Meine Begegnungen mit Magnus Carlsen

Meine Begegnungen mit Magnus Carlsen

KajaMSnare
KajaMSnare
10.05.2017, 14:00 |
241 | Andere

Ich möchte mich zuerst vorstellen: Mein Name ist Kaja Snare und ich bin eine Sportjounalistin aus Norwegen.

Als ich von Chess.com gefragt wurde, ob ich diese Kolumne schreiben möchte, sagte ich sofort zu denn 1. schreibe ich wahnsinnig gerne über Schach und besonders über Magnus Carlsen und 2. habe ich das Gefühl, als ob ich die Carrie Bradshaw (die Hauptdarstellerin von "Sex and the City") des Schachs wäre .

Titelbild: Im Studio mit Magnus, 2015.| Foto: Linnea Syversen.

Bevor ihr weiterlest solltet ihr aber noch eines wissen:  Ich spiele kein Schach (im Gegensatz zu Carrie Bradshaw, die viel Sex hat).

Ich habe zwar ein Schachbrett und Figuren zu Hause, aber nur aus dekorativen Gründen und ich bin auch Mitglied in einem Schachclub, aber nur weil ich mir vorstellte wie cool es wäre in einem Chesterfield Sessel zu sitzen und wahnsinnig intelligent auszusehen, wenn ich mit Menschen Schach spiele und mir deren Lebensgeschichten anhöre (wie in Atle Grønn’s Buch "Schach oder Leben"). Ich werde euch aber über meine Fortschritte im Schach auf dem laufenden halten.

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Kaja, beim Interview mit Sergey Karjakin während der Weltmeisterschaft in New York. | Foto: Maria Emelianova.

Diese Kolumne soll euch also einen Blick hinter den Vorhang, hinter dem sich die berühmtesten Schachspieler verstecken, erlauben. In den letzten 3 Jahren bin ich viel für das norwegische Fernsehen gereist und dabei viele Superstars des Schachs näher kennengelernt. Den tollen Tänzer und Gentleman Vladimir Kramnik. Sergey Karjakin, der sich von einem unscheinbaren Entlein in einen wunderschönen Schwan entwickelte. Den wortkargen Hikaru Nakamura. Vassily Ivanchuk, der mich vor laufenden Kameras in Verlegenheit brachte. Veselin Topalov, der immer als letzter ins Bett geht. Fabiano Caruana, Maxime Vachier-Lagrave und natürlich Magnus Carlsen.

Welche Geheimnisse des Weltmeisters kenne ich aber jetzt?

Ich habe Magnus zum ersten mal 2014, beim Sinquefield Cup getroffen. Nun ja, eigentlich habe ich ihn schon einmal vorher, in einem Nachtclub in Oslo, gesehen, aber er war damals auch schon ein Star, und war in einem seperaten Bereich für VIP Gäste zu dem ich keinen Zugang hatte und von anderen weiblichen Gästen umgeben. Als ich betrunken genug war fragte ich ihn nach einem Autogramm. Super! Ich hoffe, dass ich beim Sinquefield Cup in St. Louis einen besseren Auftritt hingelegt habe.

Ich hatte bis dahin noch nie im Schachbereich gearbeitet und wusste gerade einmal wie die Figuren ziehen. Auf dem Flug versuchte ich die Namen der bisherigen Weltmeister auswendig zu lernen und die Unterschiede von A1, A2 und A3 zu begreifen. Ich stieg mit meinem Kameramann im "Chess House" ab und erwartete zwei schwierige Arbeitswochen ohne viel Spass.

Falsch!

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Mike Klein erklärte mir in St. Louis, wie man die Figuren aufstellt (Die Damen tragen immer farblich passende Schuhe zu ihren Kleidern).

Wir verfolgten die Partien in einem der am stärksten besetzten Turniere der Geschichte (Caruana startete mit 7 Siegen in Serie! Eine Leistung, die vielleicht einmalig ist.), wir arbeiteten, wir spielten Schach und wir feierten Partys! Ich verliebte mich unsterblich in diesen intensiven Sport, in dieses geheimnisvolle Spiel, und in die warmherzigen Menschen, die es spielten.

Die Schachspieler zu interviewen war eine Herausforderung. Speziell Magnus. Ein Interview mit ihm läuft ungefähr so ab: Wenn du unvorbereitet bist und dumme Fragen stellst, läßt er dich wie einen Idioten aussehen. Wenn du ihn mit guten, originellen Fragen überrascht, liefert er dir Schlagzeilen wie kein Zweiter, selbst wenn er weiß, dass die Schlagzeilen nicht zwingend positiv sein werden. Ich habe den Eindruck, dass er zwar irgendwie das Rampenlicht scheut aber dass ihn die Aufmerksamkeit, die er mit seinen Worten oder Zügen kreiert, doch irgendwie amüsiert.

Manchmal denke ich, dass wir nur Figuren in einem Lebendschach sind, und Magnus nur mit uns spielt.

Während dieser beiden Wochen in St. Louis hatte ich die Möglichkeit, einige Stunden mit Magnus, ausserhalb des Turniers zu verbringen. Wir waren am Ruhetag zusammen beim Golfen und er lud uns ein, mit ihm Fussball zu spielen. Das Spiel fand auf einem Platz statt, der von einer Tartanbahn umrundet wurde, und nach dem Spiel, während die meisten von uns zu geschafft waren um den Platz senkrecht zu verlassen, wollte Magnus noch testen wie schnell er eigentlich 100 Meter laufen könnte. Ich kann mich leider nicht mehr an die genaue Zeit erinnern, aber ich erinnere mich noch, dass mich die Zeit aus den Socken kippen lies. Ich wundere mich eh, welcher Schachweltmeister einen 100 Meter Lauf gewinnen würde, und ich würde wohl auf Kramnik wetten, denn laut Wikipedia ist er genauso groß wie Usain Bolt (1.95 Meter). Vielleicht würde aber auch Bobby Fischer gewinnen, denn zumindest im übertragenen Sinne, hat er am meisten Übung im davonlaufen. Ha ha.

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Beim Fussballspielen mit Magnus in St. Louis.

Beim Stichwort Bobby Fischer fällt mir etwas ein.

Als Kind war der Name dieses amerikanischen Schachgenies meine einzige Verbindung zum Schach, denn ich hatte natürlich einige verrückte Geschichten über ihn gehört. Als Magnus Großmeister wurde and sich die Medien für ihn interessierten, wurde er oft mit Bobby Fischer verglichen. Deswegen bin ich auch niemanden böse, der mich frägt: "aber Magnus muss doch irgendwelche Macken haben, oder?". Und leider ist dies auch die häufigste Frage, die mir über ihn gestellt wird.

In der Dokumentation Magnus spricht er über Dämonen, die ihn dazu zwingen würden, immer und überall an Schach zu denken! Er ist der zweitjüngste Weltmeister aller Zeiten. Es wäre ein leichtes zu denken, dass er nicht "alle Tassen im Schrank hat". Viel schwieriger ist es eigentlich zu akzeptieren, dass er so ist, wie ich ihn kennengelernt habe: einfach ganz Normal.

Ich kenne ihn nicht privat, aber Magnus Carlsen war für einige Zeit meine Arbeit. Ich folgte jedem seiner Schritte und ich kann dies sagen: "Er ist extrem klug und oft habe ich das Gefühl, dass er nicht nur seinen Gegnern am Schachbrett, sondern auch den Medien immer einen Zug voraus ist - dass er eigentlich mit uns spielt".

Kennt ihr das Gefühl, wenn einem erst viel zu spät einfällt, was man in einer bestimmten Situation sagen oder antworten hätte können? Ich bin mir sicher, dass Magnus dieses Gefühl nicht kennt. Sein Gehirn arbeitet so sensationell schnell, dass er immer die perfekten Antworten parat hat. Deswegen macht es mir so viel Spass mit ihm zu arbeiten.

Wie jeder andere hat Magnus Carlsen natürlich auch Fehler, aber das einzig wirklich unnormale, das ich an ihm entdeckt habe ist, dass er wohl die einzige Person auf der Welt, die nach 1970 geboren wurde, ist, die den Macarena Tanz nicht tanzen kann. Das weiß ich, denn ich habe dieses Desaster auf der Abschlussfeier des Sinquefield Cups 2014 live miterlebt:

Wir spielten jede spassige Variante des Schachs die es gibt und alle Spieler applaudierten und jubelten wenn ich einen Zug machte, der die Partie nicht sofort verlor. Dann gingen alle in einen Latino Club, in dem dann Macarena gespielt wurde und alle Spieler tanzten, oder (im Falle von Magnus) versuchten es zumindest.

Das war ein tolles Erlebniss! Ich liebe meine Arbeit und freue mich schon, euch bald noch mehr daran teilhaben zu lassen.


Kaja Snare ist 27 Jahre alt und lebt in Oslo. Sie arbeitet als Sportjournalistin für NRK und berichtet seit 3 Jahren über Schachveranstaltungen. Ferner ist sie Moderatorin einer Schachsendung im norwegischen Fernsehen. Bei der Weltmeisterschaft in New York war sie an den internationalen Übertragungen beteiligt. Kaja war Handballreporterin bei den Olympischen Spielen in Brasilien und hat auch schon in den Bereichen Wintersport, Radsport, Tennis und Fußball gearbeitet. Wenn sie nicht auf Reisen ist, arbeitet sie in Norwegen als Sport-Nachrichtensprecherin.

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