Speedchess Viertelfinale: Nakamura besiegt Caruana mit 17:10

Speedchess Viertelfinale: Nakamura besiegt Caruana mit 17:10

Hikaru Nakamura wurde seiner Favoritenstellung gerecht und setzte sich im dritten Viertelfinale souverän gegen Fabiano Caruana durch. Das Endergebnis von 17:10 war ziemlich genau das Ergebnis, welches das neue Statistik System, das von einem Chess.com Mitglied entwickelt wurde, vorausgesagt hat.

Nakamura, der das Viertelfinale von Florida aus bestritt, zeigte sich besonders in schwierigen Situationen kreativ und erfinderisch. Caruana, der in St. Louis spielte, konnte mit seinem Gegner durchaus mithalten, aber ihm unterliefen dann ungewöhnlich viele und grobe Fehler.

Nakamura trifft im Halbfinale auf Sergey Karjakin. Der Spieltermin wird in Kürze veröffentlicht werden. Das vierte und letzte Viertelfinale zwischen Magnus Carlsen und Wesley So findet am 18. November statt.

Alle Informationen über die Speed Chess Meisterschaft findet ihr hier.

null

Kein anderer Elitegroßmeister hat mehr Erfahrung im Online Schach als Nakamura und somit gilt der Amerikaner fast in jedem Duell als Favorit. Die Zahlen bestätigen das: Naka war vor dem Duell mit einem Blitzrating von 3051 die Nummer 1 auf Chess.com während Caruana, mit 2677 die Nummer 100 war. Wie FM Mike Klein bemerkte, spielte also die Nummer 1 gegen die Nummer 100 - aber so schlecht standen die Chancen für Caruana jetzt auch nicht.

Am Anfang war das Duell noch völlig ausgeglichen und es war sogar Caruana, der den ersten Sieg landen konnte:

Nakamura schlug aber in seiner Lieblingseröffnung (1.b3) sofort zurück. Er sollte sich die gesamten 3 Stunden auf Eröffnungszüge, die von Bent Larsen und Aron Nimzowitsch inspiriert waren ( 1.Sf3, 2.b3) verlassen und erklärte nach dem Duell, dass ihm solche Eröffnungen helfen schneller zu spielen und Zeit auf der Uhr zu gewinnen. "Man kommt mit diesen Zügen auch ganz gut in die Partie," sagte Nakamura weiter.

Man muss aber zugeben, dass Schwarz nach der Eröffnung eigentlich gut stand und die Partie erst nach einem Fehler im Turmendspiel verlor.

In der dritten Partie sahen wir die zweite Anti-Berlin Eröffnung, das dritte lange Endspiel und das erste Remis. In der vierten Partie ging Nakamura dann in Führung und diese sollte er den ganzen Abend nicht mehr hergeben. Es war die bis dahin kürzeste und interessanteste Partie:

Die nächste Partie endete wieder mit einem Remis, aber welch ein Remis das war! "Eine der besten Speed Chess Partien aller Zeiten," frohlockte der Kommentator IM Danny Rensch. "Eine unglaubliche Partie," fand Kommentator GM Simon Williams. 

Die beiden hatten da natürlich noch nicht diese Analyse gesehen.

Bevor wir zur ganzen Partie kommen, haben wir aber zunächst ein Puzzle für euch. Würdet ihr hier 44.Td7 oder 44.e6+  spielen? Die Antwort findet ihr dann in der Partie selbst

Die schwarzen Züge ...f5 und ...g5 sind in geschlossenen Katalanischen Stellungen ja nicht unüblich, aber als Schwarz seinem h-Bauern freien Lauf ließ wurde die Partie dramatisch. Die Fragezeichen hinter den Zügen wären nur bei längeren Bedenkzeiten gültig und sind keinesfalls eine Kritik an den Spielern. In solch komplexen Stellungen finden oft nur Computer die versteckten Feinheiten und die besten Züge.

Die Vorentscheidung fiel dann in den Partien sieben und acht. Nakamura gewann beide Partien, obwohl es eigentlich Caruana war, der sich 1.5 Punkte verdient gehabt hätte. Die erste der beiden Pariten hätte er gewinnen müssen, aber man muss Nakamura zugestehen, dass er eine fantastische Möglichkeit fand, um ein Chaos aufs Brett zu bringen.

null

Nach 8 Partie war die Zeit des ersten Drittels abgelaufen und es stand noch eine Schach960 Partie an. Die Spieler waren aber schneller als die Angestellten von Chess.com und starteten eine weitere reguläre Partie, bevor der Modus auf Schach960 geändert werden konnte.

Caruana spielte in dieser Partie das beste Schach des gesamten Abends, aber leider konnte diese Partie nicht gewertet werden.

Caruana war verständlicherweise verärgert. Nach dem Duell sagte er: "Es war wirklich frustrierend, dass die Partie, die ich gewonnen hatte, nicht gewertet wurde."

null

Danny Rensch entschuldigte sich für den Vorfall und versprach: "Chess.com wird alles versuchen um eine solche Situation in der Zukunft zu vermeiden. Wir werden für die nächsten Duelle eine technische Lösung dafür haben."

Nakamura gewann das erste Drittel mit 6.5:2.5 und das sollte das deutlichste Ergebnis eines Drittels bleiben.

Ergebnis: 5|2 Bedenkzeit

Land Spieler FIDE-ELO 1 2 3 4 5 6 7 8 9 Gesamt
Hikaru Nakamura 2857 0 1 ½ 1 ½ ½ 1 1 1 6.5
Fabiano Caruana 2728 1 0 ½ 0 ½ ½ 0 0 0 2.5

In den ersten beiden Partien des zweiten Drittels konnte Nakamura seine Führung um zwei weiterer Punkte ausbauen und beide Partien waren sich extrem ähnlich: Turmendspiel - Caruana steht gut - Caruana macht einen Riesen-Fehler - Nakamura gewinnt.

Der nächste Fehler war sogar noch gröber. In der Übertragung konnten wir sehen, wie Caruana zuerst überrascht und dann verärgert war. Er schüttelte 15 Sekunden lang den Kopf und klickte schließlich auf "Aufgeben"...

Durch solche Fehler mit 2.5:8.5 in Rückstand zu geraten ist natürlich ein schweres Los. Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand meh einen Cent auf Caruana gesetzt. Er gab aber niemals auf und zeigte in vielen Partien exzellentes Schach.

Die 13. Partie gewann Caruana, obwohl Nakamura einige tierische Taktiken auspackte:

Es folgten wieder 2 Remis, wobei Partie Nummer 15 107 Züge lang dauerte. Das war aber, weil Nakamura in einer absoluten Remisstellung weiterspielte und vor seinem letzten Zug sogar noch 48 Sekunden auf der Uhr herunterticken lies, bevor er Caruana erlaubte, seinen letzten Bauern zu schlagen.

Einige Partien später sollte Nakamura diese Strategie wiederholen und ein ungewinnbares Bauernendspiel bis zum bitteren Ende ausspielen.

Der Grund dafür war einfach, Zeit von der Gesamtspieldauer zu nehmen, was ja den in Führung liegenden Spieler einen Vorteil verschafft. Alexander Grischuk hat letzten Monat bei seinem Viertelfinale gegen Maxime Vachier-Lagrave dieselbe Taktik angewandt und nach der Partie gesagt, dass es ja im letzten Jahr Magnus Carlsen gegen ihn selbst schon gemacht hätte.

null

Auch wenn das natürlich absolut Regelkonform ist, gefiel dies den Fans natürlich nicht. GM Georg Meier fand einen treffenden Vergleich:  "Im Fußball gibts dafür eine Gelbe Karte."

Die letzte Partie im zweiten Drittel gewann Nakamura aber Caruna schlug in der abschließenden Schach960 Partie zurück und somit endete das zweite Drittel mit 4.5:3.5.

Ergebnis: 3|2 Bedenkzeit

Land Spieler FIDE-ELO 1 2 3 4 5 6 7 8 Gesamt
Hikaru Nakamura 2857 1 1 ½ 0 ½ ½ 1 0 4.5
Fabiano Caruana 2728 0 0 ½ 1 ½ ½ 0 1 3.5

Im Bulletschach wurden 10 Partien gespielt und nur 2 davon endeten mit einem Remis - ziemlich typisch für Schach mit einer so geringen Bedenkzeit.

Nachdem Nakamura, wie schon im zweiten Drittel, die ersten beiden Partien gewinnen konnte stand es 13:6 und die Entscheidung über den Einzug ins Halbfinale war längst gefallen. Die Partien blieben aber weiterhin hochklassig und spannend. In dieser Partie verließ sich Nakamura auf einen typischen Bullet Aufbau und beendete sie mit einer taktischen Idee, die er sicher schon des Öfteren benutzt hat:

Nakamura gewann auch den Bullet-Abschnitt, aber eigentlich weniger souverän, als es erwartet worden war. Vor seinem finalen Zug in der 21. Partie fand er sogar Zeit, in die Kamera zu lächeln:

Ergebnis: 1|1 Bedenkzeit

Land Spieler FIDE-ELO 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 Gesamt
Hikaru Nakamura 2857 1 1 0 1 1 ½ 0 ½ 0 1 6
Fabiano Caruana 2728 0 0 1 0 0 ½ 1 ½ 1 0 4

"Ich habe mich vor dem Duell überhaupt nicht auf Eröffnungen vorbereitet, aber ich glaube, ich habe ganz brauchbare Stellungen erhalten," sagte Caruana im Interview nach dem Viertelfinale. "Die Partien, die ich verloren habe, habe ich nicht wegen der Eröffnungen verloren, sondern wegen Fehlern. Ich habe einfach zu viele und zu große Fehler gemacht."

null

Nakamura, der seinen Kopf öfters im Rhythmus geschaukelt hat, sagte, dass er sich AFI und Offspring angehört hat. "Nachdem ich die richtige Musik gefunden hatte ging es mir richtig gut."

Im Chat fügte er später noch hinzu: "'You're gonna go far, kid' war das beste Lied des Abends. Ich hatte das in einer Dauerschleife laufen und dabei 3 aus 3 gemacht."

Nakamura, der seit kurzem für Chess.com auf Twitch streamt, denkt, dass Caruana ebenfalls ein guter Streamer wäre: "Fabiano ist sehr gut im Erklären seine eigenen Züge und Gedanken."

Über das Halbfinale gegen Karjakin sagte Nakamura: "Wenn er sein ganzes Potential ausschöpft ist er ein sehr starker und gefährlicher Gegner. Ich glaube aber, dass ich speziell im Bulletschach gute Chancen habe."

Die gesamte Liveübertragung mit den Kommentaren von Danny Rensch und Simon Williams könnt ihr hier nochmal ansehen:


Mehr über die Speed Chess Meisterschaft:

Mehr von PeterDoggers
Biel, Runde 10: Carlsen sichert sich den zweiten Platz

Biel, Runde 10: Carlsen sichert sich den zweiten Platz

Biel, Runde 9: Mamedyarov besiegt Carlsen und gewinnt das Bieler Schachfestival

Biel, Runde 9: Mamedyarov besiegt Carlsen und gewinnt das Bieler Schachfestival