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Was ist der beste Zug?

Was ist der beste Zug?

Jeder Schachspieler kennt diese Situation. Man denkt über seinen nächsten Zug nach und entdeckt mehrere verlockende Möglichkeiten. Alle Kandidatenzüge sehen in etwa gleichstark aus. Für welchen sollte man sich also entscheiden? Was ist der beste Zug?

Auf diese Frage gibt es natürlich keine einfache Antwort. Wenn zwei Spieler, die verschiedene Spielstile bevorzugen, dieselbe Stellung ansehen, werden sie sich oft für 2 unterschiedliche Züge entscheiden und auch derselbe Spieler kann in vielen Stellungen mal so und mal so fortsetzen. Seine Wahl des nächsten Zuges kann von der Turniersituation, seinem Gegner, seiner Laune und vielen weiteren Faktoren beeinflusst werden.

Anatoly Karpov schreibt in seinem Buch "The Best Games":

Wenn ich mehrere Fortsetzungen zur Auswahl habe, hängt meine Entscheidung hauptsächlich von meinem Gegner ab. Gegen Tal oder Korchnoi ziehe ich Stellungen vor, die weniger Spielraum für artistische Kunststücke lassen während ich gegen Petrosian durchaus eine komplizierte Stellung auf dem Brett bevorzugen würde. Wenn ich aber sehe, dass es nur eine beste Fortsetzung gibt, dann habe ich keine Wahl. Dann spiele ich den besten Zug.

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Karpovs Denkweise ist jetzt absolut logisch und nachvollziehbar, aber oft hat man das Problem, dass man nicht genau weiß, welche die richtige Fortsetzung ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist die folgende Weltmeisterschaftpartie, die eigentlich die Weltmeisterschaft entschied:

Diese Partie wurde tausende Male veröffentlicht und jeder Kommentator (inklusive Kasparov in seinem Buch "My Great Predecessors") gibt dem Zug 15.g4 mindestens ein Ausrufezeichen! Diese Partie hat meine Sichtweise auf das Schach geprägt, denn sie belegt, dass es eigentlich immer eine gute Idee ist einen Bauern zu opfern, wenn man dadurch eine offene Linie auf den gegnerischen König bekommt. Besonders, wenn man auf verschiedene Seiten rochiert hat!

Darum habe ich auch in einem älteren Artikel geschrieben: 

Jeder erfahrene Schachspieler würde das Bauernopfer 15.g4 ohne nachzudenken spielen. Die offene Linie und der starke Angriff auf den König gleichen den minimalen Materialverlust mehr als aus

Da der eben erwähnte Satz eigentlich ein Grundsatz ist, war ich über den folgenden Leserkommentar überrascht:

15.g4 in der Partie Boris Spassky gegen Tigran Vartanovich Petrosian ist kein Zug, den jeder erfahrene Schachspieler ohne nachzudenken spielen würde. Er ist sicher spielbar, aber es gibt auch andere gute, und sogar bessere Züge. Weiß steht bereits besser und hat deshalb mehrere gute Züge zur Auswahl (g4 ist einer davon). Schwarz ist auf jeden Fall in der Defensive. Dein Beispiel ist also schlecht gewählt. Viele erfahrene Schachspieler würden z.B. 15.h3, mit der Idee g4, spielen und die Partie ebenfalls gewinnen.

Ich muss zugeben, dass ich, als ich diesen Kommentar zum ersten Mal las, ungefähr so gelächelt habe, als wenn mir jemand erzählt hätte, dass die Erde flach ist. In einer solchen Stellung einen Bauern zu opfern ist das ABC des Schachs, was ich schon als Kind, dank der folgenden 3 Partien von Tal, gelernt habe:

Ich habe sogar versucht, dem Magier in meinen eigenen Partien nachzueifern:

Was hätte jetzt offensichtlicher und natürlicher als dieser Zug sein können? Im Schach lernt man, auch auf seinen Gegner zu achten und die Ideen seines Gegners zu respektieren. Sobald man denkt, dass man selbst immer Recht und der Gegner keine Ahnung hat, wird man bestraft werden. Ich stellte mir also eine einfache Frage. Dieses Bauernopfer sieht zwar für mich offensichtlich aus, aber warum bin ich mir so sicher, dass es auch jeder Großmeister in dieser Stellung 15.g4 spielen würde? Was ist, wenn der Leser Recht hat und einige starke Spieler 15.h3 spielen würden? Und dann fielen mir diese beiden Partien ein:



Wie ihr sehen könnt, brachte Weiß den schwarzen König in beiden Partien, nach etwa gleich vielen Zügen zur Strecke. Der Unterschied ist, dass der eine Großmeister den "offensichtlichen" Zug 14.g4 spielte und der andere Großmeister sich für 14.Thg1, um g4 vorzubereiten, entschied. Wer hat jetzt Recht? Wie die Ergebnisse zeigen, haben beide Recht. Der weiße Angriff war in beiden Fällen erfolgreich.

Kommen wir also zum oben genannten Leserkommentar zurück. Ich glaube, er hatte Recht!  Der Zug 15.g4 ist zwar für mich absolut offensichtlich, aber das heißt ja nicht automatisch, dass er deshalb für jeden Spieler offensichtlich sein muss! Ich persönlich werde aber weiterhin einen Bauern opfern, um eine offene Linie vor dem gegnerischen König zu erhalten, wie z.B. auch in dieser Partie:

Aber das ist nicht die einzige Möglichkeit um die Partie zu gewinnen und viele Spieler hätten sich wohl für eine dezentere Fortsetzung entschieden.

Was ist jetzt also der beste Zug? Ich glaube, es ist einfach der Zug, der dem Stil eines Spielers entspricht. Der Zug, der die eigenen Stärken betont und deshalb die Gewinnchancen erhöht, egal ob es wirklich der beste Zug ist, ist für jeden Spieler der beste Zug.

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