Wie man ungewinnbare Endspiele gewinnt

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GM Gserper
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46 | Endspiele

Endspiele mit verschiedenfarbigen Läufern sind für Anfänger wahrscheinlich am schwierigsten zu verstehen.

Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube, dass alle Endspiele mit ungleichfarbigen Läufern Remis enden. Hätte ich jedes Mal, wenn ich den Satz "Diese Stellung ist totremis, denn es ist ein Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern" gehört habe, einen Euro bekommen...i

Sogar auf Wikipedia steht zu lesen: "Bei ungleichfarbigen Läufern endet das Spiel in vielen Fällen Remis."

In der englischen Version dieses Eintrags wurden allerdings drei entscheidende Wörter hinzugefügt. Dort steht: "Bei ungleichfarbigen Läufern ohne andere Figuren endet eine Partie in den meisten Fällen Remis."

Sobald wir diesem Endspiel andere Figuren hinzufügen, ist das Endspiel nämlich alles andere als Remis! Erst vor kurzem habe ich über Mittelspiele mit ungleichfarbigen Läufern gesprochen und wir haben festgestellt, dass dabei meistens ein Spieler einen großen Vorteil hat.

chess bishop

Sehen wir uns ein Endspiel an, das mich als Kind sehr beeindruckt hat:

In seinen Anmerkungen zur Partie schreibt Aron Nimzowitsch: "Ein Remis? Auf keinen Fall. In dieser Stellung steckt noch viel Potenzial und die Partie fängt doch gerade erst an!"

Er las meine Gedanken, denn als ich diese Partie analysierte, dachte ich tatsächlich, dass diese Stellung doch Remis enden müsste! In Wahrheit ist die Bauernübermacht von Weiß am Damenflügel völlig nutzlos, während Schwarz auf der anderen Seite des Bretts Fortschritte erzielen kann.

Jetzt sehen wir uns an, wie Nimzowitsch dieses "ungewinnbare" Endspiel fast ohne sichtbaren Fehler seines Gegners gewinnt!

Werfen wir nun einen Blick auf ein moderneres Beispiel. Einige unerfahrene Spieler könnten sogar denken, dass Schwarz in der folgenden Stellung besser steht, weil Schwarz einen Freibauern auf der c-Linie hat. In Wirklichkeit ist dieses Endspiel für Schwarz sehr schwierig zu spielen und ähnelt in gewissem Maße der Nimzowitsch-Partie.

Schwarz kommt mit seinen Freibauern auf dem Damenflügel nicht voran, während Weiß am Königsflügel Fortschritte erzielen kann. Erstaunlicherweise hat der Läufer auf c3 bis zum Ende der Partie kein einziges Mal gezogen und trotzdem hat er im weißen Orchester die Erste Geige gespielt!

Wikipedia schreibt auch: "Wenn zusätzliche Figuren auf dem Brett sind, hat der Spieler mit der besseren Stellung höhere Gewinnchancen, als bei Endspielen mit gleichfarbigen Läufern."

Dies ist allerdings eine fragwürdige Aussage, da in einigen Stellungen ungleichfarbige Läufer der einzige Vorteil der stärkeren Seite sind.

Wenn Ihr Euch die folgende Stellung ohne die beiden Läufer vorstellt, ist es schwierig zu sagen, wer besser steht. Es sind also genau die ungleichfarbigen Läufer, die es Schwarz ermöglichen, den klassischen Nimzowitsch-Plan auszuführen: Schiebe Deine Bauern am Königsflügel nach vorne, während die weißen Bauern am Damenflügel festsitzen.

Genießt einfach die legendäre Technik von Anatoly Karpov!

Ich hoffe, die Hauptidee dieses Artikels liegt auf der Hand: So wie Ihr ein Buch nicht nach seinem Einband beurteilen solltet, solltet Ihr ein Endspiel nicht als "totremis" bezeichnen, nur weil ungleichfarbige Läufer auf dem Brett stehen.

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