Caruana marschiert weiter - Wesley So wackelt

Caruana marschiert weiter - Wesley So wackelt

Die sechste Runde der U.S. Meisterschaft 2017 war sozusagen ein Countdown: Drei, Zwei, Eins, Null.

Die Rückstand der Nummer Drei der Welt auf die Nummer Zwei betrug Einen Punkt und bei den Damen gab es Null Unentschieden. Im Schach ist ein Rückstand von einem Punkt viel mehr als in anderen Sportarten, besonders wenn man hinter jemanden zurückliegt, der zuletzt eine Partie verloren hat, als Gene Wilder noch am Leben war.

GM Wesley So flog seit seiner letzten Niederlage im Juli 2016 von Sieg zu Sieg aber gegen GM Varuzhan Akobian wäre er fast der Sonne zu nahe gekommen . Nach den frühen Zügen g4 und h4 begann das Wachs bereits zu schmelzen, aber irgendwie entkam er noch den Fängen der Sonne und konnte seinen Flug fortsetzen und seine Führung behalten.

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GM Wesley So wählte eine ruhige Eröffung und versuchte dann mit einem wilden Angriff seinen Sieg von 2016 gegenGM Varuzhan Akobian zu wiederholen. Dieses Mal ging sein Plan jedoch nicht auf.

Hätte Akobian nur ein wenig präziser gespielt, würde er jetzt selbst in Führung liegen. So aber liegt er weiterhin einen halben Punkt hinter Wesely So zurück und ein weiterer Spieler schloss zu dieser Verfolgergruppe auf.

Titelverteidiger GM Fabiano Caruana erzielte nämlich gegen GM Gata Kamsky seinen ersten Sieg bei dieser Meisterschaft und liegt damit, zusammen mit Akobian und drei weiteren Spielern, auf einem geteilten zweiten Platz.

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GM Fabiano Caruana musste nicht so hart arbeiten wie der Tabellenführer, und ging ein wenig spazieren.

GM Hikaru Nakamura geriet gegen GM Alex Shabalov in Bedrängnis aber konnte seine Partie in ein Remis abwickeln.

So hat einige Partien in der PRO Chess League mit langsamen Eröffnungen gewonnen, aber heute liesen ihn seine Intuitionen im Stich. Mit 7. g4 und 8. h4 zeigte er früh, dass er Akobian förmlich überrollen wollte.

Sollte es ein Remake von 2016 werden, als ihm genau dies gelang? ? Wesley So ist eigentlich ziemlich besonnen, und es ist unwahrscheindlich, dass er sich immer noch für seine Niederlage von 2015 gegen Akobian rächen wollte (immerhin spielen ja auch beide für das selbe PRO League Team!). Während So´s Züge aber an Aggressivität kaum zu übertreffen waren, verteidigte sich Akobian geradezu brilliant, und hätte am Ende sogar gewinnen können.

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"Er hat wirklich gut gespielt," sagte Akobian nach der Partie. "Auch am Ende, als ich dachte ich würde gewinnen, hat er das Damenschach und De7, seine einzige Rettung, gefunden."

Akobian gab zu, dass 31...Dd3 ein großer Fehler war, auch wenn er stattdessen seine ürsprüngliche Idee 31...Sg1 der Variante der Kommentatoren, nämlich 31...Dc2+ vorzog. Beide Alternativen würden aber gewinnen.

"Ich hab nicht gesehen dass der König flüchten kann," erklärete Akobian. "Ich habe wirklich gedacht, dass ich gewinnen würde."

"Ich bin etwas überrascht, dass ich mit +2 in Führung liege" sagte Wesley So nach der Partie. "Ich glaube, letztes Jahr lagen Fabiano und ich nach 7 Runden mit jeweils +4 gleichauf."

Kamsky scheint Caruana einfach zu liegen. Obwohl er letztes Jahr hart um ein Remis kämpfen musste, hat Fabio jetzt gegen Kamsky 4 mal gewonnen, drei Remis und noch keine Niederlage gegen den Altmeister. Auch heute wählte Kamsky wieder die sizilianische Verteidigung (zum dritten mal in diesem Jahr) aber Caruana wich früh von der Variante der letzten Partie zwischen den beiden ab.

"Es freut mich, dass ich gewonnen habe. Besonders weil es so leicht war," war Caruana´s erster Kommentar nach der Partie.

"Ich wurde von ...h6 überrascht," sagte Caruana. "Ich glaube seine Idee war die Damen zu tauschen aber das hätte ihm auch nicht geholfen."

Wie ihr im Diagramm seht, war es aber nicht der 15. Zug, sondern der 16., der dem ehemaligen Champion den a6 Bauern kostete.

"Der A-Bauer war einer der wichtigsten Bauern auf dem Brett, denn er kann den weißen Springer von b4 vertreiben" erklärte Caruana.

Caruana gab Chess.com im Anschluß an die offizielle Partieanalyse noch ein Interview, indem er unter anderem über den bisherigen Turnierverlauf und seine früheren Duelle mit Kamsky sprach. Hier könnt ihr das Video sehen:

Nakamura erklärte kürzlich in einem Interview, dass der Sieg bei diesem Turnier auch davon abhängen könnte, wer gegen wen mit Schwarz spielen müsse. Gegen GM Alex Shabalov mit Schwarz antreten zu müssen, war Nakamura da sicherlich recht.

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"Den Feind im Rücken": GM Alex Shabalov und GM Hikaro Nakamura.

Die Klinge hat aber wie immer zwei Schneiden: Der Favorit erhielt zwar seine gewünschten Gewinnchancen, aber er könnte auch überrascht werden. Und in weiten Teilen des Mittelspiels sah es genau danach aus.

Der letzte Gewinner des heutigen Tages war GM Sam Shankland, der gegen seinen Nationalmannschafts Kameraden, GM Ray Robson, gewann.

Durch diesen Sieg ist Shankland nun bei 50% angelangt, genauso wie Robson durch diese Niederlage.

Zusammen mit Caruana, Nakamura und Akobian sind noch 2 Studenten auf dem geteilten zweiten Platz: GM Daniel Naroditsky nach seinem heutigen Remis gegen GM Jeffery Xiong, und GM Yaroslav Zherebukh, der GM Alex Onishcuk ebenfalls ein Remis abrang.

Bei den U.S. Damenmeisterschaften 2017, scheinen die 12 Teilnehmerinnen nicht viel von Remisangeboten zu halten, oder zumindest wollen sie diese nicht annehmen.

In allen sechs Partien gab es Siegerinnen, und den wichtigsten Sieg errang wohl Titelverteidigerin IM Nazi Paikidze's mit Schwarz gegen die siebenfache US-Meisterin GM Irina Krush. Paikidze hat einen Lauf seit Ihrer unglücklichen Niederlage in der dritten Runde in einer siebenstündigen Marathon Partie.

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Die beiden Kontrahentinnen an Brett 1 teilten die letzten 5 Meistertitel unter sich auf.

Ihre Geheimwaffe? Paikidze hat einen Bioladen ganz in der Nähe des Austragungsortes des Turniers entdeckt, und kauft dort nun jeden Tag ihr Essen ein. Aber dies hat wohl weniger zum heutigen Sieg beigetragen, als die großartige Taktik, mit der sie den A-Bauern von Krush gewann.

"Nach der Eröffnung hatte ich nichts," analysierte Krush. "Wir hatten eine ausgeglichene Stellung und dann hat sie versucht auf dem Königsflügel Unruhe zu stiften aber erreichte auch nicht viel damit."

Paikidze wäre offensichtlich mit einem Remis zufrieden gewesen, denn sie gestand nach dem Spiel, dass sie Krush genau einen Zug bevor sie den Bauern gewann, ein Remis geboten hatte, welches Krush aber ablehnte.

Die anderen 5 Partien wären für eine Waschmittelwerbung gut geeignet gewesen -- denn alle wurden von Weiß gewonnen.

Einen sensationellen Sieg landete NM Carissa Yip gegen IM Anna Zatonskih. Anna hielt bereits alle Trümpfe in ihrer Hand: Sie hatte die aktivere Stellung, das Läuferpaar und einen gewaltigen Zeitvorteil noch dazu.

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NM Carissa Yip, immer noch erst 13 Jahre alt und nicht mehr so aufgeregt wie noch letztes Jahr.

"I'm OK with it," sagte Yip im lakonischen Sprachgebrauch der Teenager. "Ich habe diesen Sieg wirklich nicht erwartet."

"Nach f4, f5 war ich mir garnicht sicher, dass ich gewinnen würde," sagte Yip.

Chess.com sprach danach noch mit Yip über Ihre Pläne für die Zukunft. Ein Video dieses Interviews könnt ihr hier sehen:

Die letzte Partie, die wir in diesem Artikel präsentieren, war ein Sieg auf den eine Spielerin lange warten musste. Seeeeeeehr lange!

WGM Sabina Foisor erreichte bis gestern gerade mal 2 Remis gegen WGM Tatev Abrahamyan. Dagegen stehen 6 Niederlagen und 0 Siege! 5 dieser Niederlagen kamen in Serie bei den letzten 5 Ausgaben der US Meisterschaften.

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WGM Sabina Foisor.

Eigentlich hätte Foisor etwas netter zu Abrahamyan sein können, denn nur durch ihre Absage rutschte Foisor in die Nationalmannschaft der Damen, die schließlich in Baku die Goldmedaille gewann. Foisor hatte aber auch mit 2.5 aus 3 möglichen Punkten einen großen Anteil an dem Sieg.

Während es in allen 6 Damenmatches heute kein Remis gab, gilt dies für Foisor schon das ganze Turnier hindurch. Sie hat jetzt 4 Siege und 2 Niederlagen bei 0 Remis.

Sie sagte dazu nach der Partie: "Wenn ich eine Chance sehe zu gewinnen dann spiel ich auf Sieg. Manchmal gehts gut und manchmal eben nicht". Zu Ihrer Niederlagenserie gegen Abrahamyan lieferte sie folgende Begründung: "Ja, ich habe schon oft gegen sie verloren, aber ich hatte auch immer Schwarz."

Nachdem die hälfte des Turniers vorbei ist, haben nur 3 Männer weniger als 50%:

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Dass eine Frau den Titel gewinnt, obwohl Sie eine Partie verliert, ist eher selten, aber Nazi Paikidze ist auf dem besten Weg genau dies zu tun:

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Heute gibt es mit Robson-So und Nakamura-Shankland zwei weitere Duelle von Nationalmannschafts Kollegen:

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Zatonskik und Krush haben beide ihre letzten Partien verloren. Es wird interessant zu sehen sein, wer seine Niederlage besser verdaut hat:

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Alle Grafiken sind von: Spectrum Studios.

Ihr könnt die Berichterstattung mit Livespielen und Interviews täglich ab 20 Uhr auf Chess.com/TV oder offiziellen Seite uschesschamps.com verfolgen.

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