, also wer weiß, was es noch leisten wird."

Sergey Karjakin: "Ich bin sehr überrascht, weil wir normalerweise mit Stockfish arbeiten und es scheint ein gutes Programm zu sein. Wenn es aber jetzt ein Programm gibt, das Stockfish so leicht schlägt, könnte eine neue Generation geboren sein und vielleicht ist es ein historischer Tag für Schach. Wir werden sehen, wie stark das Programm noch werden wird!"

Wesley So: Ich war schockiert. Das ist eine große Sache. Es verändert das Schach völlig. Wie stark ist das Programm? 3700? Fast 4000? Das ist wirklich verrückt."

Michael Adams: "Ich war ziemlich erstaunt. Es wird interessant sein, die Partien zu sehen."

Levon Aronian: "Ich bin ziemlich begeistert, aber bezüglich der Bedingungen habe ich meine Zweifel."

Ian Nepomniachtchi: "Wenn es ein Schachprogramm gibt, das die momentan stärkste Schach-Engine schlägt, sind das auch gute Neuigkeiten für uns. Wir müssen uns vielleicht bald ein anderes Spiel suchen!"

Hikaru Nakamura: "Ich denke, die Forschung ist sicherlich sehr interessant. Das Konzept, von Anfang an ohne Vorkenntnisse zu lernen, ist sicherlich eine neue Herangehensweise und es hat ganz offensichtlich ganz gut funktioniert. Es ist definitiv interessant. Nachdem ich die Partien angesehen und verstanden habe, sind die Ergebnisse aber zweitrangig. Einfach weil AlphaZero im Grunde genommen den Google Supercomputer benutzt und Stockfish auf dieser Hardware nicht läuft; Stockfish lief im Grunde genommen auf einem Laptop. Wenn wir ein ehrliches Match haben wollen, muss Stockfish auch auf einem Supercomputer laufen."

Ian Nepomniachtchi in London

Ian Nepomniachtchi: Wir müssen uns vielleicht bald ein anderes Spiel suchen!" | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Würde es die Vorbereitung auf Partien beeinflussen, wenn jeder AlphaZero benutzen könnte?

Vachier-Lagrave: "Wenn die Menschen Zugang zu AlphaZero anstatt zu Stockfish und Houdini hätten, würde sich die Theorie ändern. Wenn man die Partien, die ich gesehen habe, berücksichtigt, ist wohl der größte Unterschied, dass AlphaZero eine größere Rechentiefe hat. Als AlphaZero schon wußte, dass es eine Partie gewinnen würde, dachte Stockfish noch: Alles ist in Ordnung, alles ist in Ordnung, die nächsten 20 Züge ist alles in Ordnung. Das ist in der Modulperiode ziemlich tief, aber irgendwann driftete die Stellung weg. Ich habe sehr beeindruckende Sachen gesehen."

Adams: "Es könnte ein bisschen erfolgreicher sein, wenn Sie die Dinge ein wenig verfeinern, also weiß ich nicht, wie stark das Programm tatsächlich werden kann. Es wird eine große Veränderung sein, wenn es kommerziell verfügbar wird."

Nepomniachtchi: "Es würde sich nicht viel ändern, da alle bisherigen Schachprogramme ja die meisten Stellungen ähnlich Bewerten. Im Allgemeinen ist es die bessere CPU, aus der ein Vorteil resultiert. Es wird aber immernoch alles am Brett entschieden, aber wenn eine Engine auftaucht, die stärker als alle anderen ist, dann ist das vor allem für die Computerindustrie ein großer Durchbruch."

IM Danny Rensch geht die Partien aus dem AlphaZero-Stockfish Duell durch.

Caruana: "Ich schätze, wir fangen einfach damit an, das Programm zu benutzen. Es ist schwer zu wissen, welche Auswirkung die Entwicklung von Eröffnungen hat. Ich denke, es wird einige Eröffnungsentwicklungen geben, und vielleicht werden wir herausfinden, dass einige Eröffnungsvarianten nicht so gut sind, wie wir bisher dachten, aber ich denke nicht, dass es große Veränderungen geben wird. Es wird wahrscheinlich unser Wissen über Schach ein bisschen verbessern, aber es wird wohl viele Jahre dauern, bis wir auf das nächste Level kommen."

Karjakin: Wenn das Programm wirklich so gut ist, wird es viele Dinge verändern. Vor allem wird es viele dubiose Eröffnungen Wiederlegen und am Ende spielen wir dann alle die Berliner Verteidiung - wie wir es ja jetzt eh schon machen. [Lacht]

So: "Es bedeutet, dass ich mich tiefer vorbereiten muss. Ich muss das aber erst testen. Vielleicht müssen wir, anstatt 20 Züge vorzubereiten, in Zukunft 30 Züge vorbereiten."

Aronian: "Die Person in meinem Team, die für die Computervorbereitung zuständig ist, wird sich das Programm sicher ansehen. Da bin ich mir sicher."

Nakamura: "Ich denke nicht, dass es meine Vorbereitung verändern wird und ich glaube auch nicht, dass irgendetwas grundlegend anders werden wird. Vieles von dem Erfolg liegt wahrscheinlich in der Geschwindigkeit und dem Algorithmus. Es ist nicht mein Fachgebiet, aber ich denke, der Unterschied wird nicht besonders groß sein."

Hikaru Nakamura, London 2017

Hikaru Nakamura: "Ich denke nicht, dass es meine Vorbereitung verändern wird." | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Wieviel würdest zu bezahlen, damit Du als einziger Großmeister AlphaZero verwenden darfst?

Nepomniachtchi: "Heutzutage reicht Stockfisch völlig aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du etwas spektakuläres aus AlphaZero herausholen kannst. Ich würde nicht zu viel bezahlen."

Karjakin: Ich würde sehr viel bezahlen um das Programm heute noch benutzen zu dürfen. Vielleicht $100,000!"

So: "Ich würde Rex Sinquefield anrufen und fragen, ob er es mir bezahlt!"

Aronian: "Momentan analysiere ich meine Partien mit einem 5 Jahre alten Programm! Mir ist das nicht so wichtig. Es ist wichtig, dass Du ein Programm hast, das deinem Spielstil ähnelt und nicht so sehr, dass es das beste auf dem Markt ist. Am Ende musst ja immer noch du selbst den besten Zug spielen und nicht der Computer."
Vachier-Lagrave: "Ich glaube, dafür bin ich nicht Reich genug, aber es sicher eine siebenstellige Summe wert."
Caruana: "Ich glaube nicht, dass ich für eine Engine viel Geld ausgeben würde. Meine Ergebnisse würde das ja nicht verändern. Vielleicht würden meine Eröffnungen etwas besser werden und meine Analysen etwas genauer. Am Ende des Tages musst Du aber die besten Züge selbst finden. Ich glaube nicht, dass es irgendein Spieler in die Weltspitze geschafft hat, nur weil er so gut vorbereitet ist."
Adams: "Ich bin so faul in der Vorbereitung, dass mir das Programm eh nicht helfen würde. Und wahrscheinlich könnte ich mich dann gar nicht mehr daran erinnern!"
Nakamura: "Ich glaube nicht, dass man an das Programm ein Preisschild heften kann. Ich bin ja ein großer Fan von Open Source und alles was der Öffentlichkeit nicht zur Verfügung steht ist einfach nicht richtig. Aus diesem Grund würde ich es gar nicht als einziger haben wollen."

Levon Aronian, London 2017

Levon Aronian: "Momentan analysiere ich meine Partien mit einem 5 Jahre alten Programm!" | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Hast Du Angst um die Zukunft oder die Schönheit im Schach?

Karjakin: "Nein, überhaupt nicht. Wir sprechen seit vielen Jahren darüber und Schach ist immernoch am Leben. Die Konkurrenz zwischen Menschen wird immer sehr interessant sein; besonders wenn wir Blitz- oder Schnellschach spielen. Diese Art von Schach wird niemals sterben."

So: "Noch ist Schach nicht tot und es ist ziemlich unerschöpflich. Das Hauptproblem ist, dass die meisten Partien in den ersten 12, 15 Zügen gleich sind."

Vachier-Lagrave: "Es ist in gewisser Weise ziemlich aufregend, weil man sieht, dass Schach vielleicht nicht so remis trächtig ist, wie wir alle dachten. Wenn wir etwas daraus lernen können ist es definitiv die Art, wie wir Schach spielen."

Caruana: "Selbst wenn wir unendlich große Datenbanken hätten würde es das menschliche Spiel nicht verändern. Man kann sich ja einfach nicht an jede Variante erinnern. Auch wenn wir die definitiv besten Eröffnungszüge kennen und wissen würden, dass Najdorf oder das Damengambit für Schwarz verlieren würde es die Art wie wir Schach spielen nicht verändern."

Adams: "Die beiden Partien, die ich gesehen habe, sahen wirklich spektakulär aus. Wenn alle Partien so sind, dann definitiv nicht. Wir müssen aber mehrere Jahre abwarten um zu sehen was passiert. Vielleicht wird der Unterschied garnicht so groß sein. Es ist wirklich schwer zu sagen."

Nakamura: "Es ist sehr merkwürdig, dass es zum Beispiel in Matches zwischen Stockfish und Komodo nur sehr wenige Remis gibt. Es gibt zwar immer noch viele Remis, aber wenn du dann an uns Menschen denkst... wir glauben ja, dass der Unterschied zwischen den Engines so maginär ist, dass alle Partien in einem Remis enden müssen. Ich weiß nicht, wie ich das genau sagen soll, aber ich glaube schon, dass Schach noch lebendig ist. Warum die Partien zwischen Computern aber nicht in einem Remis enden ist ein anderes Universum. Das können wir wohl nie verstehen weil wir dafür einfach zu dumm sind." [Lacht]

Maxime Vachier-Lagrave, London 2017

Vachier-Lagrave: "Es ist in gewisser Weise ziemlich aufregend, weil man sieht, dass Schach vielleicht nicht so remis trächtig ist, wie wir alle dachten." | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.


In der Zwischenzeit erhielt Chess.com auch einen längeren Kommentar von einem der ursprünglichen Stockfish-Programmierer, Tord Romstad, den wir natürlich vollständig wiedergeben wollen:

Die Ergebnisse allein sind nicht besonders aussagekräftig, da die Zeitkontrollen und die Parametereinstellungen von Stockfisch ziemlich seltsam gewählt wurden: Die Partien wurden mit einer fixen Bedenkzeit von 1 Minute pro Zug gespielt, was bedeutet, dass Stockfish keine Zeitmanagementheuristiken verwenden konnte. ( Es wurde viel Aufwand betrieben, damit Stockfish kritische Punkte in einer Partie identifiziert und entscheiden kann, wann es für einen Zug etwas mehr Zeit aufwenden muss - mit einer fixen Bedenkzeit pro Zug ist diese Stärke ausgeschaltet.) Die verwendete Version von Stockfish war ein Jahr alt und hat mit weit mehr Such-Threads gespielt als jemals getestet wurden und hatte viel zu kleine Hash-Tabellen für die Anzahl dieser Threads. Ich glaube, dass der Prozentsatz der Remis in einem Vergleich mit normaleren Bedingungen viel höher gewesen wäre.

Auf der anderen Seite besteht kein Zweifel daran, dass AlphaZero besser hätte funktionieren können, wenn mehr Arbeit in das Projekt investiert worden wäre (obwohl die in diesem Artikel erwähnte "4 Stunden Lernphase" sehr irreführend ist, wenn man die massiven Hardware-Ressourcen berücksichtigt, die während dieser 4 Stunden zur Verfügung standen). Aber in jedem Fall ist Stockfish vs AlphaZero ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Eines ist ein herkömmliches Schachprogramm, welches auf gewöhnlichen Computern läuft - das andere verwendet grundlegend verschiedene Techniken und läuft auf einer spezifischen Hardware, die nicht gekauft werden kann (und das Budget gewöhnlicher Benutzer weit überschreiten würde, falls dies der Fall wäre).

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Tord Romstad. | Foto: PlayMagnus.


Andererseits ist der Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen genau das aufregende an dieser Sache: Wir haben jetzt zwei extrem unterschiedliche (sowohl auf der Hardware- als auch auf der Softwareseite) von Menschen gemachte Dinge, die beide übermenschliche Schachspielfähigkeiten zeigen. Das ist viel interessanter als noch ein weiteres Schachprogramm, das das gleiche wie die existierenden Schachprogramme macht - nur ein bisschen besser. Darüber hinaus eröffnet die Anpassungsfähigkeit des AlphaZero-Versuchs für alle möglichen Domänen spannende Möglichkeiten für die Zukunft.

Für Schachspieler, die Computerschachprogramme als ein Werkzeug verwenden, wird dieser Durchbruch, zumindest auf kurze Sicht, wegen des Mangels an geeigneter Hardware zu erschwinglichen Preisen, wahrscheinlich keine großen Auswirkungen haben.

Für Programmierer von Schach-Engines - und für Programmierer in vielen anderen interessanten Bereichen - ist das Aufkommen von maschinellen Lerntechniken, die massive Hardwareressourcen benötigen, um effektiv zu sein, ein wenig entmutigend. Es ist zwar durchaus möglich, dass in ein paar Jahren ein AlphaZero-ähnliches Schachprogramm auf normalen Computern betrieben werden kann, aber die Hardware-Ressourcen die zum Erstellen erforderlich sind, werden das Budget von Hobbyisten oder mittleren Unternehmen immer noch weit übersteigen. Vielleicht könnte ein Open-Source-Projekt mit einem großen Computernetzwerk, das von Freiwilligen zur Verfügung gestellt wird, funktionieren, aber dann sind die Tage von Hunderten von einzelnen Schach-Engines mit ihren individuellen Eigenheiten Geschichte.


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