Carlsen gewinnt in Kroatien und steigert seine Elo auf 2882
Magnus Carlsen besiegte am Sonntag Maxime Vachier-Lagrave und gewann damit das Grand Chess Tour Event in Kroatien mit einem fantastischen Ergebnis von 8/11. Sogar seine Konkurrenten waren voll des Lobes.
Der Weltmeister gewann damit das 8. Turnier in Folge und gewann neben dem Preisgeld von $90,000 auch 20 GCT Punkte. Er erzielte eine Leistung von 2943 und wird somit im nächsten Monat wieder eine Elo von 2882 haben.
First time winning the world cup! @GrandChessTour Zagreb pic.twitter.com/3bDB6YTMj7
— Magnus Carlsen (@MagnusCarlsen) July 8, 2019
Carlsen gewann das Turnier mit einem Punkt Vorsprung vor Wesley So, dessen 7/11 ihm eine Leistung von 2881, $60,000 und 15 GCT Punkte einbrachten. Der amerikanische GM sagte anschließend über Carlsen:
"Der zweite Platz fühlt sich wie ein Sieg an, denn zur Zeit ist es so, wie in den 60er oder 70er Jahren mit Bobby Fischer. Wenn Magnus bei einem Turnier spielt, spielen alle anderen nur um den zweiten Platz."
Anish Giri hatte seine eigene, witzige Art, Carlsens gegenwärtige Unbesiegbarkeit zu beschreiben, indem er sagte, die anderen müssten auf das Ende des Sturms warten. "Alle Stürme haben ein Ende. Ich bin mir sicher, dass er irgendwann sehr alt und sehr müde sein wird!"
Fabiano Caruana: "Er gewinnt seine Spiele mit bemerkenswerter Leichtigkeit. Normalerweise passieren diese Dinge nicht. Heute beendet er seine Partiel mit einer Stunde auf der Uhr.... Ich denke, dass in jeder Phase einer Partie alles für ihn zusammenfällt."
Die anderen Spieler hatten dieses Gefühl schon seit einigen Monaten und es werden diese Gefühle auch mit harten Zahlen untermauert. In der nächsten FIDE-Liste wird Carlsens Elo genauso hoch sein wie seine höchste Elo aller Zeiten: 2882 wie im Mai 2014. Der Abstand zur Nummer zwei der Welt, Caruana, wird 64 Punkte betragen.
Der 28-jährige norwegische GM war überglücklich, nachdem er in Zagreb sechs Remis und fünf Siege erzielt hatte und fand diesen Sieg umso bedeutender, weil er im Vergleich zum Norway Chess 2 Runden mehr absolvierte und das Teilnehmerfeld noch stärker war.
Carlsen bemerkte, dass er "noch nie gegen ein solches Feld ein Ergebnis von Plus 5 erzielt hatte" und fügte später hinzu:
"Für mich ist das riesig. Es ist im Grunde genommen das erste Mal, dass ich ein Event wie dieses gespielt habe - 12 Spieler, allesamt absolute Elite. Ich wusste wirklich nicht, was mich erwartet. Ich habe in letzter Zeit viel gespielt und ich fühlte mich am Ende etwas verbraucht. Aber es war ein Traum. Vor allem die zweite Hälfte ist super gut gelaufen."
That's Carlsen's 8th tournament win in a row:
— Tarjei J. Svensen (@TarjeiJS) July 7, 2019
🏆 Croatia GCT
🏆 Norway Chess
🏆 Lindores Abbey
🏆 Abidjan
🏆 Shamkir Chess
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🏆 World Blitz Ch https://t.co/ofbASzjIBp
Carlsens 8 Turniersiege in Serie
Der Vergleich des Siegers mit Fischer hat eine weitere Parallele: Nachdem Carlsen seinen Pokal erhalten hatte, dankte er den kroatischen Fans. "Ich habe immer von der Schachkultur [im ehemaligen Jugoslawien] gehört und ich muss sagen, dass das in jeder Hinsicht stimmt."
Vor fast einem halben Jahrhundert sahen jugoslawische Schachliebhaber in derselben Stadt einen anderen dominierenden Spieler aus dem Westen. Es war in Rovinj (erste Hälfte) und dann in Zagreb (zweite Hälfte), wo Fischer 1970 eine seiner großartigsten Leistungen erzielte, als er mit nur 18 Jahren das Tournament of Peace mit 13 von 18 möglichen und 2 Punkten Vorsprung gewann.
Mit seinem Sieg in der letzten Runde gegen MVL hat Carlsen sein sechstes klassisches Turnier in Folge gewonnen und seine ungeschlagene Serie in klassischen Partien auf 79 ausgebaut. Dafür nutzte er die 8.Le3-Variante im Grünfeld gegen einen Experten in dieser Eröffnung .
Vachier-Lagrave verliert nur ganz selten im Grünfeld und diese Variante hatte er bis Sonntag sogar überhaupt noch nie verloren.
Dieses Endspiel, das auch der mittlerweile im Ruhestand befindliche 14. Weltmeister Vladimir Kramnik gerne mit Weiß spielte, ist der klassische Kampf zwischen einer schwarzen Bauernmehrheit auf dem Damenflügel gegen einen weißen Freibauern auf der d-Linie (den Jonathan Rowson vor 20 Jahren in seinem Klassiker Understanding the Grunfeld "Delroy" nannte).
"Ich war auf jeden Fall froh, diese Stellung zu bekommen. Es ist nicht viel für Weiß, aber ich dachte, dass ich wegen der Turniersituation nur ein geringes Risiko eingehen sollte und vielleicht würden sich auch einige Chancen ergeben," sagte Carlsen.
In dieser Partie machte Delroy den Unterschied, denn MVL unterlief im 28. Zug ein Fehler. Das Endspiel ist zwar unangenehm, aber möglicherweise erst verloren, nachdem die Türme getauscht waren.
Aronian sagte über Carlsen:
"Er hat angefangen, sich auf die Hauptvarianten einzulassen, was er in den vergangenen Jahren normalerweise nicht getan hat. Ich denke, er hat für sein Match gegen Fabiano ziemlich gut trainiert. Jetzt macht er etwas, was für ihn ungewöhnlich ist: Er spielt von Anfang an sehr kritische Eröffnungen. Er spielt "Zentrumsschach", etwas, das er früher nicht getan hat. Und es funktioniert gut für ihn. Zum Beispiel war dies heute ein sehr direktes und sehr gutes Spiel. Es ist gut zu sehen, dass er an sich selbst arbeitet und ich denke, er gibt damit ein gutes Beispiel ab, dem viele folgen werden."
Auch Giri sprach über Carlsen und Eröffnungen.
"Ich denke, was sich geändert hat, ist, dass er aufgrund seiner Heimvorbereitung einige Partien gewonnen hat. Eine solche Vorbereitung erfordert viel Energie und Mühe. Man muss analysieren und danach muss man sich diese Varianten wieder und wieder ansehen, um sie nicht zu vergessen. Das ist sehr anstrengend und ich denke, dass er früher dachte, dass sich das nicht lohnen würde. Jetzt hat er ein paar Partien auf diese Weise gewonnen und hat gemerkt, dass sich dieser Aufwand doch lohnt. Er geht also nicht nur wie heute im Regen spazieren, sondern sitzt auch irgendwann in seinem Zimmer am Laptop, setzt sich seine Kopfhörer auf, starrt für ein paar Stunden auf den Bildschirm und erledigt seine Arbeit. Das macht ihn zu einem anderen Spieler und die Menschen müssen sich erst noch daran gewöhnen, aber ich denke, sie verstehen, dass er einer der bestvorbereitetsten Spieler der Welt geworden ist."
Der zweitplatzierte Wesley So beendete das Turnier mit einem Remis gegen Levon Aronian. Für So war 7/11 ein exzellentes Ergebnis und er wäre angesichts des monströsen Durchschnitts-Elo von 2781 in Zagreb auch mit 50% zufrieden gewesen, wie er selbst bemerkte.
"Das ist definitiv eines meiner besten Turnierergebnisse denn hier sind alle starken Spieler am Start," sagte er.
So war mit seinen Partien zufrieden und hatte für seine gute Form eine interessante Erklärung: "Ich versuche einfach nur gutes Schach zu spielen. Manchmal ist mir sogar das Ergebnis egal. Ich will nur gute Züge machen."
Aronian nannte seine Leistung "ordentlich" und mit einem Sieg mehr wäre sie richtig gut gewesen.
Damit meinte er diese Partie (die restlichen Partien der Runde, Shakhriyar Mamedyarov gegen Ding Liren und Hikaru Nakamura gegen Vishy Anand endeten ebenfalls Remis):
Anish Giri schloss sich durch seinen Sieg über Ian Nepomniachtchi der Gruppe der Spieler mit 50 Prozent an. Letzterer entschied sich direkt in der Eröffnung für einen Alles-oder-Nichts-Angriff, der, obwohl zu Hause vorbereitet, einfach nicht funktionierte.
Giri: Zuallererst möchte ich mich bei jemandem bedanken, dem ich nie wirklich danke, aber das sollte ich auf jeden Fall. Mein Helfer, der immer für mich da ist und mir Tag und Nacht hilft, unter den unmenschlichsten Bedingungen arbeitet und nie nach irgendwas oder irgendjemanden fragt, sondern einfach seine Arbeit macht: Meinem PC! Ich denke, er hat hier einen guten Job gemacht. "
Obwohl Nepos Zug 9.e5 eine Neuerung war, hatte Giri alles im Voraus abgecheckt und dabei eine bessere Engine als sein Gegner verwendet: "Mein Helfer hat diesen Zug schon vor langer Zeit analysiert und ich wusste, dass dieses Zeug nicht funktioniert. Vor einiger Zeit sagten die Engines noch, dass dieser Zug Schwarz zermalmen wird, aber mittlerweile haben sie ihn widerlegt und deshalb war er einfach nur schlecht vorbereitet."
Fabiano Caruana war gegen Sergey Karjakin lange in Schwierigkeiten, konnte aber eine Niederlage abwenden. Der Amerikaner fasste die Partie so zusammen:
"Ich habe Benoni gespielt. Ich glaube, das erklärt alles, was danach passiert ist. Es ist einfach so eine miese Eröffnung!"
Man darf aber nicht nur der Eröffnung die Schuld geben, denn Schwarz stand bis zum 22. Zug nur geringfügig schlechter. Erst 23...Sb5 war der große Fehler.
Caruana bezeichnete die Stellung als "fast verloren" und auch Karjakin fand, dass er nach 26.b4 "viel besser" stand. "Das Problem war, dass die Stellung ziemlich verzwickt ist und er wirklich schnell gespielt hat. Ich hatte schnell viel weniger Bedenkzeit, wollte aber unbedingt präzise spielen. Das war nicht einfach."
Es war die dritte vergebene Chance von Karjakin, der schon gegen Carlsen viel besser stand und gegen So eine glatte Gewinnstellung hatte.
"Es ist ein gutes Zeichen, dass ich diese Jungs manchmal absolut überspielen kann. Ich hoffe, dass ich die Punkte irgendwann auch einfahren kann, wenn ich weiter an meiner Technik arbeite," sagte der russische GM.

Carlsen führt die Grand Chess Tour nach diesem Event mit großem Vorsprung an und riskiert, den Fans die Spannung frühzeitig zu verderben, falls er sich im nächsten Monat wieder gut schlägt.

Ebenfalls am Sonntag hat der norwegische Schachverband eine 5.8 Millionen Dollar Offerte der maltesischen Kindred Gruppe, gegen den ausdrücklichen Willens von Magnus Carlsen ausgeschlagen. (Die ganze Geschichte könnt Ihr hier nachlesen.) Laut dem norwegischen Reporter Tarjei Svensen, sind auch während dieses Turniers wieder mehrere Schachspieler in Carlsen Schachclub eingetreten, konnten aber das Abstimmungsergebnis nicht mehr entscheidend beeinflussen.
The guys at the Croatia GCT should be relieved that @MagnusCarlsen was distracted by #Kindredgate...
— Jonathan Tisdall (@GMjtis) July 7, 2019
Die Jungs vom Croatia GCT sollten erleichtert sein, dass Magnus Carlsen vom "Kindredgate" abgelenkt war...
Die Grand Chess Tour 2019 in Kroatien fand vom 26. Juni bis 8. Juli im Novinarski Dom in Zagreb, Kroatien, statt. Dies war eines der beiden klassischen Events auf der Tour in diesem Jahr. Die Bedenkzeit betrug 130 Minuten für jeden Spieler mit einer Verzögerung von 30 Sekunden ab dem ersten Zug (Bronstein Zeit).
Die nächste Station der Tour ist das Pariser Rapid und Blitz Turnier, das am 27. Juli beginnt. Carlsens nächste GCT-Auftritte finden im nächsten Monat beim Saint Louis Rapid und Blitz, gefolgt vom Sinquefield Cup, statt
I asked @MagnusCarlsen that question in an interview in May.
— Fin Gnatt (@tv2fin) July 8, 2019
He answered that despite some ups and downs, he feels that he has continued to develop, and that he is a better chess player now at 28 than he was at 24.#carlsen 🏆🥇🐐 https://t.co/2wudK47kEy
Congrats to Magnus on another impressive victory. Records are meant to be broken! And to the Croatian organizers, the Grand Chess Tour and all the players for a tremendous fighting event. Classical chess is alive & well in the right hands! https://t.co/Zw8xbleS6y
— Garry Kasparov (@Kasparov63) July 7, 2019
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