Wie Dir Dein Gegner helfen wird
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GM Gserper
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45 | Strategie

Siegbert Tarrasch war einer der besten Spieler seiner Zeit und verdient es definitiv, in die Liste der besten Schachspieler, die niemals Weltmeister wurden, aufgenommen zu werden.

Siegbert tarrasch
Tarrasch. Foto via Wikipedia.

Genau wie Reuben Fine war auch Tarrasch ein überaus produktiver Schachautor und wurde für seine zahlreichen Schachbücher sogar als "Teacher of Germany" bezeichnet. Ich wette, viele von Euch haben schon von Tarraschs berühmter Regel in Turmendspielen gehört, die besagt, dass einen Turm hinter einen Freibauern gehört, ganz egal, ob es Euer eigener Bauer, oder der Bauer Eures Gegners ist.

Auch der unsterbliche Spruch "ein Springer am Rande ist immer eine Schande" stammt von ihm. Es gibt aber noch einen weiteren Spruch, der nicht ganz so bekannt, aber genauso nützlich ist.

Sogar Bobby Fischer hat den Spruch in sein Buch My Sixty Memorable Games aufgenommen. In den Anmerkungen zu seiner Partie gegen GM Kholmov, schrieb Fischer:

Wie Tarrasch geschrieben hat: "Wenn du nicht weißt was du tun sollst, dann warte bis dein Gegner eine Idee hat - Sie wird sicher schlecht sein!"

Diese Partie aus einem meiner letzten Artikel ist ein gutes Beispiel dafür.

Magnus Carlsen hat in den letzten 20 Zügen dieses Endspiels versucht einen Fortschritt zu erzielen, konnte aber nichts erreichen, da der gut platzierte Turm von Weiß auf Grundlinie ständig die schwarzen Figuren belästigte und Carlsen kann den Abtausch dieses lästigen Turms nur erzwingen, wenn sein Gegner ihm dabei hilft. Erstaunlicherweise tauschte Teimour Radjabov dann aber freiwillig seinen aktiven Turm!

Auch nach dem Turmtausch sieht die Stellung aber immer noch remislich aus. Wieder versuchte Carlsen weitere 15 Zuge lang, voranzukommen, aber wieder waren alle seine Versuche erfolglos ... bis Weiß freiwillig ein Ziel auf a4 schuf, das Carlsen neun Züge später einkassierte.

Versteht mich jetzt aber nicht falsch! Ich versuche nicht den Elite-Großmeister Radjabov schlecht zu machen. Um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass irgendein Spieler dem Druck, den Carlsen in solch einer Stellung ausübt, standhalten kann.

Urteilt selbst:

Nach 37...Te6 war es für Schwarz nicht einfach, Fortschritte zu erzielen, doch Vishy Anand beschloss, seinen Zentrumsbauern auf e4 aufzugeben.

Es ist ein seltsames Phänomen, aber zu einem bestimmten Zeitpunkt werden Euch Eure Gegner helfen! Hier ist noch ein Beispiel:

Der Zug 31...h5? ist unerklärlich. Warum sollte sich Schwarz selbst eine weitere Schwäche schaffen? Hier ist, was GM Jonathan Rowson in seinem ausgezeichneten Buch "Die sieben tödlichen Schach-Sünden" darüber schreibt:

Es ist schwer zu erkennen, was Weiß tun kann, wenn Schwarz einfach nur "nichts macht". Für diejenigen, die es noch nie ausprobiert haben, kann es jedoch unerträglich schwierig sein, "nichts zu machen", da es unser natürlicher Drang ist, "etwas zu machen".

Damit trifft GM Rowson den Nagel auf den Kopf! Jeder erfahrene Schachspieler weiß, wie schwierig es ist, nichts zu machen!

Hier ist meine eigene Erfahrung mit dieser Problematik. Nach einer langen und komplizierten Partie gegen GM Yurtaev hatte ich eine uneinnehmbare Festung aufgebaut:

Der Bauer auf f7 schützt meinen König gegen jede Gefahr und alles was ich tun musste war "nichts zu tun"! Selbst wenn mein Gegner seine Figuren ernsthaft aktiviert, musste ich nur meinen f7-Bauern beschützen.

Hier ist eine typische Situation dafür:

Aber was habe ich in der Partie gemacht? Ich habe meinen König aktiviert und den Bauern nach vorne geschoben, als ob ich die Partie noch gewinnen hätte können. Und natürlich habe ich dann verloren. Es ist immer noch schwierig nachzuvollziehen, warum ich das gemacht habe, besonders, weil wir in diesen prähistorischen Zeiten nach dem 40. Zug alle 16 Züge eine volle Stunde Bedenkzeit gutgeschrieben bekamen und ich somit in keinerlei Zeitnot war!

Natürlich war die Stellung nach dem Bauernzug immer noch Remis, aber es war eben keine uneinnehmbare Festung mehr.


Ich denke, jetzt bleibt mir nur noch, das Buch Die Kunst der Kriegsführung von Sun Tzu zu zitieren:

The Art of War.
Die Kunst der Kriegsführung. Foto: Wikipedia.

Wenn Du lange genug am Fluss wartest, werden die toten Körper Deiner Gegner vorbeitreiben.

 

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