Schach WM: Caruana strauchelt, aber rettet ein Remis

Schach WM: Caruana strauchelt, aber rettet ein Remis

Glücklicherweise ist London eine Metropole, in der man Rund um die Uhr etwas zu Essen bekommt, denn die beiden Großmeister beendeten ihre Partie erst spät am Abend.

Es war nicht seine längste Partie in einer Weltmeisterschaft, aber für Magnus Carlsen hat sie sich wohl so angefühlt. Nach 115 Zügen musste er einsehen, dass er aus seinem Mehrbauern keinen Profit schlagen konnte und bot seinem Herausforderer Fabiano Caruana ein Remis an. Somit endete die erste Partie der Schachweltmeisterschaft 2018 also Unentschieden, aber es war ein Remis der unterhaltsameren Sorte.

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In gewisser Weise ähnelte der fast siebenstündige Kampf den jüngsten Begegnungen aus diesem Jahr. Wie schon im August beim Sinquefield Cup, baute Carlsen einen beachtlichen Vorsprung auf, konnte aber nicht konvertieren(dieses Mal gab es aber keine zweideutigen Gesten nach der Partie). Der Champion stimmte dem Vergleich zu dieser Partie gegenüber Chess.com zu, fand aber, dass die Partie noch mehr der Partie, die die beiden bei den Grenke Chess Classics gespielt haben ähnelte, denn dort entstand wie heute, ein Turmendspiel.

Die 115 Züge waren 10 zu wenig um den Rekord für die längste Partie aller Zeiten zu brechen (Karpov-Korchnoi, 1978, Partie 5), aber es war immerhin die längeste Partie zwischen den beiden, denn keine der bisherigen Partien ging über mehr als hundert Züge. Und das sind immerhin schon über 30!

Carlsen Caruana

Fabiano Caruana und Magnus Carlsen: Wer hat in der ersten Runde das größere Ausrufezeichen gesetzt? | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Es ist schwer zu sagen, wer das psychologische Duell gewonnen hat. Einerseits konnte Carlsen mit Schwarz bequem Ausgleich erzielen und war nach der theoretischen Phase der aktivere Spieler. Andererseits kam Caruana gut in die Partie und überstand die typische Unnachgiebigkeit Carlsens, die an eine Neuauflage des Duells gegen Karjakin erinnerte, schadlos.

Ein Großteil der Norwegischen Presse, die jeden Zug und jede Geste ihres Nationalhelden verfolgt, wanderte ständig zwischen dem Turniersaal und dem Pressezentrum hin und her. Zuerst dachten die norwegischen Kollegen, dass Carlsen gewinnen würde und wollten die besten Plätze bei der Pressekonferenz haben (das Ende der Pressekonferenz wurde von Chessbase auf YouTube gestellt). Dann kehrten sie zurück, nur um die besten Plätze im Pressezentrum abermals zu besetzen, weil sie jetzt mit einem frühen Remis rechneten. Die Presse scheint die Stellungsbewertungsleiste zu beobachten, wie ein Seismologe ein Seismogramm.

Fabiano Caruana

Caruanas Verteidigungskünste erinnerten an den WM-Kampf gegen Karjakin 2016. | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Bevor die Partie überhaupt begann, war schon etwas Sonderbares zu beobachten. Ein Schwarm von Fotojournalisten stürzte sich auf die ersten Züge der Partie - was für Carlsen sicher weniger neu war als für Caruana (der nach der Partie sogar darüber sprach). Als die Presse noch um die beste "Stellung" kämpfte, war Caruana mit seiner eigenen schon nicht zufrieden!

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FIDE Pressesprecher GM Danny King (ganz links) musste erkennen, dass der Umgang mit einem hungrigen Pressekorps in der ersten Runde vielleicht schwieriger als jede Schachöffnung ist, aber er blieb ruhig und freundlich. | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Wie ist es möglich, dass man mit dem ersten Zug nicht zufrieden ist? Besonders, wenn man mit Weiß spielt? Der Emmy-preisgekrönte Schauspieler und Schach-Superfan Woody Harrelson machte den feierlichen Eröffnungszug, aber er verstand Caruanas Flüstern nicht und zog 1. d4 statt 1. e4. Caruanas Sekundanten waren entsetzt, aber ihr Chef blieb ruhig und fragte die Offiziellen, ob es in Ordnung wäre, wenn er einen anderen Zug spielen würde.

"Es tut mir leid, ich dachte Du hättest 1.d4 gesagt!" entschuldigte sich Harrelson bei Caruana und die "Hunger Spiele" konnten beginnen.

Woody Harrelson Fabiano Caruana

Woody Harrelson zieht den falschen Bauern. | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Die Beiden spiegeln sehr genau eine obskure Partie wider, die nur weniger als eine Woche alt ist. In der Eröffnungsrunde der Frauen-Weltmeisterschaft 2018 spielten IM Anastasia Bodnaruk und WGM Sabrina Vega Gutierrez in einer rasanten Tiebreak-Partie fast die gleiche Eröffnung, wobei die beiden Damen die Bauernzüge a4 und a5 mit eingeflochten hatten. Wie GM Ian Rogers gegenüber Chess.com erklärte, bedeutete das Ausbleiben dieser Züge, dass Carlsen sicher auf den Damenflügel rochieren konnte, was er auch tat.

Genau wie in dem Scouting-Bericht, den Carlsen kürzlich in einem Interview preisgegeben hatte, setzte Caruana auf die Kontrolle des Zentrums und platzierte dort 2 Bauern die nach 12 Zügen keinem einzigen schwarzen Bauern gegenüber standen. Carlsens Flügelangriff erwies sich jedoch als gefährlich.

Magnus Carlsen

Carlsen konnte zwar nicht gewinnen, war aber nicht allzu enttäuscht, denn schließlich dominierte er fast die gesamte Partie. | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Caruana schaffte es irgendwie, eine miserable Stellung und einen Königsangriff zu überleben. Er sagte später, dass er einige Züge lang dachte, dass er verloren war und in der Tat untermauern die Schachcomputer seine Befürchtung.

Kurz vor dem 40. Zug hatten beide Spieler nur noch sehr wenig Bedenkzeit und laut Caruana hat Carlsen hier etwas übereilt mit 39...Dg7 auf die Kontrolle der a1-h8-Diagonale gespielt. Der Herausforderer dachte, er hätte stattdessen auf kleine Verbesserungen seiner Stellung und diese Idee besser vorbereiten müssen, da Weiß ja in einer Art Zwangsjacke gefangen war.

Stattdessen ging der Norweger direkt auf Bauernraub auf der langen Diagonale, was ihm aber nicht viel einbrachte. Caruana spielte seinen 40. Zug mit drei Sekunden auf der Uhr und hielt dann das schlechtere Endspiel.

US-Meister Sam Shankland hat die Partie analysiert:

Sam Shankland

Wollt ihr eine weitere Analyse? Alex Yermolinsky hat eine weitere Idee für Carlsen im 39. Zug. Anstatt kleine Verbesserungen vorzunehmen empfiehlt "Onkel Yermo" brachiale Gewalt und entdeckte das fantastische Qualitätsopfer 39...Tg3!

Und auch Woody hängt wohl in Kürze seinen Schauspieler Beruf an den Nagel und wird Schachanalyst. Das Zeug dazu hat er auf jeden Fall:

Woody Harrelson Anna Rudolf

Ja sicher, Anna Rudolf ist eine IM, aber hat sich schon einmal gegen Garry Kasparov Remis gespielt, wie Woody Harrelson?! | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Dass Caruana auch vor der zweiten Zeitkontrolle nur wenige Sekunden auf der Uhr hatte bleibt eine Randnotiz ohne Folgen. Wenden wir also dem zu, was vor der Runde stattfand. Carlsen betrat den Spielsaal lange bevor die Runde begann und sah sich, besonders die oberen Bereiche des Spielsaals, genau an.

Magnus Carlsen

Der Weltmeister suchte nach einem Zugzähler. Die Presse durfte sich nur während der ersten 5 Minuten der Partie im Spielsaal aufhalten, aber der Reporter konnte in diesen 5 Minuten keinen entdecken. | Foto: Mike Klein/Chess.com.

Schließlich rief er die Schiedsrichterassistentin WGM Nona Alexandria zu sich und führte ein Gespräch mit ihr. Während dieser Reporter das Treffen zwar sah, fand der Austausch jedoch zu weit entfernt statt, um den Dialog hören zu können. Der Journalistenkollege John Saunders hörte jedoch, wie Carlsen über das Fehlen eines Zugzählers sprach, nach er offenbar erfolglos gesucht hatte.

Carlsen verlor ja eine berühmte Partie gegen Veselin Topalov durch Zeitüberschreitung, obwohl dies nichts mit der Anzahl der Züge zu tun gehabt hatte. Allerdings ist dies 2011 Hikaru Nakamura passiert, als er fälschlicherweise dachte, er hätte seinen 40. Zug schon ausgeführt, was aber nicht der Fall war, und daraufhin die Partie im 39. Zug auf Zeit verlor.

Cristian Chirila

Caruana bereitete sich mit mehreren Sekundanten in einem Trainingslager in Spanien auf diese Weltmeisterschaft vor. Diese sind aber jetzt entweder zurück in St. Louis oder wurden zumindest nicht gesehen. Heute zeigte sich auf jeden Fall nur GM Cristian Chirilavom "Team Fabi" der Öffentlichkeit. (Rex und Jeanne Sinquefield sind zwar auch vor Ort, aber dass sie Fabiano eine schachliche Hilfe sind, ist eher unwahrscheinlich.) | Foto: Mike Klein/Chess.com.

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Das Video der Pressekonferenz ist noch nicht fertig; Chess.com wird es aber in Kürze an dieser Stelle veröffentlichen.. | Foto: Mike Klein/Chess.com.

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Natürlich könnt ihr die Weltmeisterschaft live auf Chess.com verfolgen. Ferner findet ihr jeden Tag Berichte, Fotos und Analysen auf Chess.com/news. Alle Partien könnt ihr auf Chess.com/wcc2018 nachspielen und die Live-Übertragungen mit unseren Kommentatoren IM Danny Rensch und GM Robert Hess findet ihr auf Twitch.tv/Chess oder Chess.com/TV. Die beiden werden außerdem abwechselnd von Schachgrößen wie Hikaru Nakamura, Maxime Vachier-Lagrave, Wesley So und Sam Shankland unterstützt.

GM Alex Yermolinsky wird jeden Tag ein Video mit den Höhepunkten des Tages veröffentlichen, welches ihr auf Twitch, YouTube, Facebook und Chess.com ansehen könnt. 

US-Meister GM Sam Shankland wird jede Partie für euch analysieren.

Und an jedem Ruhetag wird euch GM Yasser Seirawan mit exklusiven Videos für Chess.com Mitglieder unterhalten. 


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