Geheimnisse hinter abgesprochenen Remis im Schach

Geheimnisse hinter abgesprochenen Remis im Schach‎

Gserper
GM Gserper
|
151 | Andere

Abgesprochene Remis sind eine Realität im Schach. Man mag sie hassen. Man kann sie bekämpfen. Aber wenn zwei Spieler ein Remis machen wollen, werden sie einen Weg finden, um es zu erreichen.

Manchmal einigen sich solche Spieler schon vor der Partie auf ein Remis und sobald die Partie begonnen hat, setzen sie alles daran, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Es gibt bestimmte Öffnungsvarianten, die Ihnen helfen, ihr Ziel schnell und effizient zu erreichen. Wie zum Beispiel diese:

In den Datenbanken findet man etwa 1500 solcher Partien. Versteht mich aber jetzt nicht falsch. Die eine oder andere dieser Partien wurde von mir selbst gespielt und somit bin ich der letzte, die andere Spieler dafür kritisiert. Es ist eine Tatsache, mit der man Leben muss ... wie Regen, dem es völlig egal ist, ob Ihr ihn mögt oder nicht. Manche Leute sind sogar glücklich, wenn es regnet:

Für einige Leute, die ein Remis vereinbaren und dann langweilige Züge spielen, ist die Partie selbst so aufregend, wie der Besuch einer Zahnarztpraxis, so dass sie kreativ werden. Der internationale Meister Albert Kapengut war ein langjähriger Freund und Sekundant von Mikhail Tal. In einem seiner Artikel erzählt Kapengut eine Geschichte über das Interzonenturnier, 1964 in Amsterdam.

Mikhail Tal und eine weitere Schachlegende, GM Leonid Stein, vereinbarten ein Remis und entwickelten eine aufregende kleine Partie in einer sehr aktuellen theoretischen Variante, die sie am nächsten Tag nachspielen sollten. Als die eigentliche Partie begann, lief alles nach Plan. Die beiden Großmeister täuschten tiefes Nachdenken vor und die Stellung auf dem Brett versprach viel Blut. Als Tal umherlief und auf den Zug seines Gegners wartete, wurde er plötzlich von GM Ludek Pachman aus der Tschechoslowakei angesprochen.

"Glückwunsch, Sie haben ihn geschlagen!", sagte Pachman. "Wovon reden Sie?", fragte Tal, der wirklich verwirrt war. Bevor Tal noch ein Wort sagen konnte, sagte ihm Pachman eine lange Gewinnkombination. Das war aber genau die Variante, die Tal und Stein beschlossen hatten, zu spielen!

mikhail tal chess

Tal via Wikipedia.

Pachman war einer der besten Eröffnungsexperten seiner Zeit und so war es kein Wunder, dass er die Widerlegung der Variante kannte, aber was sollte Tal jetzt tun? Inzwischen spielte Stein seinen Zug und Tal dachte lange nach. Wie sollte er Pachman erklären, dass er den Gewinnzug nicht gespielt hat? Schließlich fand Tal eine fantastische "Rechtfertigung" und spielte einen anderen Zug. Stein war wirklich verblüfft und auch wütend darüber, dass Tal das Abkommen gebrochen hatte und jetzt war er an der Reihe nachzudenken. Tal versuchte die Situation zu retten und bot ein Remis an, aber Stein war jetzt so verärgert, dass er das Angebot ablehnte.

Zu diesem Zeitpunkt begann die eigentliche Partie und sie endete glücklicherweise mit einem Unentschieden. Natürlich wurde nach der Partie alles geklärt und die Freunde gingen in ein Hotel, um ein paar freundschaftliche Blitzpartien zu spielen. Hier ist die Partie:

Wie Ihr sehen könnt, waren selbst die abgesprochenen Remis von Mikhail "Dem Magier" Tal unterhaltsam!

Weltmeister Tigran Petrosian war ein weiterer Riese des Schachspiels und auch Tals großer Gegenspieler. Hier ist eine Geschichte eines vereinbarten Remis zwischen den beiden.

In der letzten Runde der sowjetischen Meisterschaft von 1975 spielte Tigran Petrosian, der das Turnier anführte, gegen Lev Alburt, der mit Abstand Letzter war. Der Ausgang der Partie war für Alburt nicht wirklich wichtig, da er sowieso letzter werden würde, aber für Petrosian ging es um den Turniersieg. Im Falle eines Sieges hätte er das Turnier sicher gewonnen gehabt und bei einem Remis wäre er zumindest geteilter Erster geworden. Petrosian entschied sich, jedes Risiko zu eliminieren und bot seinem Gegner schon vor der Partie ein Remis an.

Alburt antwortete, dass ihm die Partie egal wäre, aber zwei seiner Freunde, die GMs Vaganian und Gulko, lagen einen halben Punkt hinter Petrosian und Alburt deshalb zuerst seine Freunde fragen wollte, ob das Remis für sie ok sei. Also ging Alburt zu Vaganian und Gulko und sagte: "Petrosian bot mir gerade ein Remis an. Wie Ihr sicher verstehen könnt, will ich das Turnier nur noch so schnell wie möglich beenden und nach Hause fahren, weil ich sowieso Letzter werde. Wenn Ihr aber wollt, dass ich auf Sieg spiele, werde ich mein Bestes geben und wir können sogar gemeinsam eine Variante gegen ihn vorbereiten."

"Lauf!" Vaganian und Gulko ließen Alburt nicht einmal ausreden: "Lauf und nimm das Remis, bevor Petrosian seine Meinung ändert!"

"Aber ich habe Weiß", sagte Alburt, der sich jetzt doch etwas beleidigt fühlte.

"Sch...ß auf Weiß und nimm das Remis!" war das abschließende Urteil seiner Freunde.

Also ging Alburt zu Petrosian und sie planten zusammen die genauen Züge, die sie am nächsten Tag spielen wollten:

Wie Ihr sehen könnt, stecken auch hinter vielen abgesprochenen Remis Geschichten und Geheimnisse. Und wenn ihr das nächste Mal eine spannende Remispartie, in der wie bei dieser wie wild geopfert wird, seht...

...dann werft einfach mal einen Blick in die Datenbanken und vielleicht findet ihr ein dutzend identischer Partien oder die Originalpartie, die bereits vor über 150 Jahren gespielt wurde!

Mehr von GM Gserper
Der "Ave-Maria Zug" im Schach

Der "Ave-Maria Zug" im Schach

Jeder-gegen-jeden Turniere sind Tod!

Jeder-gegen-jeden Turniere sind Tod!