WM 2020: Stavanger zieht seine Kandidatur zur Ausrichtung zurück

WM 2020: Stavanger zieht seine Kandidatur zur Ausrichtung zurück

TarjeiJS
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0 | Schachpolitik

Wie die Organisatoren heute mitteilten, hat die norwegische Stadt Stavanger ihre Bewerbung zur Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2020 zurückgezogen.

Sie kamen damit einer am Dienstag auf Facebook veröffentlichten Bitte von Magnus Carlsens Vater Henrik Carlsen nach.

"Im Gegensatz zu anderen Sportarten wäre ein Heimspiel für Magnus absolut kein Vorteil," schrieb Henrik Carlsen.


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In der aus dem Norwegischen übersetzten Post gab das Carlsen-Lager erstmals einen Einblick, warum der Weltmeister gegen eine Ausrichtung der WM in Norwegen ist:

Der Druck bei einer Heim-WM wäre fast unmenschlich. Ein WM-Match ist für einen Schachspieler bei weitem die anspruchsvollste Herausforderung und wenn der Spieler gleichzeitig noch der Favorit ist, ist der Druck vor und während der WM nahezu unmenschlich. Die Entscheidung, bei einer WM anzutreten, fiel Magnus schon seit Chennai schwer und er hat sich immer erst etwa 9 Monate vor einer WM dazu entschieden. Der Druck bei einer WM ist für Außenstehende möglicherweise nur schwer nachvollziehbar. Man muss Magnus vertrauen. Er weiß, was nötig ist, um bei einer Weltmeisterschaft bestehen zu können.

Nur eine Stunde danach veröffentlichten die Organisatoren folgende Presse-Mitteilung:

Nach den jüngsten Äußerungen von Carlsen sehen wir keinen Sinn mehr darin, die Bewerbung für die Ausrichtung der WM 2020 fortzusetzen. Für uns als Veranstalter wäre es unmöglich sein, auf dieses Ziel hinzuarbeiten, wenn es unsicher ist, dass der Weltmeister in Norwegen überhaupt antreten würde.

Die Organisatoren hatten bereits von Sponsoren und der Stadt Stavanger Mittel in Höhe von rund 3,5 Millionen US-Dollar akquiriert. Die Nachricht wurde von den lokalen Behörden mit Enttäuschung aufgenommen.

Die Bürgermeisterin von Stavanger, Christine Sagen Helgø, und die Bürgermeisterin von Rogaland, Solveig Ege Tengesdal, gaben eine gemeinsame Erklärung ab:

Wir sind von dieser Entwicklung sehr enttäuscht. Die Region Rogaland hat sich hinter dieser Initiative zusammengeschlossen und hart daran gearbeitet, damit die nächste Schachweltmeisterschaft in Stavanger stattfinden kann. Wir sind beeindruckt von den sehr professionellen Bemühungen der Organisatoren von Altibox Norway Chess und sind Stolz auf alles, was sie in unserer Region etablieren konnten.

Magnus Carlsen
Magnus Carlsen (links) mit seinem Vater Henrik. | Foto: Maria Emelianova / Chess.com.

Carlsen konnte zwar 2016 und 2019 das Norway Chess in Stavanger gewinnen, aber er musste auch einige seiner schmerzhaftesten Niederlagen in Norwegens drittgrößter Stadt verkraften.

Im März setzte sich Stavanger nach einem erbitterten Kampf gegen Oslo, Baerum und Kragero durch, um sich offiziell für die Ausrichtung der WM bewerben zu dürfen. Carlsens Team stellte daraufhin klar, dass es nichts gegen Stavanger einzuwenden gibt, drückte aber seine Enttäuschung darüber aus, wie der Verband über die Ausrichterstadt entschieden hatte und teilte dem Verband mit, dass Magnus Oslo oder Baerum bevorzugt hätte:

Eine Weltmeisterschaft in Norwegen zu spielen, ist in gewisser Weise ein einzigartiger Traum und eine einmalige Chance, die sich vielleicht irgendwann erfüllen kann, aber im Grunde genommen ein erheblicher sportlicher Nachteil, der sich aus einem höheren Bekanntheitsgrad, einem höheren Druck und durch die hohen Erwartungen ergibt. Magnus hatte das Gefühl, dass ein komplettes Heimspiel in Oslo (mit der Möglichkeit, in seinem Zuhause zu leben), oder ein teilweises Heimspiel in Baerum (wo er den größten Teil seines Lebens lebte) zumindest einen Teil dieser Nachteile ausgeglichen hätte.

Henrik Carlsen sagte, das Team sei immer bemüht gewesen, eine Lösung mit der alle Leben können zu finden und kontaktierte sogar FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich, um einen Kompromiss auszuhandeln, wonach die eine Hälfte der WM in Stavanger und die andere Hälfte in Oslo oder Baerum stattfinden würde.

"Seltsamerweise würde aber alleine der Vorstand des norwegischen Schachverbands die Entscheidung über den offiziellen Gastgeber in Norwegen treffen und es ist schon sehr verwunderlich, dass Magnus vor der Entscheidung nicht offiziell angehört wurde", schrieb Henrik Carlsen.

Henrik Carlsen merkte auch an, dass das Team "den größten Respekt und Dankbarkeit" für die Arbeit der Organisatoren in Stavanger entgegenbringt und dass Carlsen andere in Stavanger veranstaltete FIDE-Events wie die Schnellschach- und Blitz-WM voll unterstützen würde.

Der Präsident des norwegischen Schachverbands, Morten L. Madsen bezeichnete die Pressemitteilung der Carlsens gegenüber Chess.com als "ordentlich":

Der norwegische Schachverband hat den Veranstalter ausgewählt, von dem wir glauben, dass er im internationalen Wettbewerb am besten abschneidet. Gleichzeitig hat er gute Voraussetzungen, um finanziell erfolgreich zu sein und er hat in der Stadt und im Land eine starke politische Unterstützung. Wir haben den Druck, dem Magnus bei einer Heim-WM ausgesetzt wäre, wahrscheinlich nicht vollständig erkannt und es wäre besser für ihn, näher an seinem Zuhause spielen zu können.

Madsen fügte hinzu, dass er hofft, dass die Stavanger-Organisatoren bereit sind, in Zukunft die Schnellschach- und Blitz-WM auszurichten.

Emil Sutovsky, Generaldirektor der FIDE, sagte in einem kurzen Kommentar zu Chess.com, dass der Weltschachverband erwartet, dass sich in Kürze weitere Städte für die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2020 bewerben werden.

"Ich kann bestätigen, dass wir nicht alles auf die Karte Stavanger gesetzt haben und dass wir glauben, dass einige Städte, die bislang dachten, dass sie mit Stavanger nicht konkurrieren könnten, nun ihre Bemühungen intensivieren werden," sagte Sutovsky.


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