Weil er einen Betrugsfall gemeldet hat: GM Solozhenkin wurde gesperrt!

Weil er einen Betrugsfall gemeldet hat: GM Solozhenkin wurde gesperrt!

PeterDoggers
PeterDoggers
13.04.2018, 02:01 |
1 | Schachpolitik

Der Ethik-Ausschuss der FIDE hat GM Evgeniy Solozhenkin wegen unbewiesener Betrugsvorwürfe, die er in mehreren Artikeln in Internet veröffentlicht hat, gesperrt. Eine Gruppe von Großmeistern hat daraufhin einen offenen Brief geschrieben, in dem sie Solozhenkin unterstützen.

Dieser Vorfall hat die russische Schachwelt schockiert und selbst Monate später haben sich die Wellen nicht geglättet. Einem 13-jährigen Mädchen, dessen Rating das Niveau von einem IM erreicht hat, wurde von einem bekannten russischen Trainer unterstellt, im vergangenen September bei der U14 WM in Uruguay betrogen zu haben.

Es begann am 26. September 2017, als Solozhenkin in einem russischen Forum einen langen Kommentar veröffentlichte. Er beschrieb dabei eine Szene, die sich angeblich während der zweiten Runde der Jungendweltmeisterschaften in Montevideo ereignet hatte und die seine Tochter Elizaveta (Liza) Solozhenkina beobachtete.

"Ich würde diesen Text nicht schreiben, wenn es nicht diesen Vorfall in der zweiten Runde der Jugendweltmeisterschaft in Uruguay gegeben hätte. Während der Partie suchte Bibisara Assaubayeva die Damentoilette auf und Elizaveta Solozhenkina folgte ihr mit einigem Abstand. Elizaveta sah, dass Assaubayeva in der hintersten Toilette verschwand und schlich sich in die Toilette daneben. Nach einer Weile hörte Elizaveta Assaubayeva sehr leise fragen: "Wie ist die Bewertung?" Nachdem sie offensichtlich eine Antwort erhalten hatte, sagte sie "gut" und verließ die Damentoilette."

Elisaveta Solozhenkina

Solozhenkins Tochter: Elisaveta Solozhenkina. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Solozhenkin fährt fort, indem er über Assaubayeva's ELO-Zuwachs schreibt. Von Februar bis September hat sie sich um fast 250 Punkte, von 2177 auf 2420 verbessert. Ferner behauptet er, dass ein Spieler Assaubayeva angeblich mit einem elektronischen Gerät gesehen hat. Der Spieler meldete dies allerdings nicht den Schiedsrichtern und Solozhenkin nannte auch nicht den Namen des Spielers.

Dann präsentiert er einige Stellungen aus den letzten Partien und argumentiert, dass ein Spieler ihrer Stärke normalerweise keine solchen Züge machen würde. Hier ist das erste Beispiel. Solozhenkin's Anmerkungen stammen aus einem Forum und sind aus dem russischen übersetzt.

Solozhenkin zeigt dann noch mehr aus seiner Sicht zweifelhafte Partien die auch aufzeigen, dass er sich mit dem Thema wirklich ausgiebig beschäftigt hat. Er erwähnt auch, dass er noch während des Turniers eine Beschwerde an den Anti-Betrugs-Ausschuss der FIDE schrieb und diese dem Hauptschiedsrichter persönlich übergab. Sein Forumsbeitrag endet dann mit:

"Mehr habe ich nicht zu sagen. Auch wenn ich keinerlei Beweise habe liegt für mich das Vertrauen gegenüber Bibisara Assaubayeva bei Null. Ich bin mir des Risikos bewusst, welches ich mit meinen Anschuldigungen eingehe. Ich weiß aber nicht, wie ich meine Tochter zu Turnieren schicken kann, wenn dort solche Sachen passieren und ich diesbezüglich nur Schweigen würde, weil es dem Schachsport schaden könnte. Erst durch diese Veröffentlichung kann ich meiner Tochter wieder in die Augen sehen!"

Assaubayeva, Bibisara

Bibisara Assaubayeva 2015. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Das war aber nur der Anfang

Solozhenkin's Vorwürfe machten in Russland die Runde, nachdem sie 3 Tage später auf der beliebten russischen Schachseite Chess-News veröffentlicht wurden. Der russische Großmeister und Schachkommentator Sergey Shipov schrieb am nächsten Tag auf seiner Facebook Seite. Er ergriff zwar keinerlei Partie, aber nannte die ganze Geschichte "widerlich".

Unter den Kommentaren auf Shipov's Facebook Seite findet sich ein Kommentar des ehemaligen Europameisters und heutigen russischen Nationaltrainers, GM Vladimir Potkin. Er schrieb:

"Meiner Meinung nach ist ein Betrug absolut ausgeschlossen. Der Artikel zeigt lediglich Beispiele, in denen Bibisara starke Züge fand, die alle überraschten. Ich kann aber sagen, dass ihre Entscheidungen keinen unnatürlichen Ursprung haben und sie auch während unseren gemeinsamen Trainings immer wieder solche Züge findet. Bei der Analyse ihrer Partien zeigt sie immer wieder ihre starke Vorstellungskraft und zeigt eine große Anzahl interessanter Varianten auf und teilt diese auch gerne mit ihren Gegnerinnen."

GM Sergey Zagrebelny aus Usbekistan, ein weiterer bekannter Autor und Kommentator, teile seine Meinung auf Facebook und auf Chess-News mit und verlangte von Assaubayeva's Mutter, Liana Tanzharikova, eine Antwort. Er erhielt diese am 9. Oktober, 13 Tage nach der Veröffentlichung von Solozhenkin's Vorwürfen.

Die Mutter antwortet

Tanzharikova begann damit, den Turniersaal in Montevideo zu beschreiben (sie fertigte sogar eine handgezeichnete Skizze davon) und argumentierte, dass Slozhenkina gar nicht beiläufig sehen konnte wann und ob ihre Tochter auf die Toilette ging, da sie mit dem Rücken zu ihrer Tochter und zum Ausgang saß. Da aber Slozhenkinas Partie über 1,5 Stunden vor Assaubayevas Partie beendet war, wäre es möglich gewesen, dass sie ihr mehr als einmal aktiv auf die Toilette folgte.

Liana Tanzharikova

Liana Tanzharikova. | Foto mit Genehmigung von Facebook.

Sie schrieb auch, dass ihre Tochter Bibisara auf Toiletten nicht mit sich selbst redet und stellte die Geschichte in Frage, dass jemand Bibisara mit einem elektronischen Gerät gesehen und dies dem Schiedsrichter nicht gemeldet hätte. Tanzharikova hinterfragte auch die Argumentation von Solozingking bezüglich seiner Schachanalyse und reagierte auf Shipov und Zagrebelny.

Assaubayeva-Solozhenkina Partie?

Als Nächstes mischte sich der Journalist Evgeny Atarov ein und brachte etwas Humor in die Debatte. Er schlug nämlich eine Partie zwischen Assaubayeva und Solozhenkina vor. "Wie haben die alten Aristokraten solche Situationen gelöst? Richtig! Sie forderten den Gegner zu einem Duell heraus!" GM Sergey Beshukov, der Präsident des Schachverbands Krasnodar lobte dann auch gleich eine Siegesprämie von 200,000 Rubel ($3,468) für die Siegerin aus, aber die Partie kam bis heute nicht zu Stande.

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Es wurde sogar schon ein Plakat gedruckt.

Da Solozhenkin einer der offiziellen Verbandstrainer des russischen Schachverbands ist, sah sich jetzt der russische Verband genötigt, einzuschreiten. Am 14. Oktober wurde diese Stellungsnahme von Mark Gluhovsky auf der Webseite des russischen Schachverbandes veröffentlicht.

Der russische Schachverband

Gluhovsky wies darauf hin, dass Solozhenkin keinen klaren Beweis geliefert hatte, und Assaubajewa deshalb nicht "ihre Unschuld beweisen" muss. Aber obwohl man Solozhenkins Forumseintrag missbilligt ("die russische Schachföderation hält es für ethisch nicht vertretbar, Betrugsvorwürfe, die durch keine Beweise untermauert sind, zu veröffentlichen"), gibt es keine Absicht, darauf zu reagieren, da es "in der richtigen Form geschrieben wurde und die Veröffentlichung des Artikels lediglich ein Ausdruck seiner persönlichen Position wäre."

Einen Tag später veröffentlichte Solozhenkin einen weiteren Artikel auf Chess-News, der Screenshots eines Chats zwischen seiner Tochter und seiner Frau vom 2. Turniertag in Montevideo enthielt. Dort schrieb seine Tochter ihrer Mutter von dem Vorfall auf der Toilette und nannte Assaubayeva eine Betrügerin. Damit wollte Solozhenkin zeigen, dass er sich diese Geschichte nicht selbst ausgedacht hatte. Ferner unterstellte er Tanzharikova, dass sie Fake-Accounts auf Facebook und in Foren anlegen würde, um ihn mit diesen Identitäten einen "Lügner und Verleumder" zu nennen.

Assaubayeva's Leistung

Die nächsten Monate schien dann Gras über den Vorfall zu wachsen. Assaubayeva spielte einige Turniere mit wechselndem Erfolg. Bei der U20 WM im italienischen Tarvisio brachte sie eine ELO Leistung von 2297. Bei der Schnellschach WM in Riad erzielte sie eine Leistung von 2511 und bei der Blitz WM nur einige Tage später eine Leistung von nur 2037.

Bibisara Assaubayeva

Assaubayeva konnte bei der Schnellschach WM in Riad GM Kateryna Lagno ein Remis abringen. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Vor den Vorwürfen erzielte Assaubayeva (die mittlerweile 14 Jahre alt ist und einen FM Titel trägt) einige beachtliche Leistungen. So gewann sie z.B. 2011 die U8 Weltmeisterschaft der Mädchen in Brasilien und die U9 Weltmeisterschaften der Mädchen 2012 in Rumänien und 2013 in Griechenland. Bei der U10 Weltmeisterschaft der Mädchen, 2014 in Südafrika, wurde sie Zweite.

Der Fall geht vor Gericht

Inzwischen hat sich Assaubayevas Mutter mit einem berühmten Anwalt in Verbindung gesetzt, der sich bereit erklärte, den Fall kostenlos zu übernehmen. Zusammen bereiteten sie eine Klage gegen Solzhenkin vor und fordern drei Millionen Rubel (fast 50.000 Dollar) Schadenersatz für psychologische Schäden und verlorenes Ansehen. Dieser Prozess begann im Februar und das Urteil wird am 20. April erwartet.

Bibisara Assaubayeva and Liana Tanzharikova

Bibisara Assaubayeva und Liana Tanzharikova. | Foto mit Genehmigung von Facebook.

Tanzharikova erklärte Chess.com, warum sie vor Gericht zog:

"Das Ziel ist es, die Ehre und Würde meiner minderjährigen Tochter zu schützen. Leider gibt es nicht viele Präzedenzfälle. Im Schach existieren sie überhaupt nicht, aber das ist nichts anderes als moralische Gewalt gegen eine Person. Besonders wenn Kinder beteiligt sind muss Gewalt bestraft werden. Jeder kennt die Gesetzte und niemand darf sie verletzen."

Sie schickten auch eine offizielle Beschwerde an den Ethik Ausschuss der FIDE, der daraufhin von Solzhenkin eine Verteidigungsaussage erhielt.

Im Februar brachte das russische Fernsehen eine Reportage über den Vorfall.

In dieser Reportage wiederholt Solozhenkin seine Standpunkte während Tanzharikova behauptet, dass ihre Tochter seit den Vorwürfen Solozhenkins schon mehrfach bei Turnieren von Schiedsrichtern auf elektronische Hilfsmittel durchsucht worden wäre. Ferner wurde erwähnt, dass Assaubayeva mit so berühmten Trainern wie Elmar Magerramov und Sergey Dolmatov trainiert.

In dem Video wird ferner ein Telefonat mit Alexei Shirov zitiert (Man sollte aber erwähnen, dass Shirov ein guter Freund von Solozhenkin ist):

"Ich habe mir einige von Bibisara's Partien angesehen. Die Stellungen waren sehr kompliziert und sie hat keinerlei Fehler gemacht. Das ist mittels Computerprogrammen überprüft. Und wenn ein unbekannter Schachspieler, der noch nicht viel erreicht hat, auf einmal ein fehlerloses Spiel zeigt, dann hat das immer einen etwas seltsamen Beigeschmack."

Der Ethik Ausschuss der FIDE

Am 19. März hat der Ethik Ausschuss der FIDE ein Urteil gefällt (hier als PDF).

Der Ausschuss weist darauf hin, dass er nicht nur Dokumente von Solozhenkin und Tanzharikova erhalten hat, sondern auch einen Bericht einer Untersuchungskammer (die Sohlschekins Betrugsbeschwerde bezüglich des fraglichen Turniers untersuchte) und Berichte des Turnierschiedsrichters und einen Bericht von Professor Kenneth Regan, der eine detaillierte Analyse über eine mögliche Verwendung von Engines während Schachpartien erstellt hat. Er schrieb:

"Nach Überprüfung der Argumente hat es der Beschwerdeführer meiner Meinung nach versäumt, eine Analyse zu liefern, die seine Behauptungen unterstützt. Laut meiner eigenen Analyse - einem neutralen und automatisierten wissenschaftlichen Verfahren - gibt es keinen Beweis für einen Betrug."

Solozhenkin sagte darauf zu Chess.com:

"Ich glaube nicht, dass man mit irgendeiner Analyse einen Betrug oder die Unschuld eines Spielers nachweisen kann. Nicht mit meiner Analyse, aber auch nicht mit der Methode von Professor Regan. Ich denke, dass die Methode von Herrn Regan keine Fälle von sogenanntem "intelligentem Betrug" aufdecken kann und deshalb nicht als offizielles Instrument verwendet werden sollte, um einen verdächtigen Spieler für schuldig oder unschuldig zu erklären."

"Eine Analyse kann lediglich zu einer Verdächtigung führen. Als Beweis kann nur ein echter Beweis sein: Elektronische Geräte, die am Körper eines Spielers gefunden wurden, eine während des Spiels aufgezeichnete Unterhaltung oder ein abgefangenes Signal zwischen einem Spieler und seinem Komplizen."

Das Urteil des Ethikausschusses besagt, dass Solozhenkin den Ethikkodex der FIDE verletzt habe. Er wurde nicht für schuldig befunden, unbegründete Vorwürfe bezüglich des Toilettenvorfalls bei der Jugend WM in Uruguay 2017 veröffentlicht zu haben, sondern "eher für die unbegründeten Behauptungen des Betrugs im Allgemeinen (in Bezug auf andere Turniere), die er in seinen veröffentlichten Artikeln gemacht hat".

Francois Strydom, Vorsitzender des Ethikausschusses, sagte  zu Chess.com.

"Er erhielt eine 18-monatige Sperre, was bedeutet, dass er bei keinem offiziellen Turnier im FIDE-Kalender anwesend sein darf und / oder an einem FIDE-Meeting teilnehmen kann, sei es als Organisator, Spieler, Trainer, Manager, Schiedsrichter, Begleitperson, Delegierter, Vertreter oder in irgendeiner anderen Eigenschaft. Er kann auch nicht als Spieler an einem FIDE-Event teilnehmen."

Die Hälfte der Sanktionsfrist (neun Monate) wurde für die Dauer von 24 Monaten zur Bewährung ausgesetzt."

Laut Tanzharikova ist die Bestrafung des Ethikausschusses der FIDE nicht hart genug. Sie sagte Chess.com:

"Ich hätte solch einem Trainer die Arbeit mit Kindern untersagt, da Solozhenkin das Konzept der Pädagogik nicht verstanden hat. Die Strafe passt, unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Bibisara eine Minderjährige ist und Solozhekin seinen Titel als Trainer der Russischen Nationalmannschaft für persönliche Zwecke missbraucht hat, nicht zur Tat..

Ich bin dafür, gegen Betrug zu kämpfen, aber man darf deshalb kein Kind missbrauchen und beschuldigen. Nicht nur als Vater, sondern auch als Großmeister. Außerdem reichte er eine formelle Beschwerde ein, auf die der Schiedsrichter antwortete. Dann begannen der Schiedsrichter meine Tochter zu beobachten und dann schickten sie alle Partien an die Anti-Betrugskommission. Jetzt muss man auf den Abschlussbericht warten und kann nicht die Anschuldigungen in der ganzen Welt herumposaunen.

Leider ist diese Bestrafung laut dem gegenwärtigen Stand der Dinge nicht so hart. Es gibt viele Schlupflöcher. Das heißt, die Anweisungen gegen ihn werden nicht umgesetzt, und die aktuellen Aktivitäten von Herrn Solozhenkin werden nur wenig beeinflusst. Er reist weiterhin zu Turnieren in Russland und ins Ausland und setzt seine Coaching-Arbeit fort."

Evgeniy Solozhenkin

Evgeniy Solozhenkin. | Foto: Russischer Schachverband.

Einen Tag nach der Urteilsverkündung veröffentlichte Sohozhkin seine Meinung darüber in einem weiteren ausführlichen Artikel auf Chess-News und stellte auch viele relevante Dokumente zum Download bereit. In dem Artikel veröffentlich Solozhenkin auch eine Liste dessen, was er "Tanzharikovas Lügen" nennt.

Er weist zum Beispiel auf diesen Satz von ihr hin:

"Solozhenkin schrieb mit seiner Tochter an den Hauptschiedsrichter, dass meine Tochter Assaubayeva Bibisara elektronische Hilfsmittel verwenden würde."

Solozhenkin weist darauf hin, dass seine Tochter nicht anwesend war, als er die Beschwerde verfasste und dass es seine persönliche Entscheidung war und es deshalb keinen Sinn machen würde, dass Tanzharikova nicht nur eine Sperre für ihn, sondern auch für seine Tochter fordere.

Er stellt außerdem fest, dass die Spieler bis zur fünften Runde (und nicht, wie Tanzharikova behauptete, bis zur vierten Runde) nicht mit Metalldetektoren überprüft wurden, während der Vorfall (wenn er denn stattfand) in der zweiten Runde stattgefunden hatte. (Solzhenkin sagte gegenüber Chess.com, dass dies im Widerspruch zu dem war, was während des technischen Treffens im Vorfeld des Turniers angekündigt wurde, bei dem der Hauptschiedsrichter sagte, dass alle Maßnahmen gegen Betrug vollständig ergriffen worden seien.)

Als Reaktion auf den letzten Artikel von Solozhenkin, sagte Tanzharikova zu Chess.com: 

"Angriff ist die beste Verteidigung. Es ist viel einfacher, den angeblichen Feind für alle Sünden, einschließlich Lügen und Betrug, verantwortlich zu machen, als echte Beweise vorzulegen. Und da die ganze Geschichte zunächst nur aus seinen Worten entstanden ist, ist es für ihn ein leichtes, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Viele lesen Chess-News, wo er das Bild einer Lügnerin auf der einen und das eines unschuldigen Opfers auf der anderen Seite in Farbe malt. Es ist aber seltsam, dass aus irgendeinem Grund niemand auf die Idee gekommen ist, die Betrügerin auf frischer Tat zu ertappen, wo man doch so ausgezeichnete Gelegenheiten dafür gehabt hätte. Zwei Stunden waren mehr als genug, um drei Toiletten zu überprüfen. Die Frage ist, gab es irgendeinen Betrug? Aber das Publikum ist bereits empört und deshalb hat er sein Ziel der Diskreditierung leider schon erreicht. Gerüchte zerstören genau wie Metastasen das Bewusstsein der vernünftigsten Menschen."

Ein offener Brief von Großmeistern

In der Zwischenzeit haben sich viele Großmeister (darunter einige sehr bekannte) hinter Solozhenkin gestellt und einen offenen Brief geschrieben:

An das FIDE Top Management
Von internationalen Großmeistern

5. April 2018

Wir, die unterzeichnenden Großmeister, sind empört über die Entscheidung des Ethik Ausschusses der FIDE, unseren Kollegen GM Evgeniy Solozhenkin zu sperren.

Fall Nr. 5/2017:
GM Evgeniy Solozhenkin wird wie folgt sanktioniert:

Ein Verbot von 18 Monaten, ab dem Datum dieser Entscheidung, wird GM Solozhenkin ausgeschlossen von:

(a) der Teilnahme an einem offiziellen Turnier, das auf dem FIDE-Kalender erscheint (einschließlich Jugend- und Junioren-Veranstaltungen) und / oder Teilnahme an einem FIDE-Treffen überall auf der Welt (einschließlich Russland), sei es als Organisator, Spieler, Trainer, Manager, Schiedsrichter, begleitende Person, Delegierter, Vertreter oder in einer anderen Eigenschaft, und von
(b) Teilnahme als Spieler an einem FIDE-registrierten Turnier außerhalb Russlands.

Gegenwärtig ist Evgeniy Solozhenkin als Mitglied der russischen Nationalmannschaft Seniorenweltmeister, Trainer des Distrikts Nordwestrussland, Trainer der russischen Jugendschachnationalmannschaft und Vater einer talentierten jungen Schachspielerin.

Evgeniy hat sein ganzes Leben dem Schach gewidmet. Schach ist nicht nur ein Spiel für ihn, sondern auch sein einziger Beruf. Evgeniy hat zwei minderjährige Kinder, die von der Entscheidung der FIDE ebenfalls betroffen sind (da man Evgeniy seine Arbeit verbietet).

Solozhenkin hatte seine Meinung geäußert und Argumente vorgebracht und der Ethik Ausschuss der FIDE hat ihn deswegen des Spielens, Trainierens, Arbeitens und der Beschäftigung mit seiner Lieblingshobbys beraubt.

Wir, Großmeister und Trainer, kommen jeden Tag mit Zuschauern, Eltern und Schachfreunden in Kontakt. Unser Leben und all unsere Aussagen werden von allen öffentlich diskutiert. Wenn Ihre Entscheidung in Kraft bleibt, werden wir, Großmeister, es als Signal interpretieren, uns wie die Vögel schweigend auf den Zaun zu setzen, anstatt aktiv am Schachleben teilzunehmen. Am meisten wird der Schachsport darunter leiden.

In diesem Zusammenhang bitten wir Sie, Ihre Entscheidung, GM Solozhenkin zu sperren, zu widerrufen.

Hochachtungsvoll, internationale Großmeister:

J. Aagaard, K. Alekseenko, B. Annakow, F. Amonatow, A. Barsow, S. Beshukov, M. Chigaev, A. Deviatkin, P. Genov, B. Grachev, S. Ionov, A. Ismagambetov, M. Ivanov, S. Ivanov, A. Kalinin, S. Kasparow, M. Kazhgaleyev, A. Khalifman, I. Khenkin, S. Klimov, D. Kokarev, O. Kornejew, M. Krasenkov, A. Kuzmin, B. Lalic, N. Legky, V. Malakhatko, N. Matinian, V. Moiseenko, M. Mozharov, R. Ovetchkin, R. Pogorelov, I. Popov, I. Rausis, I. Rozum, S. Shipov, A. Shirov, S. Vysochin, S. Zagrebelny, E. Gleizerov, A. Sumets

P.S. Wir haben von Anfang an beschlossen, diesen Brief zur Verteidigung von Evgeniy Solozhenkin ausschließlich im Auftrag von Großmeistern zu schreiben, um ihn ernster und kraftvoller wirken zu lassen. Allerdings hatten wir die soziale Unterstützung, die wir bekommen haben, deutlich unterschätzt: Eine große Anzahl von Nicht-Großmeistern und Schachfans wollte uns unterstützen. Wir sind jedem von Euch wirklich dankbar dafür!
Gens Una Sumus!

Solozhenkin stellte derweil klar, dass er jegliches Vertrauen in den Ethik Ausschuss der FIDE verloren hat. Er sagte:

"Meiner Meinung nach ist die Entscheidung des Ethikausschusses eine Racheaktion und ein Akt der Einschüchterung. Und das ist nicht nur meine Meinung. Ich schätze alle Menschen, die den "Brief der GMs" unterzeichnet haben. Abgesehen von den 41 GMs, die diesen Brief unterschrieben, gibt es viele IMs und unbekannte Spieler, die ihn ebenfalls unterschreiben wollten."

"Nicht nur wenn man sich den Fall Kovalyov ansieht, stellt man sich die Frage nach der Daseinsberechtigung des Ethik Ausschusses. Wenn es der Ausschuss zulässt, dass eine Person, die nach dem Fall Strumica '95 eigentlich selbst auf der Anklagebank sitzen müsste [Solozhenkin meint damit Zurab Azmaiparashvili - PD] einen jungen Spieler zum Rückzug vom Welt Cup provozieren darf. Ohne Bedauern. Ohne Verantwortung dafür übernehmen zu müssen..."

Tanzharikova macht sich derweil Sorgen um ihre Tochter und sagt:

"Für Bibisara ist es schwierig, mit dieser Situation umzugehen. Für sie bedeutet das viel Stress. Es ist schwer vorstellbar, dass Kinder als Mittel zum Zweck in verlogenen Spielen zwischen Erwachsenen eingesetzt werden können. Dies hat natürlich ihre Wahrnehmung von Schach beeinflusst. Sie wollte sogar schon aufhören. Es könnte auch mögliche Langzeitschäden geben denn der psychische Zustand eines Teenagers ist instabil."

Sie denkt, der russische Schachverband hätte mit diesem Fall anders ungehen sollen:

"Ich denke, wenn der russische Schachbund rechtzeitig und entschieden reagiert hätte, hätte der Konflikt vielleicht ohne den ganzen Medienrummel gelöst werden können. Es ist notwendig, Betrug zu bekämpfen, aber es muss auch auf eine zivilisierte Art und Weise geschehen. Wir brauchen einen Algorithmus von Handlungen, der befolgt werden muss. Eine so schwerwiegende Anklage kann irreparable Schäden hervorrufen. Es sollte verboten werden, dies in der Öffentlichkeit auszutragen. An einem solchen Konflikt sind ja immer noch Menschen beteiligt."

Solozhenkin beabsichtigt nicht, die Entscheidung des Ethik Ausschusses anzufechten. Er bereut aber auch nicht, dass er den ersten Artikel in dem Internetforum veröffentlicht hat.

"Ich möchte allen versichern, dass ich in der ganzen Angelegenheit nicht einmal gelogen habe. Ich vertraue meiner Tochter. Sie hat das Gespräch über die Stellungsbewertung mitgehört. Ich bin mir sicher, dass dies wirklich stattgefunden hat und habe ein reines Gewissen."


Update: In der Zwischenzeit hat die FIDE den betroffenen Großmeistern geantwortet und darauf hingewiesen, dass ihre Besorgnis auf einem möglichen Missverständnis beruht, nämlich dass Sohozhkin seine Trainertätigkeiten in Russland verboten wurden. Das ist nicht wahr; er ist nur für die Teilnahme an internationalen Turnieren gesperrt.


 

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