Carlsen gewinnt das Gashimov Memorial
Magnus Carlsen hatte das Gashimov Memorial bereits eine Runde vor Ende gewonnen, aber beendete das Turnier im Stil eines wahren Champions. Am Dienstag besiegte er noch Alexander Grischuk und beendete das Turnier damit mit 2 Punkten Vorsprung. Ein Vorsprung, den die Schachwelt in einem Superturnier seit 4.5 Jahren nicht mehr gesehen hatte!
Nachdem er seine eigene Partie sehr schnell remisiert hatte, sagte Anish Giri: "Es sieht so aus, als ob der einzige, der wirklich kämpfen will, derjenige ist, der nicht mehr kämpfen muss. Magnus scheint der einzige zu sein, der wirklich für seinen Sieg kämpft. "
Carlsen hat sich dafür entschieden und sein Kampfgeist wurde mit seinem dritten Sieg in Folge belohnt. Er beendete das Turnier mit 7 von 9 möglichen Punkten und erzielte damit den überlegensten Sieg, seit Fabiano Caruanas Sieg beim Sinquefield Cup 2014. Bei der Abschlussfeier nannte Carlsen es eines der besten Turniere, die er je gespielt hatte, "sowohl was die Leistung als auch was die Qualität der Spiele angeht".
Die Turnierleistung von 2988 Punkten, rief bei einigen Kollegen in Shamkiri Superlative hervor.
Teimour Radjabov: "Eine außerirdische Leistung, wirklich einzigartig. Besser kann selbst Carlsen nicht spielen."
Grischuk: "Ich denke, Magnus hat heute einfach fantastisch gespielt."
Wie immer, hatte der Norweger Tarjei Svensen schnell einige Statistiken zur Hand. Zum Beispiel, dass Carlsen im Jahr 2019 eine Elo-Leistung von 2927 (+10 =12 -0) erbracht hat und jetzt seit 50 Partien ungeschlagen ist.
Carlsens Elo beträgt jetzt 2861 - nur 21 Punkte weniger als bei seiner Karrierebestleistung vom Mai 2014. Das letzte Mal hatte er im Juni 2015 eine so hohe Elo (2876).
Er führt die Weltrangliste jetzt mit 44 Punkten Vorsprung vor Caruana an. Das letzte Mal, dass er 44 Punkte Vorsprung vor der Nummer 2 der Welt hatte, war im September 2016 (damals war Maxime Vachier-Lagrave die Nummer 2 der Welt).
Die Partie Carlsen gegen Grischuk begann mit einer Anti-Berlin Eröffnung und bereits im 8. Zug verließen die Spieler die Theorie. Nach einigen natürlichen Zügen entschied sich der Norweger die Damen zu tauschen und ein symmetrisches Zentrum anzustreben. Dabei gab ihm sein vorgerückter a-Bauer einen minimalen Vorteil.
Grischuk hatte das Gefühl, total überspielt worden zu sein: "Ich glaube, ich habe nur einen schlechten Zug gemacht: 16...b5." Nach 17.Sb3 Lxb3 und 18.Lxb3 hatte Weiß das Läuferpaar gewonnen.
"Ich hatte es irgendwie im Gefühl, dass diese Stellung schlecht ist," sagte Grischuk zur Stellung nach 34 Zügen. "Da sind Fesselungen, Gegenfesselungen und einige Mattmotive. Manchmal ist das gut für Schwarz und manchmal gut für Weiß..."
Grischuk: "Ich dachte, dass ich hier schon in Schwierigkeiten war, aber 35.Td2 hat mich völlig überrascht."
Carlsen bemerkte, dass alle Taktiken zugunsten von Weiß enden würden. "Es geht einfach alles."

Radjabov fand im Nachhinein, dass es eine "generell extrem dumme Entscheidung" gewesen war, gegen David Navara, der ja selbst ein Caro-Kann Spieler ist, genau diese Eröffnung zu spielen. Überrascht hat er seinen Gegner dadurch allerdings schon und er hatte die Variante ja für seine Partie gegen Grischuk ohnehin vorbereitet.
Nach 20 Zügen war der aserbaidschanische Großmeister von seiner Stellung aber überhaupt nicht entzückt. "Ich war nur noch optimistisch, weil ich schon seit 8 Partien nicht mehr verloren hatte."
Weil es seinem Gegenüber dann auch nicht gelang, die besten Züge zu finden, gelang Radjabov dann sein neuntes Remis in Folge - genau wie im letzten Jahr in Shamkir - und verteidigt damit seinen 12. Platz in der Weltrangliste. Nicht schlecht für einen Spieler, der so wenige Partien pro Jahr spielt!
Navara hingegen erzielte 1.5 Punkte mehr als im Vorjahr. "Ich bin froh, dass ich so viele interessante Partien spielen konnte. Normalerweise spiele ich bei Superturnieren ja meistens nicht so gut."
Der bescheidene Großmeister sagte sogar, dass er es eigentlich gar nicht verdient gehabt hätte, hier zu spielen. Er war der Meinung, dass eigentlich Vladimir Artemiev seinen Platz verdient gehabt hätte, aber Radjabov berichtigte ihn und nannte die Partie Navara gegen Ding Liren "eine Perle" und "eine wirklich großartige Partie."
Vishy Anand und Veselin Topalov, die ja 2010 um die Weltmeisterschaft gespielt hatten, spielten ihre 72. klassische Partie gegeneinander. Da das Ergebnis war zum 40. Mal ein Remis (bei 19 Siegen und 13 Niederlagen aus der Sicht von Anand).
Anand schien in der italienischen Eröffnung einen kleinen Vorteil zu haben, aber es hing alles vom Durchbruch des d-Bauern ab.
"Entweder funktioniert der Durchbruch, oder nicht," sagte Topalov. "In dieser Partie sah es so aus, als ob ich Ausgleichen könnte."
Die restlichen beiden Partien waren nicht besonders aufregend; bei Superturnieren ist es allerdings ziemlich normal, dass sich Spieler, die entweder nichts mehr zu gewinnen haben oder einfach außer Form sind, schon früh auf Remis einigen, weil sie das Turnier eigentlich nur noch beenden wollen.
Die Partie Shakhriyar Mamedyarov gegen Sergey Karjakin war schon nach etwas über einer Stunde vorbei. Es war eine dieser typischen Damengambit Partien, die wir noch aus dem Caruana-Carlsen Match in Erinnerung haben.
Karjakin: "Eigentlich habe ich mir diese Variante für Weiß angesehen und sie dann einfach mal mit Schwarz gespielt."
Beide Spieler folgten der Partie Carlsen-Anand aus diesem Turnier; Karjakin wich dann jedoch mit dem präzisen Zug 17...Tb8 ab und schon bald darauf begannen die beiden, ihre Züge zu wiederholen.
Über seinen geteilten zweiten Platz mit Ding sagte Karjakin:
"Es war wie erwartet ein sehr interessantes Turnier, aber durch die gestrige Partie habe ich es vermasselt. Ich hatte meine Variante vergessen (...) Ich hatte einen wichtigen Zug ausgelassen."
Er gab auch zu, dass er sich mit seinem Sekundanten Denis Khismatullin auf 1...e5 konzentriert hatte (da Carlsen ja nur ein Remis benötigte) und von der Variante mit 8...Se7 etwas überrascht wurde.
"Ich kann aber immerhin behaupten, dass ich es versucht und gekämpft habe," sagte Karjakin. "Ein geteilter zweiter Platz ist ja kein schlechtes Resultat, aber wenn man schon einmal Plus 2 hat, hofft man natürlich auf mehr."
Ding Liren und Anish Giri verbrachten noch weniger Zeit am Brett: Nur etwa 17 Minuten. Es war die selbe theoretische Remisvariante, die schon zum Beispiel Vassily Ivanchuk 2015 in Wijk aan Zee gespielt hatte, um gegen Carlsen zu remisieren.
Carlsen, der damals sechs Partien in Folge gewonnen hatte und unbedingt Caruanas Siegesserie vom Sinquefield Cup egalisieren wollte, sagte nach dieser Partie: "Das ist kein Schach, das ist ein reiner Blödsinn."
Giri beschrieb das heute Remis etwas anders:
"Wir waren beide gut genug vorbereitet, um zu wissen, wie wir ein Remis erreichen können. Wir haben das aber nicht abgesprochen. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Partie abgesprochen. Aber wenn ich mir die Variante, die mein Gegner heute gespielt hat, ansehe, dann weiß ich was er will. Und ich habe Schwarz... Ich habe ihn nach der Partie gefragt, ob er mir keine Chance geben wollte, die Rote Laterne abzugeben. Heute hatte ich auf jeden Fall keine Chance mein Comeback zu starten!"
Ding sagte, dass er nach der langen Partie vom Vortag keine Energie mehr hatte und außerdem ja keine Chance mehr hatte, das Turnier zu gewinnen. Es machte also nicht viel Sinn, auf Gewinn zu spielen.
Giri: "Wenn Du eine Partie mit Turm gegen Springer gewinnst, musst Du ja keine weiteren mehr gewinnen. Das passt schon!"
Gashimov Memorial 2019 | Abschlußtabelle
| # | Land | Name | ELO | Leistung | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 0 | Punkte | SB |
| 1 | Carlsen,Magnus | 2845 | 2988 | ½ | 1 | ½ | 1 | 1 | ½ | 1 | ½ | 1 | 7.0 | |||
| 2 | Ding,Liren | 2812 | 2813 | ½ | ½ | ½ | 1 | ½ | 1 | 0 | ½ | ½ | 5.0 | 22.25 | ||
| 3 | Karjakin,Sergey | 2753 | 2819 | 0 | ½ | ½ | ½ | 1 | ½ | ½ | ½ | 1 | 5.0 | 20.25 | ||
| 4 | Radjabov,Teimour | 2756 | 2780 | ½ | ½ | ½ | ½ | ½ | ½ | ½ | ½ | ½ | 4.5 | 20.25 | ||
| 5 | Grischuk,Alexander | 2771 | 2779 | 0 | 0 | ½ | ½ | ½ | 1 | 1 | ½ | ½ | 4.5 | 18.25 | ||
| 6 | Anand,Viswanathan | 2779 | 2779 | 0 | ½ | 0 | ½ | ½ | ½ | ½ | 1 | 1 | 4.5 | 17.5 | ||
| 7 | Topalov,Veselin | 2740 | 2743 | ½ | 0 | ½ | ½ | 0 | ½ | ½ | 1 | ½ | 4.0 | 17.5 | ||
| 8 | Navara,David | 2739 | 2743 | 0 | 1 | ½ | ½ | 0 | ½ | ½ | ½ | ½ | 4.0 | 17.25 | ||
| 9 | Mamedyarov,Shakhriyar | 2790 | 2699 | ½ | ½ | ½ | ½ | ½ | 0 | 0 | ½ | ½ | 3.5 | |||
| 10 | Giri,Anish | 2797 | 2656 | 0 | ½ | 0 | ½ | ½ | 0 | ½ | ½ | ½ | 3.0 |
Beim Gashimov Memorial gab es ein Preisgeld von 100,000 Euro zu gewinnen. Der Sieg war mit 30,000 Euro dotiert. Es fand vom 31. März bis zum 5. April im Heydar Aliyev Centre in Shamkir, Aserbaidschan, statt.
Die Bedenkzeit betrug 2 Stunden für die ersten 40 Züge, dann eine Stunde für die nächsten 20 Züge und 15 Minuten für den Rest der Partie. Ab dem 61. Zug erhielten die Spieler einen Zeitbonus von 30 Sekunden für jeden gespielten Zug. Remisgebote vor dem 41. Zug waren nicht erlaubt.
Weitere Berichte vom Gashimov Memorial (alle auf Englisch):
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