Brisantes Ende bei der Kanadischen Meisterschaft

Brisantes Ende bei der Kanadischen Meisterschaft

Die Kanadische Meisterschaft 2017 wurde diese Woche wortwörtlich auf den Kopf gestellt.

Bei der kanadischen Meisterschaft, die von 27. Juni bis 1. Juli in Montreal stattfand, erzielten 2 Spieler 8 von 9 möglichen Punkten und mussten, wie es die meisten Fans bevorzugen, in einem Playoff gegeneinander um den Titel antreten. Dieses Playoff endete aber dramatisch und umstritten denn ein auf den Kopf gestellter Turm ist laut den Schachregeln ein auf den Kopf gestellter Turm - und keine Dame! Was ist da nur bei den nordamerikanischen Blitz Playoffs los?

IM Nikolay Noritsyn (links) und GM Bator Sambuev in der vierten Runde. Foto: John Upper.

GM Bator Sambuev und IM Nikolay Noritsyn, die beide schon den Titel des Kanadischen Meisters in ihrer Vita stehen haben, hatten nach den 4 Schnellschachpartien (15+10) jeweils 2 Punkte auf ihrem Konto. Es musste also in 2 Blitzpartien (5+3) entschieden werden, ob Sambuev zum dritten mal oder Noritsyn zum zweiten Mal Kanadischer Meister wird. Die erste Partie endete Remis und alles schien intakt. Dann kam die zweite Blitzpartie.

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Noritsyn (links) und Sambuev (rechts) diskuttieren ihre klassische Partie. Ein weiterer ehemaliger Turniersieger, GM Alexander Lesiège, sieht zu. Foto: John Upper.

Noritsyn, der mit den schwarzen Figuren spielte, hatte kurz vor Ende der Partie mehrere weit vorgerückte Bauern auf dem Brett und war der erste, der einen der Bauern umwandeln durfte. Er wandelte den Bauern aber nicht, wie er dachte, in eine Dame um. Mit sechs Sekunden auf der Uhr zog Noritsyn ...d1, konnte keine schwarze Dame finden und nahm deswegen einen geschlagenen Turm. Er sagte "Dame" und stellte den Turm kopfüber auf das Brett. Jetzt hatte er noch 4 Sekunden auf der Uhr.

Da unterbrach der Hauptschiedsrichter IA Pierre Dénommée die Partie und stoppte die Uhr. Er erklärte den Zug als legal aber die Figur sei ein Turm und keine Dame.

Bevor wir uns jetzt mit den Feinheiten der Schachregeln beschäftigen ist hier das Video der gesamten Blitzpartie, aber wir steigen im entscheidenden Moment ein:

Wie ihr hören und sehen könnt, weisen zwei Schiedsrichter darauf hin, dass die schwarze Dame in Reichweite auf dem Tisch gestanden hatte.

"Il y en avait," (hier war eine [Dame]), sagte einer der Schiedrichter.

Aber war sie auch da? Die Schiedrichter konnten das Video ja nicht sehen, aber wenn ihr euch jetzt den entscheidenden Moment nochmal anseht, werdet ihr merken, dass sich die schwarze Dame, als Noritsyn ...d1 zog, noch in Sambuev's linker Hand befand. Sambuev hat sie aber nicht in den letzten Sekunden vor dieser Situation in die Hand genommen, sondern schon vor über 3 Minuten. Lange bevor es absehbar war, dass es zu einem Bauernrennen kommen würde.

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Sambuev (links) spielt in der dritten Runde gegen IM Thanh Nha Duong und IM Aman Hambleton zieht ihnen zu. Foto: John Upper.

Mehrere Schiedrichter sahen diese Partie und wandten schließlich die Regel 4.4(d) der FIDE Regeln an:

"Wenn ein Spieler einen Bauern umwandelt, ist die Umwandlung abgeschlossen, wenn die gewählte Figur das Brett berührt."

Laut Regel 6.12(b), hätte Schwarz die Uhr anhalten dürfen, und die Schiedsrichter bitten, ihm seine gewünschte Figur zu bringen, da eben diese nicht auf dem Tisch war."

So wurde die Partie aber fortgesetzt. Die "neue" schwarze Figur war ein Turm und nachdem Weiß im nächsten Zug seinen Bauern in eine (echte) Dame umwandeln konnte, gewann Sambuev nicht nur diese Partie, sondern auch zum dritten Mal die kanadische Meisterschaft und einen Startplatz beim nächsten Weltcup!

Zur Vervollständigung ist hier die letzte Partie, die eigentlich auch recht spannend und sehenswert war. Sambuev hätte sich das ganze Drama allerdings ersparen können, wenn er die Endspiele von Bobby Fischer besser studiert hätte, und 49. a7 h1=D (auch ...h1=S+ hilft nicht!) 50.a8=D+ , was die schwarze Dame gewinnt, gezogen hätte.

Noritsyn sagte zu Chess.com dass er erst vor wenigen Wochen bei der Blitzmeisterschaft von Toronto gespielt, und sich vor diesem Turnier extra noch mit einigen Blitzregeln befasst hatte, aber die Regel im Zusammenhang mit ungedrehten Türmen war ihm unbekannt. 

"Während der Partie wusste ich nicht, dass man seinen Bauern automatisch in einen Turm umwandelt, wenn man einen umgedrehten Turm auf das Brett stellt. Ich habe den Turm doch nur genommen weil keine Dame auf dem Tisch war... Ich wollte doch den Bauern nie und nimmer in einen Turm umwandeln."

Dann sagte er noch, dass das aufstellen eines umgedrehten Turms "Instinkt" gewesen sei.

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Noritsyn, zweiter der kanadischen Meisterschaft 2017. Foto: John Upper, der seine eigene Meinung über das Playoff hier veröffentlichte.

"Ich fühlte mich im Tiebreak unfair behandelt," sagte Noritsyn zu Chess.com. "Nachdem ich jetzt aber das Video gesehen habe, fühle ich mich um den Sieg betrogen."

Zusätzlich zu der versteckten Dame befanden sich auch keine weiteren Damen auf dem Tisch, für den Fall, dass ein Spieler einen Bauern in eine zweite Dame umwandeln würde, wie es in solchen Playoffs eigentlich üblich ist.

"Es ist schon komisch, dass wir bei unserer Nationalen Meisterschaft keine Schiedrichter haben, die zwei Extra-Damen auf den Tisch stellen" schrieb IM Aman Hambleton in einem Online Forum.

Noritsyn fühlt sich zu unrecht bestraft und sagte zu Chess.com, dass Sambuev eine Zeitgutschrift, wegen eines ungülitgen Zuges von ihm, bekommen hätte sollen.

Kurioserweise besagt die Regel 7.4(a), dass wenn Noritsyn ...d1 gezogen, und den Bauern stehen gelassen und die Uhr gedrückt hätte, genau dies passiert wäre. Dann hätte die Schiedrichter Sambuev 2 Minuten auf der Uhr dazugegeben und Schwarz hätte eine zweite Chance bekommen, seine Figur korrekt umzuwandeln.

Nortisyn schrieb in einen Schachforum, dass er Sambuev auf keinen Fall Betrug unterstellen wolle. Im Video ist zu sehen, dass sich Sambuev aus der ganzen Diskussion heraushält. Noritsy sagte, dass er nach der Partie seinem Gegner auf russisch gratulierte und "den Ort der Schande" auf dem schnellsten Weg verlassen hatte. Dann machten sich beide Spieler zufälligerweise im selben Bus auf den Rückweg nach Toronto und Sambuev wünschte Nortsyn noch "udachi" (viel Glück).

Obwohl der die bessere Feinwertung hatte und auch das direkte Duell für sich entscheiden konnte, sagte Noritsyn, dass es "nichts gerechteres, als dass man in einem Tiebreak beweist, dass man der bessere Spieler ist, gibt".

Chess.com wollte auch mit Sambuev sprechen, aber bis heute haben wir noch keine Antwort von ihm erhalten.

Hier ist noch die klassische Partie, die die beiden bei diesem Turnier gespielt haben:

Sambuev übermittelte nur eine Stellungsnahme, inder er sagte, dass aufgrund vertraglicher Verpflichtungen nicht zu den Besonderheiten des Vorfalls Stellung nehmen kann. Er sagte auch, dass laut den FIDE-Regeln vor Ort keine Beschwerden während eines Playoffs gemacht werden können.

Noritsyn bestätigte gegenüber Chess.com, dass er beim kanadischen Schachverband, der für solche Fälle ein Berufungs Komittee hat, eine Beschwerde eingereicht hat. Er beruft sich dabei auf die Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Umwandlung keine Dame auf dem Tisch war und auf FIDE Regel 12.1 die etwas schwammig formuliert: "Die Spieler sollen nichts machen, was den Schachsport in Verruf bringen könnte."

Wie er sagt, ist es dabei unerheblich, ob er denke, dass Sambuev die Dame absichtlich oder versehentlich "versteckt" hatte.

Kanadische Meisterschaft 2017: Endstand (Top 10)

Platz Titel Name ELO Land TB1 TB2 TB3
1 IM Noritsyn, Nikolay 2473 8,0 26,5 44,50
2 GM Sambuev, Bator* 2539 8,0 26,5 40,00
3 FM Thavandiran, Shiyam 2363 6,0 25,5 28,00
4 FM Yu Zong Yang 2393 6,0 23,5 29,25
5 Itkin, David 2147 5,5 25,5 24,00
6 IM Hambleton, Aman 2471 5,0 25,0 23,75
7 Clyde, Jordan 2173 5,0 23,5 21,75
8 FM Plotkin, Victor 2265 5,0 22,0 21,00
9 FM Sohal, Tanraj S. 2319 5,0 22,0 19,75
10 Huang Qiuyu 2034 4,5 24,0 20,00

*Sieger des Playoffs

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