Ist Schach barbarisch?

Ist Schach barbarisch?

Gserper
GM Gserper
02.10.2017, 00:01 |
68 | Andere

Der Titel dieses Artikels wird euch vielleicht überraschen, denn er ist eigentlich ein Widerspruch. Wie kann denn das noble, königliche Spiel barbarisch sein?

Gut, traditionell gesehen ist Schach ja ein Dreiklang aus Kunst, Wissenschaft und Sport. Wenn euch hauptsächlich der sportliche Aspekt am Schach interessiert, dann wisst ihr vielleicht was ich meine. Bobby Fischer betonte immer, dass ein Schachspieler einnen Killerinstinkt benötigt, um an die Spitze zu kommen. Boris Spassky stimmt ihm zu: "Um Weltmeister zu werden musst Du eine Art Barbar sein. Du musst einen Killerinstinkt haben."

Dieser grausame Aspekt im professionellen Schach ist den meisten Menschen gar nicht bewusst. Als meine Schülerin WIM Naomi Bashkansky die u13 Welt Schulschachmeisterschaft gewann, wurden wir von dem lokalen Fernsehsender King 5 News zu einem Interview eingeladen. Das Interview dauerte 40 Minuten und wir sprachen über den langen Weg, der begann, als ich die sechsjährige Naomi unter meine Fittiche nahm.

Und was haben sie dann auf ihrer Webseite veröffentlicht? 

Wenn Naomi Bashkansky zuschlägt, sehen es ihre Gegner nicht kommen. "Sie ist ein ‘Terminator’  ohne Emotionen. Sie bringt ihre Gegner einfach um," sagt ihr Trainer und Schachgroßmeister Greg Serper.  Das 13 Jahre alte Bellevue Girl stimmt ihm zu.  “Ich habe meinen Gegner zerquetscht,” beschrieb Bashkansky eine ihrer Partien.

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Wenn man das liest, denkt man mehr die Wrestlemania als an Schach! Für die TV-Fritzen war es aber anscheinend der interessanteste Teil des Interviews.

So, wie spielt man jetzt barbarisches Schach? Die Definition von barbarisch ist ja wild, grausam, außerordentlich brutal. Und genauso spielt man Schach: Mach deinem Gegner das Leben schwer und quäle ihn, wann immer es möglich ist. Denn wenn Du es nicht machst, wird er es tun!

Hier ist eine Partie, die veranschaulicht, wie Super-Großmeister denken:

In dieser Stellung spielte Kasparov den Zug 44.Kf5, aber da alle Analysen zeigen, dass Schwarz in sämtlichen Varianten überleben kann, bot er Remis ohne sich die Stellung genau genug anzusehen. In seinem Buch über die Weltmeisterschaft bereute Kasparov diese Entscheidung und nannte sie einen großen psychologischen Fehler. Er erklärt, dass die Stellung zwar nach einem Remis aussähe, aber Schwarz sehr genau verteidigen müsste, um dieses Remis auch zu erreichen. Karpov hätte also eine Menge Energie aufwenden müssen, was ja in einer Weltmeisterschaft kein unerheblicher Faktor ist. Laut Kasparov ist ein Spieler nach einer langen Abwehrschlacht völlig ausgepumpt, was sich dann oft in der nächsten Partie bemerkbar macht. Die Bestrafung für dieses verfrühte Remisgebot folgte auf dem Fuß, denn Kasparov musste in der nächsten Partie leiden.

Dies kommt im Schach relativ häufig vor: Wenn Du auf deinen Gegner keinen Druck ausübst und ihn nicht quälst, dann wirst Du in der nächsten Partie dafür bestraft. Das erste Beispiel, das mir hierzu einfällt, ist dieses:

In dieser klar besseren Stellung bot GM Leko remis. Warum? Ganz einfach, weil er das Duell anführte und nach diesem Remis nur noch einen Punkt aus 2 Partien benötigte, um Weltmeister zu werden. Was dann passiert ist, wissen wir alle: Kramnik gewann die letzte Partie und verteidigte erfolgreich seinen Titel. Ich bin mir sicher, dass Leko Weltmeister geworden wäre, wenn er Kramnik in dieser Stellung weiter gequält hätte. Nicht wegen dem Ausgang dieser einen Partie. Aber einem Gegner auf so einfach Art ein Remis zu schenken rächt sich meistens.

Hier ist noch ein neueres Beispiel:

Diese Partie stammt aus der ersten Runde des Weltcups 2017. Weiß bot Remis und Schwarz nahm es sofort an. Ob die Initiative, die Schwarz für den Bauern bekommen hatte, genügend Kompensation für diesen ist, ist die eine Frage. Die andere Frage ist aber: Dachte Muhammad Khusenkhojaev, dass er in der nächsten Partie gegen einen Gegner mit 330 ELO Punkten mehr eine Stellung bekommen würde, in der er leichter auf Gewinn spielen könnte, als in dieser? Das Ergebnis der zweiten Partie wird dann niemanden überraschen:

Das Remisgebot von Schwarz überraschte viele. Warum nutze Schwarz nicht den Mehrbauern, um seinen Gegner wenistens zu quälen? Vergleicht diese Stellung mit der zweiten Partie zwischen MVL und Svidler:

Auch hier sieht es nach dem 35. Zug nach einem Remis aus, aber MVL quälte seinen Gegner noch weitere 40 Züge! Sogar als die Stellung ein theoretisches Remis war, weil der Läufer die falsche Farbe hatte, bot er kein Remis, sondern setzte seinen Gegner Patt. So sagt man: "Ich bin der Chef im Ring!" 

Wie Kasparov in seinem Buch erklärt, verbraucht eine so lange Verteidigung immens viel Energie und deshalb war es keine große Überraschung, dass Svidler in der nächsten Partie unter seinem gewohnten Level spielte. Und das war durchaus MVL´s Kampfgeist in der vorherigen Partie geschuldet!

Die Lehren, die wir daraus ziehen können, sind einfach: Um die besten Ergebnisse zu erzielen, benötigt man einen Killerinstinkt! Und deshalb sollte ihre jede Gelegenheit wahrnehmen, um Eure Gegner leiden zu lassen!

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