Gier ist Geil!

Gier ist Geil!

Gserper
GM Gserper
10.06.2018, 00:00 |
190 | Für Anfänger

Ich schätze das Feedback meiner Leser sehr und lese daher immer meine Kommentare zu meinen Artikeln. Einer von ihnen, vom Chess.com-Mitglied rossmckinley1224, brachte mich zum Nachdenken.

Ross schrieb: "Für die von uns, die schon 400-500 Partien auf Chess.com gespielt haben und immer noch versuchen, sich zu verbessern und die 1000er Marke zu knacken, sind Deine Artikel unverständlich." 

Danke, Ross, für einen sehr guten Einwand! In der Tat überfordern die Themen vieler meiner Artikel die Chess.com-Mitglieder, die ein Rating von 1000 oder weniger haben. Außerdem gibt es nicht viele Bücher auf dem Markt, die für diese Kategorie von Schachspielern geeignet wären.

Die meisten Bücher für Anfänger erklären zuerst wie man die Figuren zieht und dann...bumm! So geht die spanische Eröffnung!

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Sehen wir uns eine typische Partie von 2 Spielern mit einem Rating von unter 1000 an:

Spieler dieser Stärke müssen keine Eröffnungen lernen und brauchen auch keine Endspieltechnik. Und auch die Lektionen über isolierte Bauern oder schwache Felder ist pure Zeitverschwendung. Spieler dieser Stärke müssen nur eine Regel beachten: Schlag jede Figur deines Gegners, die Du schlagen kannst!

Wer jetzt denkt: "Aber genau das machen die doch", der liegt falsch. Oft sehen sie gar nicht, dass sie eine Figur schlagen könnten und in manchen Fällen ignorieren sie diese Möglichkeit absichtlich. Hier ist ein Beispiel:


Ich habe meinen Schüler, der in dieser Partie Weiß war, gefragt, ob er denn gesehen hat, dass er den e5 Bauern mit 3.Sxd5 schlagen hätte können. Er antwortete, dass er es gesehen hätte, aber lieber den Eröffnungszug spielte, den er immer spielt (Sc3).

"Es ist ja nur ein Bauer, wen kümmert der schon?" waren seine genauen Worte. Für eine Sekunde war ich sprachlos. Einen ungedeckten Bauern oder eine ungedeckte Figur zu schlagen ist für erfahrene Spieler so natürlich wie das Luftholen. Wie bringt man jetzt aber jemanden das Atmen bei?

Mir fiel nichts besseres ein, als meine beste Imitation von Gordon Gekko auszupacken.

Und so sagte ich ihm den Satz: Im Schach ist es gut, wenn man gierig ist. Gier ist gut. Gier funktioniert! Wenn Du das nächste Mal eine Figur schlagen kannst, dann mach es einfach!

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Hier ist eine weitere Partie. Diesmal von einer Schülerin von mir:

Wie ihr seht, hat das Mädchen, das Schwarz gespielt hat, bereits einige Kenntnisse von Eröffnungen (die Sizilianische Verteidigung!) und sie hat sogar schon einen Blick für taktische Ideen (Fesselung), aber die wichtigste Grundregel hat sie nicht befolgt: Gier ist Geil! Die Lehre, die wir aus dieser Partie ziehen, ist die gleiche, wie in der letzten Partie: Wenn Du eine Figur schlagen kannst, dann mach es einfach!

Eine andere Version des gleichen Anfängerproblems ist die Weigerung, einfach zurückzuschlagen! Das geht so: Der Gegner schlägt eine gedeckte Figur. Aber anstatt die Figur einfach zurückzuschlagen, kommt irgendein anderer Zug! Hier ist ein Beispiel:

Ich glaube, ihr habt mich jetzt verstanden: Schlagt die Figuren des Gegners, wenn ihr sie schlagen könnt! Es gibt hier auf Chess.com ein tolles Spiel, mit dem ihr das üben könnt. Und wenn ihr "die Kunst des Schlagens" dann wirklich gut beherrscht, dann werdet ihr auch locker die 1000er Marke knacken!

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