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Schachspielerinnen werden seit Jahren mit vulgären Briefen belästigt
Auch Spielerinnen, die beim FIDE Chess.com Grand Swiss teilgenommen hatten, haben diese Briefe bekommen. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Schachspielerinnen werden seit Jahren mit vulgären Briefen belästigt

PeterDoggers
| 2 | Sonstige

WARNUNG: Dieser Bericht enthält verstörende Informationen sexueller Natur.

Seit über einem Jahrzehnt bekommen mindestens 15 Schachspielerinnen Briefe mit Seiten aus Pornomagazinen und gebrauchten Kondomen. Diese beunruhigende Nachricht wurde heute vom Online-Nachrichtendienst Meduza veröffentlicht. Medzua will auch den Absender der Briefe ermittelt haben.

In einem außergewöhnlichen Beispiel von Recherchejournalismus, beschreiben die Meduza-Journalistinnen Kristina Safonova und Lilia Yapparova die Briefe im Detail, sprachen mit vielen beteiligten Spielerinnen und anderen relevanten Persönlichkeiten und spürten sogar mit der Hilfe eines Hackers den wahrscheinlichen Täter, einen lettischen IM, auf.

Die Briefe, die hauptsächlich an junge russische Spielerinnen und teils sogar an Mädchen im Teenageralter verschickt wurden, waren wirklich verstörend und werden im Artikel ausführlich beschrieben:

Die Briefe enthielten normalerweise eine Seite aus einem pornografischen Magazin mit einem oder mehreren Bildern. (...) Der Absender faltetet die Seite in der Mitte und steckt ein Kondom hinein. Im Kondom: Sperma. Er benutzte immer weiße Umschläge. Falls ein Umschlag ein transparentes Sichtfenster hatte, verklebte er es. Er frankierte die Briefe immer mit Briefmarken, die Bilder von blauen Wildblumen, roten Mohnblumen, einem leuchtenden Fliegenpilz, einem Dachs im Gras oder einem Weltraumsatelliten zeigten. Dann schreibt er in ungleichmäßiger, leicht kindlicher Schrift die Adresse auf den Umschlag und warf den Brief in einen Briefkasten in Riga.

Die Briefe wurden an mindestens 15 Spielerinnen verschickt. Manchmal zu ihnen nach Hause, manchmal aber auch zu ihrem Verein oder an ihre Universität. Laut Meduza waren fünf der Spielerinnen unter 18 Jahre alt, als sie die Briefe erhielten, der Rest unter 30. Der allererste Brief, der gefunden werden konnte, wurde 2009 verschickt. Der jüngste Fall wurde während des FIDE Chess.com Grand Swiss 2021 bekannt (siehe unten).

Zu den Spielerinnen, die solche Briefe erhalten haben, gehören laut dem Artikel GM Valentina Gunina, IM Bibisara Assaubayeva, IM Alina Bivol, IM Anastasia Bodnaruk, IM Anastasia Savina, WGM Daria Voit, WGM Dina Belenkaya, WIM Irina Utiatskaja und WIM Anna Styazhkina. Die 26-jährige Bivol scheint die meisten Briefe erhalten zu haben: 15 insgesamt. Den ersten bekam sie, als sie 17 war.

Alina Bivol
Alina Bivol erhielt 15 dieser Briefe. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Der Absender hat eine Vielzahl von Namen verwendet. Manchmal mit echten Adressen, um den Empfängern vorzugaukeln, dass diese Personen hinter den Briefen steckten. Zum Beispiel stand auf dem Brief an Assaubayeva, den er 2018, als sie erst 14 Jahre alt war, an ihren Moskauer Schachclub geschickt hatte, der Name des ehemaligen FIDE-Weltmeisters Alexander Khalifman auf der Rückseite des Umschlags. Einschließlich seiner Adresse in St. Petersburg.

Assaubayevas Mutter, Lina Tanzharikova, kontaktierte daraufhin die Polizei. Sie hatte nie geglaubt, dass Khalifman hinter dem Brief stecken würde und veröffentlichte auf der russischen Seite chess-news.ru einen Artikel über den Vorfall.

Die Spielerinnen sprechen verständlicherweise nicht gerne über diese Angelegenheiten, was ein Grund dafür sein könnte, dass es ein Jahrzehnt gedauert hat, bis das Ausmaß der Angelegenheit ans Licht kam. Eine Spielerin bemerkte, sie wolle "dem Stolz des Absenders nicht frönen". Auch waren nicht alle Spielerinnen gleichermaßen davon betroffen.

Chess.com sprach mit Valentina Gunina, die insgesamt fünf Briefe erhalten hat. Den ersten im Jahr 2013, als sie 24 Jahre alt war. In einem Online-Gespräch sagte sie: "Es hat mich nicht wirklich berührt. Ich denke, ich war alt genug."

Valentina Gunina
Gunina: "Es hat mich nicht wirklich berührt. Ich denke, ich war alt genug." Photo: Maria Emelianova/Chess.com.

Den letzten Brief hat Gunina beim FIDE Chess.com Grand Swiss Anfang November in Riga erhalten. Mindestens zwei weitere Spielerinnen erhielten während dieses Turniers ebenfalls einen Brief.

"Alle waren so geschockt", sagte Gunina, die danach mit den anderen Spielern in Kontakt stand. Bis Riga wusste sie nicht, dass auch andere Spielerinnen solche Briefe erhalten. "Niemand hat darüber gesprochen. Also dachte ich, dass nur ich diese Briefe bekommen würde."

Nachdem eine der Spielerinnen einen Brief geöffnet hatte verständigte das Hotelpersonal sofort die Polizei und begann, die weiteren Briefe abzufangen.

Die FIDE fungierte dann als Vermittler zwischen den Spielerinnen und der Polizei, die ihre Ermittlungen startete, während das Turnier noch im Gange war. "Wir haben die Polizei gebeten, die Spielerinnen nicht mehr als nötig zu stören und sie haben sich sehr professionell verhalten", sagte FIDE-Geschäftsführerin Dana Reizniece-Ozola gegenüber Chess.com und fügte hinzu: "Die Spielerinnen waren sehr kooperativ und hilfsbereit."

Laut Reizniece-Ozola läuft in Lettland derzeit eine polizeiliche Untersuchung. Das hat die FIDE auch auf Twitter mitgeteilt:

Im Herbst 2019 wurde die russische Polizei über den Vorfall informiert. Viel gebracht hat das aber noch nicht. Laut einer Meduza-Quelle, die mit dem Verlauf der Ermittlungen in diesem Fall vertraut ist, sahen die Ermittler in diesen Briefen keine Straftat und haben sich bis jetzt geweigert, ein Verfahren zu eröffnen.

Jetzt ist aber auch die lettische Polizei involviert und die Meduza-Recherchen werden bei den Ermittlungen sicherlich hilfreich sein, da die Autoren starke Argumente dafür zu haben scheinen, wer der Absender der Briefe ist. Mit der Hilfe von Handschriftexperten, Forenbetreibern, einem Internetanbieter und einem Hacker verdächtigen sie einen lettischen IM, der in russischen Foren mit dem Namen "Afromeev's Cat" aktiv ist. Wie sich herausstellte, wird er auch von lettischen Spielern verdächtigt, den IM-Titel auf unehrliche Weise erlangt zu haben. Dafür gibt es aber keine Beweise.

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Der Rating-Verlauf des betreffenden Spielers zeigt einen verdächtigen Elo-Zuwachs von 2177 auf 2441 zwischen Juli und Oktober 2008. Quelle: FIDE.

WGM Anna Burtasova, deren jüngere Schwester 2012 einen Brief erhalten hatte (ebenfalls mit dem Absender Khalifman), verbrachte einige Zeit damit, herauszufinden, wer die Person hinter "Afromeev's Cat" sein könnte. Seine teilweise verstörenden Forenbeiträge hatten gewisse Ähnlichkeiten mit den Briefen. In einem Forum verwendet er bis heute ein Foto von Burtasova als Profilbild. Wie Meduza herausgefunden hat, benutzte er sogar ihren Nachnamen als Antwort auf eine Sicherheitsfrage zur Wiederherstellung seines Passwortes.

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Afromeev's Cat benutzt im Peshka Forum ein Foto von Burtasova als Profilbild.

Burtasova ist sich ziemlich sicher, dass Meduza den Täter ausfindig gemacht hat und dass es sich dabei um dieselbe Person handelt, die online als "Afromeev's Cat aktiv ist: "Ich kenne diesen Typen nicht, aber die Beweise, die Meduza liefert, scheinen eindeutig zu sein. Ich glaube den Recherchen von Meduza."

PeterDoggers
Peter Doggers

Peter Doggers joined a chess club a month before turning 15 and still plays for it. He used to be an active tournament player and holds two IM norms.

Peter has a Master of Arts degree in Dutch Language & Literature. He briefly worked at New in Chess, then as a Dutch teacher and then in a project for improving safety and security in Amsterdam schools.

Between 2007 and 2013 Peter was running ChessVibes, a major source for chess news and videos acquired by Chess.com in October 2013.

As our Director News & Events, Peter writes many of our news reports. In the summer of 2022, The Guardian’s Leonard Barden described him as “widely regarded as the world’s best chess journalist.”

In October, Peter's first book The Chess Revolution will be published!


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