Warum soll man Schach trainieren?

Warum soll man Schach trainieren?

Kürzlich wurde mir diese einfache Frage gestellt: "Ich habe kein Talent fürs Schach. Sollte ich trotzdem meine Zeit mit dem Lesen von Schachbüchern und dem Studieren von Schachpartien verbringen?"

Ich bin mir sicher, dass sich schon viele Spieler diese Frage gestellt haben. Besonders nach einer verlorenen Partie oder einem miesen Turnier. Um die Frage beantworten zu können, muss ich sie aber in 2 Teile teilen.

Beginnen wir mit dem Talent fürs Schach. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung glaube ich zu wissen, dass es viel leichter festzustellen ist, ob jemand Talent fürs Schach hat, als ob er keines hat. Ich habe mich mit Spielern wir Kramnik, Ivanchuk oder Gelfand nur 5 Minuten lang unterhalten als diese 13 oder 14 Jahre alt waren und ihnen dann eine glänzende Zukunft prophezeit.

Wie ich schon in diesem Artikel geschrieben habe, reicht Talent alleine nicht aus, um ein Superstar zu werden. Andererseits ist es praktisch unmöglich zu sagen, dass jemand kein Talent für Schach hat. Ein gutes Beispiel hierfür ist der legendäre Großmeister Leonid Stein, der, obwohl er eines der größten Talente seiner Generation war, seinem Großmeistertitel jahrelang vergebens hinterherlief. Er dachte sogar ernsthaft darüber nach, das Schachspielen aufzugeben! Glücklicherweise hatte er aber Menschen um sich, die ihn vom Gegenteil überzeugten. Leider ist diese aber nicht immer der Fall und schon ein dummes Wort kann das Selbstvertrauen eines Schachspielers zerstören und seine potenzielle Karriere beenden.

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Das ist meine eigene Geschichte zu diesem Thema.

Wir schrieben das Jahr 1983 und ich war 14 Jahre alt. Ich spielte ein Jugendturnier in Ashgabat (Turkmenistan). In einer Partie, in der ich Schwarz hatte, opferte mein Gegner 4 Bauern um meinen König auf e5 zu locken. Dazu kam, dass ich in Zeitnot war und meine Zeit konnte jede Sekunde fallen! Ich war mir sicher, dass ich entweder auf Zeit oder durch ein Matt verlieren würde! Dann bot mir mein Gegner Remis an und ich konnte meinen Ohren kaum trauen und nahm das Remis natürlich sofort an. Sofort nach dem Handschlag zeigte mir mein Gegner, dass sich mein König problemlos von e5 nach d6 und c7 auf b8 retten könnte und Weiß keine Möglichkeit hatte, dies zu verhindern!

Es zeigte sich, dass er damit absolut Recht hatte! Um das Unglück perfekt zu machen, schrieb eine lokale Zeitung am nächsten Tag, dass ein junger Spieler namens Gregori Serper aus Usbekistan ein Remis annahm, obwohl er 5 Mehrbauern hatte (ja, sie hatten sogar aus den 4 Mehrbauern einfach 5 gemacht). Unsere Trainerin, Larisa Pinchuk, war eine sehr intelligente Person und kannte mich wirklich gut. Sie sagte zu mir, dass auch der berühmte sowjetische Trainer Vladimir Zak den Moment sah, in dem ich das Remis angenommen hatte.

Er zeigte auf mich und sagte: "Dieses Kind wird nie ein Schachspieler werden." Als ich das hörte, war ich so richtig sauer! Ich konnte es nicht glauben, dass irgendjemand die Fähigkeiten eines Kindes nach einer Entscheidung, die es in höchster Zeitnot gefällt hatte, beurteilt. An diesem Tag habe ich mir geschworen, alles dafür zu tun, um es diesem alten Knacker zu zeigen! Dieser Spruch hat mich über Jahre motiviert und meiner Schachkarriere sehr geholfen aber er hätte auch genau den gegenteiligen Effekt haben können.

Hier ist, was GM Yermolinsky in seinem berühmten Buch "The Road To Chess Improvement" über seinen Jugendtrainer Vladimir Zak geschrieben hat.

Wir hatten damals einen Witz: "Jeder, der diese "Trainingsmethoden" überlebt, hat eine glänzende Zukunft vor sich! Man darf nur den Zeitpunkt nicht verpassen, an dem man von Zaks permanenter Frustration angesteckt wird und mit dem Schachspielen aufhört, sondern muss das Training mit Zak vorher beenden." Valery Salov und Gata Kamsky fanden diesen Zeitpunkt, verließen Zak und wurden kurz danach zu Stars.

 

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Ich gebe Euch einen Rat: Erlaubt niemanden, euer Talent in Frage zu stellen! Ihr habt vielleicht nicht das selbe Talent wie Kasparov, aber eines könnt ihr mir glauben: Talent habt ihr trotzdem! Vielleicht ist es nur tiefer versteckt. Aber dann müsst ihr eben tiefer graben, um es zu entdecken!

Kommen wir zum zweiten Teil der Frage. Sagen wir, Ihr wäret bereits zu alt, um realistische Hoffnungen auf einen Weltmeister- oder Großmeistertitel zu haben. Oder vielleicht zieht ihr nur gerne die Figuren übers Brett und habt keine großartigen Ambitionen. Solltet ihr dann Zeit dafür opfern, um Schachbücher zu lesen oder Partien zu analysieren? Ich bin mir sicher, dass ihr das tun solltet und es gibt 2 Gründe dafür.

Der erste Grund ist natürlich, weil ihr Euch verbessern werdet. Auch wenn ihr kein Großmeister mehr werden wollt, macht es doch mehr Spaß, gegen einen Clubkameraden bei der Vereinsmeisterschaft zu gewinnen, als gegen ihn zu verlieren!

Ihr könnt auch sagen, dass Euch die ELO oder DZW egal ist, denn die Schönheit des Schachs liegt Euch viel mehr am Herzen. Aber dann solltet ihr erst Recht trainieren, denn dann werdet ihr die Schönheit des Schachs viel besser erkennen. Lasst mich diesen Punkt ausführlicher erklären.

Die ersten Schachlektionen sehen ja bei allen Spielern ungefähr so aus:

Das wunderschöne geometrische Wunder, bei dem die weißen Türme dem schwarzen König Linie um Linie nehmen, ist für alle Anfänger sehr spannend. Und das ist der Punkt: Etwas Komplizierteres verstehen Anfänger noch nicht! Aber je mehr sie lernen, desto mehr verstehen sie und desto mehr Schönheiten werden sie entdecken, bis sie schließlich auch die Schönheiten dieser "Evergreens" erkennen.

Wenn man noch stärker wird, versteht man auch kompliziertere Konzepte:

Und irgendwann lernt man, dass es auch wunderschöne Schachpartien ohne große Opfer gibt:

Um Spassky´s Springeropfer in dieser berühmten Partie zu verstehen, braucht man wohl schon eine ELO/DZW von mindestens 1600:

Oder, warum Tal mitten in seinem Angriff eine Tempo "verschwendete" um seinen h2-Bauern auf h3 zu ziehen:

Um die Schönheit dieser Endspiele genießen zu können, muss man schon ein wahrer Schachliebhaber mit einer entsprechenden Spielstärke sein:

Je besser man selbst Schach spielt, desto mehr Schönheiten wird man entdecken!

Die Antwort auf die Frage ist deshalb eigentlich ganz einfach: Auch wenn Euch euer Rating oder das Abschneiden bei Turnieren egal ist. Je mehr Schachbücher ihr lest und je mehr ihr trainiert, desto mehr Spaß werdet ihr am königlichen Spiel haben!

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