Carlsen sorgt mit neuem Club für Ärger; Teilnahme an der WM 2020 fraglich

Carlsen sorgt mit neuem Club für Ärger; Teilnahme an der WM 2020 fraglich

TarjeiJS
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0 | Schachpolitik

Der Name Magnus Carlsen war heute in Norwegen einmal mehr in aller Munde, weil er einen neuen Schachclub gegründet hat, der den ersten 1.000 Mitgliedern eine kostenlose Mitgliedschaft verspricht, wobei Carlsen die Gebühren für den Verband selbst entrichtet.

Carlsen sagte, der Verein sei geschaffen worden, um neuen Spielern zu helfen und das norwegische Schach zu stärken. Kritiker sagten jedoch, der Verein sei ausschließlich dazu gedacht, eine bevorstehende Abstimmung über einen umstrittenen Sponsorenvertrag im norwegischen Schachverband zu beeinflussen.

Ferner deutete Carlsen an, dass er den WM-Kampf 2020 möglicherweise nicht bestreiten würde, falls dieser in Norwegen ausgetragen werden sollte, was einige norwegische Schachfans verärgerte.

Hintergrund: Der Kindred Group Deal.

Anfang Juni schockierte der Vorstand des norwegischen Schachverbands viele Schachfans, als er einen möglichen 5.9 Millionen Dollar Deal mit dem in Malta ansässigen Glücksspielgiganten Kindred Group, der für Marken wie Unibet und Maria Casino bekannt ist, ankündigte.

Jegliche Werbung für ausländische Glücksspielunternehmen ist in Norwegen verboten. Die Kindred Group bot dem Schachverband aber einen Fünfjahresvertrag an, um sich die Unterstützung des Schachverbands für eine Änderung des geltenden Gesetzes zu sichern. Momentan ist das staatliche Unternehmen Norsk Tipping das einzige staatlich lizenzierte Glücksspielunternehmen Norwegens.

Die norwegische Glücksspielaufsichtsbehörde Lottstift warnte den Schachverband, im Falle einer Zusammenarbeit mit dem Unternehmen, das in Norwegen illegal operiert, "Konsequenzen" zu prüfen.

Während das Schachinteresse an Norwegen hauptsächlich dank Carlsen und der landesweiten Fernsehberichterstattung boomt, ist das Budget des nationalen Schachverbandes, der bis heute keinen Sponsor anwerben konnte, limitiert. Unterstützer sehen den Deal als Chance, die Anzahl der Mitglieder im Verband zu erhöhen und Spieler zu unterstützen, die "der nächste Magnus Carlsen" werden wollen.

Kritiker sind der Meinung, dass der Schachverband nicht von einer so kontroversen Firma beeinflusst werden und unpolitisch bleiben sollte.

Magnus Carlsen
Magnus Carlsen. Foto: Maria Emelianova / Chess.com.

Carlsen deutet an, dass er eine WM 2020 in Norwegen möglicherweise boykottieren würde.

Der umstrittene Deal sorgte schon in Stavanger, wo die Organisatoren des Altibox Norway Chess-Turniers versuchten, die Finanzierung für Carlsens nächstes Duell um die Weltmeisterschaft im Jahr 2020 zu sichern, für Aufsehen.

Führende Politiker in der Stadt forderten den Schachbund auf, das Angebot der Kindred Group abzulehnen. Andernfalls würden sie ihre Unterstützung von 580.000 USD für die offizielle Bewerbung zurückziehen.

Der Schachverband reagierte prompt und zog sich als formeller Organisator zurück. Aber Carlsens Reaktion war für viele Schachfans schockierend.

In einer Facebook Post deutete Carlsen an, dass er möglicherweise aus dem WM-Zyklus aussteigen würde, sollte Stavanger den Zuschlag aus Ausrichter bekommen.

"Der Kindred-Deal hat keinen Einfluss auf die Chance, dass ich bei einer Weltmeisterschaft in Stavanger 2020 teilnehmen werde", schrieb Carlsen in dem Beitrag, der aus dem Norwegischen übersetzt wurde. "Sie kann auch sehr gut ohne mich stattfinden".

Carlsen ist schon seit längerem gegen Stavanger als Gastgeber der nächsten WM und hat dies sowohl den Organisatoren als auch seinem Verband gegenüber geäußert. Bisher hat er nicht erklärt, warum, und das Carlsen-Team lehnte es ab, dies gegenüber Chess.com zu kommentieren.

"Ich respektiere Stavangers Entscheidung, den Bewerbungsprozess fortzusetzen, und ich kann nichts Schlechtes über die Organisatoren sagen", sagte Carlsen. "Ich glaube jedoch, dass die Entscheidung des Verbandes, meine Signale zu ignorieren und mich trotzdem für Stavanger einzuplanen, sehr seltsam war. Ich weiß, dass ich natürlich nicht entscheide, wer die Weltmeisterschaft oder andere Turniere organisieren wird und ich verstehe, dass es viele Meinungen und Gefühle dazu gibt, aber ich habe das Recht zu entscheiden, ob ich spielen möchte und wo nicht," schrieb Carlsen.

Carlsen fuhr fort und machte deutlich, dass er den Kindred-Deal sehr befürwortet.

"Mein Fazit ist, dass ich, wenn dieser Deal legal ist, absolut empfehlen würde, mit Ja zu stimmen", sagte Carlsen. Er fügte hinzu, die Annahme, dass er oder jemand aus seinem Team etwas von diesem Geld erhalten würde, wäre "total verrückt".

Magnus Carlsen
Magnus Carlsen (links). Foto: Maria Emelianova / Chess.com.

Carlsens erntet Kritik für seinen neuen Club.

Carlsens nächster Zug erfolgte am Dienstag und diese Entscheidung rief die stärksten Reaktionen hervor. Carlsen entschloss sich, einen neuen Schachclub zu gründen, Offerspill (Opferspiel), und die ersten 1000 Mitglieder erhalten eine kostenlose Mitgliedschaft, was Carlsen bis zu 60.000 US-Dollar an Verbandsgebühren kosten wird.

"Magnus Carlsen wird diese Kosten als direkte Spende an den norwegischen Schachverband ansehen", sagte Carlsens Vater Henrik Carlsen 
gegenüber VG.

Carlsen veröffentlichte auf der offiziellen Clubseite ein Video, auf dem er sagt, er wolle jedem, unabhängig von seiner finanziellen Situation oder seinem Hintergrund die Möglichkeit geben, Schach zu spielen.

Bereits wenige Stunden später hatte der Club eine Mitgliederzahl von 1000 erreicht, was es dem Club ermöglicht, am 7. Juli 40 Delegierte zum Kongress zu entsenden, die dann für den Kindred Deal mit JA stimmen könnten.

Dieser Zug wurde von den mittlerweile wütenden Kritikern als transparenter Trick angesehen, um die bevorstehende Abstimmung zu beeinflussen.

"Das ist eine zynische Kriegserklärung", urteilte VG-Sportkommentator Leif Welhaven und Esten O. Saether, ein Journalist bei Dagbladet nannte diese Entscheidung einen "hässlichen Fehler."

Carlsens Manager Espen Agdestein gab gegenüber NRK eine Erklärung ab, in der er die Entscheidung des Weltmeisters, einen eigenen Verein zu gründen, verteidigte:

"Er möchte nur die nächste Generation ernsthafter Spieler fördern", sagte Agdestein in einer Erklärung, die aus dem Norwegischen übersetzt wurde. "Er glaubt, dass das norwegische Schach ein großes Potenzial hat und dass viele junge Spieler hinter ihm stehen, aber mit den Budgets, mit denen wir im norwegischen Schach zu tun haben, ist es unmöglich, etwas zu erreichen."

Ob der Deal mit Kindred Group legal ist oder ob Carlsens neuer Club abstimmen darf, bleibt abzuwarten. Der norwegische Schachverband wurde aufgefordert, eine weitere rechtliche Analyse des Deals durchzuführen, und am Dienstag erklärte sein Präsident Morten L. Madsen, er werde auch untersuchen, ob Carlsens neuer Verein legal ist.

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