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Carlsen gibt ein Statement ab: 'Ich glaube, Niemann hat schon öfter betrogen'
Magnus Carlsen. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Carlsen gibt ein Statement ab: 'Ich glaube, Niemann hat schon öfter betrogen'

PeterDoggers
| 10 | Schachspieler

"Ich glaube, dass Niemann mehr – und auch in jüngerer Zeit – betrogen hat, als er öffentlich zugibt", schrieb Magnus Carlsen in einer mit Spannung erwarteten Erklärung über den angeblichen Betrug von Hans Niemann. Das Statement hat der Weltmeister auf Twitter gepostet.

Carlsen beginnt damit, dass er nicht nur er selbst, sondern die gesamte Schachwelt aufgrund dieser Situation frustriert ist. Dann verwendet er das Wort "Betrug", womit er nach dem mysteriösen Tweet, den er am 5. September gesendet hat und in dem Jose Mourinho zu sehen ist, wie er sagt: "Ich ziehe es vor nichts zu sagen, denn wenn ich etwas sage, bin ich in großen Schwierigkeiten" endlich konkret wird.

Carlsen bestätigte auch, was Fabiano Caruana erst kürzlich in einem Podcast gesagt hatte, dass er schon vor dem Turnierstart des Sinquefiled Cups, gleich nachdem er erfahren hatte, dass Niemann kurzfristig für Richard Rapport einspringen würde, über einen Rückzug aus dem Turnier nachgedacht hatte.

Der wohl wichtigste Satz in seiner Erklärung lautet: "Ich glaube, dass Niemann mehr – und auch in jüngerer Zeit – betrogen hat, als er öffentlich zugibt". Carlsen gibt jedoch nicht an, ob er sich auf Online-Schach oder auf Over-the-Board-Schach bezieht.

In Bezug auf Online-Schach hat Niemann zugegeben, zweimal, als er 12 und als er 16 Jahre alt war, auf Chess.com betrogen zu haben und dass er das bereut. In einer am 9. September veröffentlichten Erklärung schrieb Danny Rensch im Namen von Chess.com: "Wir haben ihm detaillierte Beweise bezüglich unserer Entscheidung, einschließlich Informationen, die seinen Aussagen bezüglich des Umfangs und der Schwere seines Betrugs auf Chess.com widersprechen, vorgelegt."

Carlsen, der nach seiner Niederlage gegen Niemann beim Sinquefield Cup das Turnier verlassen hatte, enthüllt in seiner Erklärung, dass er auch Niemanns Spielweise in dieser Partie mit einem gewissen Misstrauen betrachtet.

Die große Frage, ob der Weltmeister handfeste Beweise für einen Betrug von Niemann hat, bleibt aber auch nach der Veröffentlichung des Statements unbeantwortet. Carlsen scheint aus rechtlichen Gründen eingeschränkt zu sein und schreibt: "Leider bin ich derzeit in dem, was ich sagen kann, eingeschränkt und kann ohne die ausdrückliche Erlaubnis von Niemann nicht offen sprechen."

Hier ist eine Übersetzung des Statements:

Liebe Schachwelt,

Beim Sinquefield Cup 2022 traf ich die beispiellose professionelle Entscheidung, nach meiner Partie in der dritten Runde gegen Hans Niemann das Turnier zu verlasse. Eine Woche später, während der Champions Chess Tour, gab ich meine Partie gegen Hans Niemann auf, nachdem ich nur einen Zug gespielt hatte.

Ich weiß, dass viele Schachfans diese Entscheidungen nicht nachvollziehen konnten. Ich bin aber auch selbst frustriert. Ich möchte Schach spielen. Ich möchte weiterhin Schach bei den besten Turnieren und auf höchstem Niveau spielen.

Ich glaube, dass Betrug im Schach eine große Sache und eine existenzielle Bedrohung für das Spiel ist. Ich glaube auch, dass Schachorganisatoren und alle, die sich um die Ehrlichkeit des Spiels, das wir alle lieben, kümmern, ernsthaft darüber nachdenken sollten, Sicherheitsmaßnahmen und Methoden zur Betrugserkennung im Over-the-Board-Schach zu erhöhen. Bereits als Niemann in letzter Minute zum Sinquefield Cup 2022 eingeladen wurde, habe ich stark in Erwägung gezogen, mich vor dem Event zurückzuziehen. Letztendlich habe ich mich dann aber doch fürs Spielen entschieden.

Ich glaube, dass Niemann mehr – und auch in jüngerer Zeit – betrogen hat, als er öffentlich zugibt. Die Entwicklung seiner Elo ist einfach unnatürlich und während unserer Partie beim Sinquefield Cup hatte ich den Eindruck, dass er in kritischen Stellungen nicht angespannt war oder sich nicht einmal voll auf die Stellung konzentriert hat. Und gleichzeitig hat er mich mit Schwarz auf eine Art und Weise überspielt, von der ich glaube, dass es nur eine handvoll Spieler können. Diese Partie hat dazu beigetragen, dass sich meine Sichtweise verändert hat.

Wir müssen etwas gegen Betrug unternehmen, und ich für meinen Teil möchte nicht gegen Leute spielen, die in der Vergangenheit wiederholt betrogen haben, weil ich nicht weiß, wozu sie in der Zukunft fähig sind.

Ich möchte gerne noch mehr sagen, aber leider ist es mit zu diesem Zeitpunkt nicht möglich, ohne die ausdrückliche Erlaubnis von Niemann offen zu sprechen. Bisher konnte ich nur mit meinen Taten sprechen, und diese Taten haben klar zum Ausdruck gebracht, dass ich nicht bereit bin, mit Niemann Schach zu spielen. Ich hoffe, dass die Wahrheit in dieser Angelegenheit, was auch immer sie sein mag, bald ans Licht kommt.

Mit freundlichem Gruß
Magnus Carlsen – Schachweltmeister

PeterDoggers
Peter Doggers

Peter Doggers joined a chess club a month before turning 15 and still plays for it. He used to be an active tournament player and holds two IM norms.

Peter has a Master of Arts degree in Dutch Language & Literature. He briefly worked at New in Chess, then as a Dutch teacher and then in a project for improving safety and security in Amsterdam schools.

Between 2007 and 2013 Peter was running ChessVibes, a major source for chess news and videos acquired by Chess.com in October 2013.

As our Director News & Events, Peter writes many of our news reports. In the summer of 2022, The Guardian’s Leonard Barden described him as “widely regarded as the world’s best chess journalist.”

In October, Peter's first book The Chess Revolution will be published!


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