Der Kampf des 21. Jahrhunderts

Der Kampf des 21. Jahrhunderts

Gserper
GM Gserper
26.03.2017, 00:00 |
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Wenn Schachfans vom "Match des Jahrhunderts" sprechen, dann meinen sie normalerweise den Kampf zwischen der UdSSR und dem "Rest der Welt" 1970 in Belgrad. Aber noch viele weitere Wettbewerbe (meistens Weltmeisterschaften) bekamen diese Bezeichnung.

Foto von David Llada.

Capablanca-Alekhine, Spassky-Fischer und Karpov-Kasparov (1984/85) wurden alle als "Match des Jahrhunderts" bezeichnet. Diese Bezeichnung ist also sehr Subjektiv, und jeder Schachfan kann persönlich entscheiden, welchen Vergleichskampf er mit diesem Namen würdigt.

Das neue Jahrhundert ist ja noch recht jung, und ich bin mir sicher, dass es noch viele Kämpfe geben wird, die diesen Titel bekommen werden, aber ich persönlich habe meinen "Kampf des Jahrhunderts" schon gefunden, und ihr werdet nie erraten für welches Match ich mich entschieden habe!

Bevor ich dieses jedoch verkünde möchte ich noch mein Hauptkriterium für meine Wahl nennen: "Die Begeisterung, die man beim Zuschauen entwickelt!" Deswegen habe ich auch die meisten Weltmeisterschaften ausgeschlossen. Die Berliner Variante kann in meinem "Kampf des Jahrhunderts" nicht vorkommen! Und auch wenn der Toilettenskandal beim Match Kramnik-Topalov für eine Menge aufruhr in den Medien gesorgt hat, ist dies nicht die Art von Unterhaltung die ich meine.

Deswegen lüfte ich jetzt mein Geheimnis und stell euch Tan Zhongyi-Harika Dronavalli als meinen Favoriten, für den Kampf des Jahrhunderts, vor.

Überrascht? Ja, es war "nur" das Halbfinale der Frauenweltmeisterschaft 2017 und teilweise voller Fehler, aber ich kenn nur wenige Aktionfilme die Spannender und Abwechslungsreicher waren, als der Kampf dieser beiden Spielerinnen.

Ich war wie vor meinem Monitior angeklebt, als ich dieses unvergessliche Schach-Spektakel live verfolgt hatte.

Tan Zhongyi. | Photo: David Llada.

Die erste Partie war noch nichts besonderes. Zhongyi überspielte ihre Gegnerin und beendete die Partie mit einer hübschen Taktik. Ich bin mir sicher, dass ihr die Taktik findet:

Die nächste Partie lies dann schon erahnen, dass wir hier etwas aussergewöhnlichem beiwohnen könnten. Zuerst verpasste Harika einen sofortigen Gewinn, aber wer kann es ihr verdenken, nach einer so langen Partie und einem so langen Turnier? Könnt ihr den Zug finden den Schwarz zur sofortigen Aufgabe veranlasst hätte?

Ich war wirklich verblüfft dass Harika das "verflixte Endspiel" mit Läufer und Springer gegen den König fast nicht gewonnen hätte. Hatte sie denn nichts aus der Partie der Noch-Weltmeisterin Anna Ushenina gelernt? Glücklicherweise schaffte Harika es noch die Partie zu gewinnen. Nur 4 Züge bevor die 50 Züge Regel gezogen hätte!

Die erste Tiebreak-Partie war ein herber Schlag für die zukünftige Weltmeisterin. Die schwarze Königsstellung wurde total vernichtet! Kannst du den Angriff wie GM Harika beenden?

Nach dieser Partie dachte ich, dass das Match vorbei sein würde, denn normalerweise erholen sich Spieler von einer solchen Niederlage nicht so schnell. Aber ich dachte falsch! Irgendwie hatte ich sowieso das Gefühl, mich in einem Spiegel-Irrgarten zu befinden, als ich das Match verfolgt hatte, denn es passierte grundsätzlich nie das, was ich erwartet hatte! Wie konnte Weiß nur diese Stellung die im nächsten Diagramm gezeigt wird, gewinnen?

Die nächste Partie ist eine Lehrstunde von Tan Zhongyi über Fesselungen. Wir haben über diese "Schach-Wunderwaffe" schon in  diesem Artikel berichtet.

Jetzt war es Harika, die die nächste Partie unbedingt gewinnen musste und auch sie schaffte eines der verblüffendsten Comebacks die ich je gesehen habe! Seht euch einfach das nächste Diagramm an.

Ich glaube Schwarz hat hier eine 60%ige Gewinnchance und Weiß eine Chance von vielleicht 40% um ein Remis zu halten. Wenn irgendjemand mich nach den gewinnchancen für Weiß gefragt hätte, dann hätte ich wohl nur gelacht. Aber seht was passiert ist:

Jetzt mussten die beiden 2 Blitzpartien spielen (Fünf Minuten plus 3 Sekunden pro Zug). Die Fehler in den Blitzpartien zu suchen ist sicher nicht fair, besonders weil sie direkt nach den nervenaufreibenden Schnellschach Partien stattfanden. Es reicht wohl völlig aus zu sagen, dass in einer Blitzpartie einfach alles passieren kann!

Wenn wir bedenken, dass die nächste Blitzpartie bereits die 7. Partie des Tages war, dann hatte diese eine wirklich hohe Qualität!

Der Kampf musste schließlich in einem Armageddon Match entschieden werden. Das heißt, dass Weiß 5 Minuten auf der Uhr hat und Schwarz eine Minute weniger. Allerdings muss Weiß gewinnen, während für Schwarz ein Remis wie ein Sieg zählt.

Im 31. Zug stellte Tan Zhongyi den sehr wichtigen e5  Bauern ein, und stand damit sofort auf Verlust. Sie verteidigte sich aber glänzend und nach einigen ungenauen Zügen ihrer Kontrahentin hatte sie eine einfache und sichere Möglichkeit ein Remis zu erlangen. Findet ihr sie?

Und dann war Harika an der Reihe um einen klaren Gewinnzug zu übersehen. Aber bevor ihr sie jetzt für den Fehler auslacht, versucht den Gewinnzug erst selbst zu finden. Und wenn ihr ihn gefunden habt, stellt euch vor, ob ihr ihn im 8. Spiel des Tages, einem WM-Halbfinale, und mit 1 Minute auf der Uhr auch gefunden hättet....

Im 69. Zug hat Hariko nochmal die Chance auf diese Zugfolge gehabt, aber wieder nicht gesehen. Der letzte Teil dieser Partie hat mit Schach nicht mehr viel zu tun. Leider passiert soetwas, wenn ein Remis gleichzeitig eine Niederlage bedeutet....

Harika Dronavalli. | Foto: David Llada.

Ich habe diesen Schlagabtausch wirklich genossen, auch wenn es mir leid tat, dass eine der Spielerinnen ausscheiden musste, das es beide so sehr verdient hatten, das WM Finale zu erreichen. Beide haben eine übernatürliche Willenskraft, aber Tan Zhongyi ist in einfachen technischen Stellungen die etwas stärkere Spielerin. Dieses kleine Plus hat diesen dramtischen "Kampf des Jahrhunderts" wohl entschieden.

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