Aronian gewinnt das Schnellschach; Kasparov durchlebt einen dramatischen Tag

Aronian gewinnt das Schnellschach; Kasparov durchlebt einen dramatischen Tag

An einem dramatischen Tag des Saint Louis Schnellschach Turniers verlor Garry Kasparov eine gewonnene Partie gegen David Navara, dann wurde ihm von Le Quang Liem ein ganzer Turm geschenkt und schließlich wurde er von Fabiano Caruana in einem komplizierten Endspiel besiegt. Levon Aronian gewann das Schnaellschachturnier, und geht jetzt als Führender in das Blitzturnier.

Kasparov, Sekunden bevor er seine Partie gegen Navara aufgab. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Es hat nicht sollen sein. Kasparov, der zum ersten Mal mit langen Ärmeln antrat, startete stark in den dritten Turniertag und stand in der ersten Partie gegen Navara kurz vor einem Sieg. Dann aber stolperte er kurz vor der Ziellinie und konnte sich auch in den nächsten beiden Partien nie wirklich von dieser Niederlage erholen. Ironischerweie gewann er aber eine dieser beiden Partien in der er zu keinem Zeitpunkt besser stand, und verlor dann nur die letzte Partie sowohl gegen einen extrem präzise spielenden Caruana, als auch gegen die unerbittlich tickende Uhr.

An den ersten beiden Tagen ist er den Medien aus dem Weg gegangen, wann immer es ihm möglich war (was gegen seinen Vertrag verstößt) und hat seine Interviews auf die LiveÜbertragung beschränkt, aber heute verlies er den Turniersaal sogar direkt nach seiner letzten Partie und verweigerte auch das Live Interview mit Maurice Ashley. Das war schwer zu verdauen.

Sogar wenn man es schon live gesehen hat, bricht es einem das Herz wenn man sich Garry Kasparov's Partie gegen David Navara nocheinmal ansieht. Natürlich gebührt Navara aller Respekt der Welt für seine hartnäckige Verteidigung, seinen Kampfgeist und für die schwierige Berechnung der gewinnbringenden Kombination. In dieser Phase der Partie spielte er einfach großartig. Für alle "nicht-tschechischen" Schachfans war es aber ein Schock mitanzusehen zu müssen, wie Kasparov eine Partie verlor, die er leicht und locker gewinnen hätte können.

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Navara fühlte sich sichtlich geehrt, seinem herausragenden Gegner persönlich zu treffen. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Nachdem er zum ersten mal in diesem Turnier mit 1.e4 eröffnet hatte, wählte Kasparov die 4.Sc3 und 5.g3 Variante gegen das Caro-Kann des Tschechen — eine scharfe Fortsetzung, die in Mode war, als "der Boss" noch aktiv war. Er spielte diese Variante unter anderem gegen Anatoly Karpov 2001 in Linares.

Der andere "K" wurde in dieser Partie dann auch noch öfters erwähnt, dann an einem Punkt entschied sich Kasparov für einen stillen Bauernzug der ihm ein positionell vielversprechendes Endspiel versprach, anstatt in seiner durchaus guten Stellung im Mittelspiel weiter Druck aufzubauen. "Kasparov spielt mehr und mehr wie Karpov mit diesen prophylaktischen Zügen... Er hat so viel aus diesen Partien gelernt," sagte Ashley, und Yasser Seirawan stimmte ihm zu: "Ich habe so viele Echos von Anatoly Karpov in Kasparovs Partie gesehen. Ich bin wirklich erstaunt."

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Kasparov zieht das "karpovische" 23.c4. Wer hätte gedacht, dass er diese Partie noch verlieren würde? | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Im Endspiel bestand der weiße Vorteil aus einem wunderschönen Springer auf f4, der den kompletten schwarzen Königsflügel blockierte gegen einen nutzlosen schwarzen Läufer, der hinter seinen eigenen Bauern, die von eben diesem Springer blockiert wurden, begraben war. Es war nur noch eine Frage der Zeit bis der c-Bauer die Partie entscheiden würde, aber dann spielte eben auch die Zeit eine Rolle - und das, obwohl Kasparov zum ersten Mal in diesem Turnier mehr Bedenkzeit als sein Gegner übrig hatte.

Kasparov's Traumstellung.

Navara schaffte es, seinen Turm zu aktivieren, aber auch das hätte nicht reichen sollen. Kasparov fing aber an Geister zu sehen, verpasste 2 klare Gewinnzüge und erlaubte dann sogar noch Navara, seinen Läufer zu aktivieren.

Was noch vor wenigen Zügen ein traumhaftes Endspiel war, hatte sich jetzt in einen Albtraum verwandelt und dann übersah Kasparov noch einen teuflischen Trick von Navara. Er dachte, er hätte den Gewinnzug gefunden, aber genau dieser Zug war der Verlustzug. Als es Kasparov gemerkt hatte, lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und blickte einige Sekunden an die Decke, bevor er seinem Gegner zum Sieg gratulierte.

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Die mit Abstand emotionalste Partie des Schnellschachturniers. | Fotos: Chess.com/Maria Emelianova.

"Er muss eine Art Blackout gehabt haben," sagte Caruana zu Chess.com. "Seine Stellung war ganz klar gewonnen und er hatte auch genügend Zeit um die Stellung zu gewinnen."

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Kasparov gibt eine Partie auf, der er gewinnen hätte müssen. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Die Schachfans waren geschockt, einigen Teilnehmern tat die Schachlegende sogar leid und die Journalisten und Kommentatoren hatte Probleme weiterhin neutral zu bleiben.

"Ich fühle mich wie nach einem Magenschwinger, und dabei habe ich nicht mal selbst gespielt," sagte Ashley.

"Ich wollte einfach nur weiterkämpfen. Seit ich ein Kind war, war ich in Eröffnungen schlecht, also bin ich es gewohnt mit schlechten Stellungen zu spielen. Auf diesem Level funktioniert das halt normalerweise nicht," sagte Navara.

"Im Schnellschach machen sogar die besten Spieler Fehler," war die meistgenannte Reaktion auf das dramatische Ende dieser Partie. Er hatte die Kombination schon im Auge, nachdem 42...Td2+ gespielt wurde, was seine Taktik umso beeindruckender macht.

Der Weg zurück in den Turniersaal fiel Kasparov sicher nicht leicht, aber zum beginn der achten Runde saß er wieder am Tisch und sein Gegenüber war Le Quang Liem. In dieser Partie kam Kasparov wieder, wie schon bei allen Partien der letzten beiden Tage, in schreckliche Zeitnot.

Nach 14 Zügen hatte Le noch 24 Minuten auf seiner Uhr, und Kasparov nur noch 10. Einige Züge später stand es dann 22:3. "Ich habe in keiner anderen Partie so einen Zeitunterschied gesehen," sagte Ashley. Dann wurde es noch schlechter für Kasparov aber zumindest hatte er die Stellung auf dem Brett im Griff.

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Kasparov kämpft einen harten Kampf gegen Le und die Zeit. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

In einer ausgeglichenen Stellung vermied Le einige Male eine Zugwiederholung, was mehr der geringen Bedenkzeit seines Gegners, als der Stellung geschuldet war. Und dann zog er aus heiterem Himmel, mit über 6 Minuten auf der Uhr,  seinen Turm auf ein Feld, auf welchem Kasparov diesen Turm mit seinem Läufer einfach schlagen konnte. Ein wirklich bemerkenswerter Fehler.

"Ich wollte einfach weiterspielen," sagte Le zu Chess.com. "Ich habe einfach vergessen dass das e8 Feld gedeckt war."

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Kasparov schlägt den ungedeckten Turm auf e8. | Photo: Chess.com/Maria Emelianova.

Kasparov schlug den Turm aber nicht einfach. Er zeigte zuerst mit seinen Fingern auf die freie Diagonale seines Läufers, dann schlug er den Turm, und hatte diesen immernoch in der Hand, als er anfing, sich mit Le zu unterhalten.

Der vietnamesische Großmeister verlies daraufhin den Turniersaal, setzte sich auf einen der Stühle im Schachclub nebenan, und war 15 Minuten immernoch auf diesem Stuhl von dem aus er ein Loch in die Wand starrte. Er sagte dann später zu Chess.com, dass Kasparov "sorry" gesagt hatte, während er den Turm in der Hand hielt, und dass er ihm eine ganze Partie "geschenkt" hatte.

Kasparov konnte sich aber auch nicht freuen. Sein Gesichtsausdruck sagte irgendwie: "Muss ich wirklich meine erste Partie auf solch eine Weise gewinnen?"

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Kasparov entschuldigt sich bei Le für die Annahme des Geschenks. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Und als ob das noch nicht genug Drama gewesen wäre, mischte sich jetzt auch noch Petrus mit ein, und lies ein schweres Sommergewitter über St. Louis heruntergehen.

Wohl nicht wegen des Wetters, sondern aufgrund der Geschehnisse der ersten beiden Runden fand Kasparov in der Partie gegen Fabiano Caruana nie zu seiner Form. Nachdem die Eröffnung noch ordentlich war, benötigte er erneut eine Menge Bedenkzeit um eine Fortsetzung zu finden.

"Irgendwie hat er nicht gerade vor Selbstvertrauen gestrotzt," sagte Caruana zu Chess.com. "Obwohl die Stellung ausgeglichen war, hatte ich das Gefühl, dass sie ihm nicht gefiel."

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Der Handschlag vor der Partie Caruana-Kasparov. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

In dieser Partie wurde Kasparov nicht nur für sein schlechtes Zeitmanagement, sondern auch für sein mangelndes Gespür für Gefahr bestraft. In das Endspiel überzugehen war gewagt (Caruana wertete das Endspiel als sehr gefährlich für Schwarz), obwohl er es Remis halten hätte können wenn er mehr Bedenkzeit übrig gehabt hätte. In dieser Partie spielte er aber einfach zu ungenau und wurde am Ende überspielt.

Nachdem er weniger erreicht hatte, als er erwartet und auch weniger als er verdient hatte, verlies Kasparov den Turniersaal durch einen Notausgang und wurde danach nicht mehr gesehen.

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Nachdem er gegen Nakamura, Aronian und Anand Remis gespielt hatte, konnte Kasparov gegen seinen vierten Gegner der Top10 nicht punkten. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Nach dem ersten Tag hatte er 50% erreicht, nach dem zweiten lag er bei Minus 1 und nach dem dritten bei Minus 2. Damit teilt sich Kasparov mit einem Spieler seiner Generation (Anand) und einem Spieler der ihn besiegt hat (Navara) den letzten Platz.

Der stolze "Herbstmeister" von St. Louis ist Levon Aronian. Dank der doppelten Punkte für jede Schnellschach Partie geht der armenische Großmeister mit einem Punkt Vorsprung auf Nakamura und Caruana in das Blitzturnier, bei dem es wieder, wie gewohnt, nur einen Punkt für jeden Sieg gibt.

Aronian's dritter Tag war auch sein bester. Gegen Karjakin, Nakamura und Dominguez erzielte er 2 Siege und 1 Remis. Besonders sein Sieg über Karjakin mit den schwarzen Figuren war sehenswert.

"Ich versuche in jeder Partie die Stellung zu verkomplizieren, denn dann bekomme ich Chancen. Manchmal schieße ich dabei auch Eigentore, aber heute hat es wunderbar geklappt," sagte Aronian.

Ian Nepomniachtchi liegt Caruana und Nakamura auf den Fersen und kommt definitiv auch noch für einen Turniersieg in Frage. Gegen beide amerikanischen Großmeister spielte er wilde Partien.

Seine Partie gegen Caruana führte zu einem interessanten Remis mit einem schönen Turmopfer, das aber ganz klar nicht angenommen werden konnte. Caruana fand die richtige Verteidigung und spielte geduldig weiter, nur um im 23. Zug den nächsten Einschlag verkraften zu müssen.

"Ich weiß nicht, was er seit dem letzten Turnier gemacht hat, aber er beeindruckt uns alle mit seiner Spielweise," sagte Seirawan über Nepomniachtchi.

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Nepomniachtchi's ideenreiche Spielweise brachte ihm weniger Erfolg als erhofft. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Vor der letzten Runde teilten sich noch Nepomniachtchi und Aronian die Führung, und Nakamura lag einen Punkt hinter den beiden. Letzterer konnte sich also gegen Nepomniachtchi keine Niederlage leisten.

In einer langen Partie mit vielen Hochs und Tiefs erzielte Nakamura dann den erhofften Sieg. "Ich hat ja alle Züge geblitzt und deshalb weiß ich nicht, ob er 34.Sd6 nicht gesehen hat oder dachte, er würde alle Bauern bekommen."

Nakamura zeigte dann noch viele interessante Varianten auf, die wie in die Analyse mit aufgenommen haben:

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Das war alles, was nach der Schlacht zwischen den beiden "N's" übrig geblieben war. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

Nakamura sagte, dass 3 Schnellschachpartien an einem Tag eindeutig anstrengender sein, als 9 Blitzpartien, denn eine Niederlage im Schnellschach trägt man länger mit sich herum. Und auch wenn er sich ein geringfügig besseres Ergebnis für sich erhofft hatte, macht er sich keine Sorgen: "Wenn ich irgendetwas in Paria (bei der Grand Chess Tour) gelernt habe, dann, dass man gute Chancen auf den Turniersieg hat, wenn man nach dem Schnellschach nicht mehr als 2 Punkte oder so zurückliegt."

Das letzte Zitat in diesem Bericht gebührt dem Sieger des Schnellschachturniers, Levon Aronian, denn er zeigt sich bezüglich der nächsten Partien von Kasparov optimistisch: "Er war noch etwas schüchter. Also am Schachbrett. Er hat nicht immer die offensichtlichen Züge gespielt. Er versuchte zu viel zu kontrollieren. Wenn man sich zu viele Sorgen über das Ergebnis macht, führt das normalerweise nicht zum besten Resultat. Ich glaube im Blitzschach ist er entspannter und er wird einige Partien gewinnen."

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Der Führende nach dem Schnellschachturnier sieht Kasparovs Chancen immer noch optimistisch. | Foto: Chess.com/Maria Emelianova.

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Saint Louis Schnellschach | Abschlußtabelle

# Land Name ELO Lstg. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 0 Punkte SB
1 Aronian,Levon 2799 2890 1 2 0 2 0 2 1 2 2 12
2 Nakamura,Hikaru 2792 2849 1 1 2 1 0 1 1 2 2 11 23.75
3 Caruana,Fabiano 2807 2847 0 1 1 2 0 2 2 1 2 11 22.50
4 Nepomniachtchi,Ian 2751 2814 2 0 1 1 1 1 2 1 1 10
5 Dominguez,Leinier 2739 2777 0 1 0 1 2 1 1 1 2 9
6 Le,Quang Liem 2739 2739 2 2 2 1 0 0 0 1 0 8 21.25
7 Karjakin,Sergey 2773 2735 0 1 0 1 1 2 1 2 0 8 16.75
8 Kasparov,Garry 2812 2691 1 1 0 0 1 2 1 1 0 7 15.75
9 Anand,Viswanathan 2783 2694 0 0 1 1 1 1 0 1 2 7 14.75
10 Navara,David 2737 2699 0 0 0 1 0 2 2 2 0 7 14.00

Ihr könnt alle Partien auf Chess.com/Live verfolgen und das Turnier live, auf Chess.com/TV, mit Kommentaren von GM Yasser Seirawan, GM Maurice Ashley und WGM Jennifer Shahade, ansehen. Das Turnier startet jeden Tag um 20.00 Uhr.

FM Mike Klein wirkte an diesem Artikel mit.


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