FIDE Präsident Ilyumzhinov verliert noch mehr Macht

FIDE Präsident Ilyumzhinov verliert noch mehr Macht

PeterDoggers
PeterDoggers
11.04.2017, 03:00 |
0 | Schachpolitik

Kirsan Ilyumzhinov ist weiterhin FIDE Präsident, aber alle rechtlichen Befugnisse liegen jetzt bei Vizepräsident Georgios Makropoulos. Bei der gestrigen, außerordentlichen Präsidialversammlung, die laut den Anwesenden in einer friedlichen Atmosphäre stattfand, wurde Ilyumzhinov's Position deutlich geschwächt.

Chess.com führte Interviews mit den Hauptakteuren der Athener Versammlungi.

Kirsan Ilyumzhinov gestern in Athen. | Foto Maria Emelianova.

In der siebten Etage des Fünf-Sterne Restaurants Royal Olympic in Athen, mit einem herrlichen Blick auf den Tempel des Zeus und die Akropolis, nahmen die FIDE Präsidiumsmitglieder am Montag morgen ihr Frühstück ein. Die freundliche Atmosphäre sollte den ganzen Vormittag über anhalten.

Kirsan Ilyumzhinov traf um 9 Uhr 15, begleitet von seinem Assistenten Berik Balgabaev, als letzter der Teilnehmer im Konferenzraum im vieten Stock ein. Der Präsident begrüßte jeden der Anwesenden freundlich, sah aber übermüdet aus. Er war erst 2 Stunden vor dem Treffen in der griechischen Hauptstadt gelandet, nachdem er mitten in der Nacht von Turkmenistan nach Athen geflogen war.

Der Präsidentschaftsausschuss war fast vollzählig zu dieser außerordentlichen Sitzung, das nur 2 Wochen nach der regulären Sitzung, die ebenfalls in Athen stattfand, eingetroffen. Ilyumzhinov's größter Fürsprecher, der Präsident des russischen Schachverbandes, Andrey Filatov, erschien allerdings nicht.

Das einzige Thema auf der Tagesordnung (auch wenn es in mehrere Unterthemen aufgeteilt war): Die Position von Ilyumzhinov. Trat er nun von seinem Präsidentenamt zurück, wie es mehrere FIDE-Funktionäre behaupteten, oder nicht?

Anfrage nach einem schriftlichen Rücktrittsgesuch

Ilyumzhinovs Absicht vom Amt des FIDE-Präsidenten zurückzutreten, war laut dem FIDE Vizepräsidenten Makropoulos ernster als es zuerst den Anschein hatte. Er sagte zu Chess.com, dass der Präsident nicht nur mündlich gesagt habe, dass er zurücktreten würde, sondern dass er auch einen Rücktrittsgesuch vom FIDE-Sekretariat angefordert hatte, um dies zu unterschreiben. "Aber dann änderte er seine Meinung", sagte Makropoulos.

"Das stimmt so einfach nicht" sagte Ilyumzhinov zu Chess.com. "Erstens war das eine private Unterhaltung, bei der Makropoulos gar nicht dabei war, und jetzt nur erzählt, was andere ihm erzählt haben, und zweiten stand ich in diesem Moment unter einem großen emotionalen Stress."

"Ich sagte: 'Wenn ich der FIDE schade, dann trete ich zurück.' Nach dem Rücktrittsgesuch hatte ich gefragt, damit ich darüber nachdenken konnte. Die ganze Situation war sehr emotional. Einige Präsidiumsmitglieder sagten noch zu mir, dass ich so eine Entscheidung nicht spontan treffen sollte. Andere waren froh mich loszuwerden und fingen sofort eine Diskussion über meinen Rücktritt an"

Auf jeden Fall hat der exzentrische Kalmüke den Satz "ich trete zurück" letzten Monat 3 mal ausgesprochen. Er fiel nach einer Diskussion um Agon, der Firma, die die Schach Weltmeisterschaften organisiert. Wie bekannt wurde, sind die Zahlungsrückstände dieser Firma, größer als bisher angenommen.

Agon in Zahlungsschwierigkeiten

Agon schuldet der FIDE nicht nur das Preisgeld für die Schnell- und Blitzschachweltmeisterschaft 2015, die in Berlin stattfand (U.S. $80,000), sondern auch noch einen Betrag von €500,000 für die Abtretung der Rechte, wie es in einem Vertrag  zwischen der FIDE und Agon bereits 2012 vereinbart wurde. All diese Zahlungen hätten spätestens 2016 erfolgen sollen.

Der Fall Agon löste einen heftigen Streit zwischen den Präsidiumsmitgliedern aus, der schließlich in dem Tumult vor zwei Wochen endete. Ob es nun eine Verschwörung mehrere Präsidumsmitglieder war oder nicht -  Ilyumzhinov's Position als FIDE Präsident ist auf jeden Fall geschwächt.

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Ilyumzhinov mit seinem Assistenten Berik Balgabaev. | Foto Maria Emelianova.

Die gestrige Sitzung fand unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Balgabaev und sogar Polina Tsedenova, die vertrauenswürdige Verwaltungsdirektorin der FIDE, mussten draußen warten. Nach wenigen Minuten öffnete sich jedoch die Tür des Sitzungssaals und Tsedenova wurde gebeten, an der Sitzung teilzunehmen. Ilyumzhinov hatte gebeten, dass sie als seine Dolmetscherin fungieren solle - was er noch nie vorher getan hatte, denn eigentlich spricht er fließend Englisch.

Vielleicht war es nur eine Taktik um Zeit zu gewinnen - vielleicht hatte Ilyumzhinov aber wirklich Angst mißverstanden zu werden. Schließlich hatten er und einige Präsidiumsmitglieder ja sehr verschiedene Auffassungen davon, was vor 2 Wochen gesagt wurde, und Ilyumzhinov führte unter anderem auch Übersetzungsfehler für die Konfusion um seinen vermeindlichen Rücktritt an.

Das Treffen war nach etwas weniger als 3 Stunden, pünkltich zum Mittagsessen, beendet, und das Ergebnis war nicht die Sensation die einige Insider erwartet hatten.

Der Ausdruck "status quo" wirde des öfteren benutzt und die Sitzung wurde als "ergiebig" und "friedlich" beschrieben, aber weitere Kommentare lies sich kein Präsidiumsmitglied entlocken. "Sie können alle Fragen nach der Pressemitteilung stellen," vertröstete der geschäftsführende Direktor der FIDE, Nigel Freeman, die wartenden Journalisten, bevor er mit den anderen Präsidiumsmitgliedern das Mittagessen einnahm.

Dieses fand in einem Restaurant mit dem passenden Namen "Smile" statt, welches in der Nähe des Hotels, indem die Präsidumsmitglieder untergebrach waren, liegt. Es ist das Stammlokal des Vizepräsidenten Georgios Makropoulos und wird von Insidern auch "Das wahre Büro der FIDE" genannt.

Um 16:15 Uhr wurde eine Pressemitteilung veröffentlicht.

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Pressemitteilung

Diese beginnt mit der Feststellung, dass "der Vorstand einstimmig die Rechtmäßigkeit der außerordentlichen Sitzung bestätigt hat." Dies war aufgrund der Tatsache, dass es nach den FIDE-Statuten der FIDE-Präsident ist, der eine außerordentliche Präsidentschaftsratssitzung einleitet, und Ilyumzhinov in einem seiner offenen Briefe gegen die Sitzung protestiert hatte, notwendig.

Der zweite Punkt erwähnt, dass der Vorstand, wieder einstimmig, Ilyumzhinovs Entscheidung vom Dezember 2015 bekräftigt hat, "von allen rechtlichen, finanziellen und geschäftlichen Operationen der FIDE zurückzutreten, um es ihm zu ermöglichen, die Anschuldigungen des U.S. Finanzministerium gegen ihn zu widerlegen."

Seit diese Entscheidung erstmals getroffen wurde war unklar, welche Befugnisse Ilyumzhinov noch hat, und welche er nicht mehr hat. Gestern beschloß der Vorstand nun, dass alle Befugnisse die in Kapitel 9 der FIDE Statuten aufgeführt sind, an den Vizepräsidenten der FIDE übertragen wurden.

Kurz gesagt kann Makropoulos nun die FIDE offiziell repräsentieren, er hat die alleinige Zeichnungsvollmacht (auch wenn Verträge immer noch der vorherigen Zustimmung der Präsidiumsmitglieder bedürfen), und er führt den Vorsitz aller Versammlungen, einschließlich der Generalversammlung, der Präsidiumssitzung und des Exekutivkomitees.

"Ich habe das ja alles schon einige Zeit gemacht, aber jetzt ist es geklärt, dass dies wirklich meine Aufgaben sind" sagte Makropoulos zu Chess.com.

In seinem letzten offenen Brief vom 6 April, widerrief Ilyumzhinov seine Entscheidung vom 6. Dezember 2015 aber gestern gab er diese Kampf auf. Faktisch hat er nun nur noch wenige Aufgaben in der FIDE. Makropoulos: "Laut den Statuten, hat er eigentlich garkeine Aufgaben mehr."

Und als ob dies noch nicht genug gewesen wäre, musste Ilyumzhinov anschließend seine emotionalen Äusserungen, die er nach der letzten Sitzung getroffen hatte, erklären. Er entschuldigte sich dafür genauso wie für einige Aussagen die er seit dem letzten Treffen gemacht hatte. "Er flog zurück nach Russland, und hat einige Sachen behauptet, die einfach nicht stimmen" sagte Makropoulos.

Auch deshalb wurde einstimmig vereinbart, "dass künftig keine Aussagen im Namen der FIDE gemacht werden, es sei denn, diese Aussagen werden vorher vom FIDE-Sekretariat genehmigt."

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Ilyumzhinov wirft nach dem Treffen einen Blick auf sein Smartphone. | Foto Maria Emelianova.

Nachdem er als letzter gekommen und dann klein beigegeben hatte, war Ilyumzhinov dann auch der erste, der Athen wieder verlies. Zu dem Zeitpunkt, als die Pressemitteilung veröffentlicht wurde, war er bereits wieder in der Luft, unterwegs nach Moskau (mit einem Zwischenstop in Larnaca auf Zypern).

Nach der Landung in Moskau sprach Ilyumzhinov aber noch mit Chess.com und sagte, dass er die Pressemitteilung nicht zu gesicht bekommen habe, bevor diese Veröffentlicht wurde. Aber auch wenn er nicht mit allen Inhalten dieser Erklärung einverstanden ist, wollte er keinen Kommentar dazu abgeben. .

"Ich war zwar im Recht, habe mich aber für den Schachsport geopfert, und will nicht mehr dazu sagen. Ich will keine weiteren Probleme verursachen und die FIDE nicht noch weiter spalten. Ich sagte den Präsidiumsmitgliedern: "Macht was Ihr wollt und veröffentlicht was Ihr wollt. Ich werde alles akzeptieren denn ich habe vollstes Vertrauen in Euch".

Ilyumzhinov hob noch einmal hervor, dass es ihm um das Wohl des Schachsports geht. "Am Ende der Pressemitteilung steht, dass alle Entscheidungen zur Einigkeit im Schach beitragen. Das hätte ganz am Anfang stehen sollen!"

Nach 2018 kein Präsident mehr?

Bis zu den nächsten Wahlen 2018 ist Ilyumzhinov also ein FIDE Präsident mit so gut wie keiner Machtbefugnis. Sollten die Anschuldigungen des U.S. Finanzministeriums gegen ihn bestehen bleiben, wird er ferner nicht für eine weitere Amtszeit kandidieren können. Diese Entscheidung, die ursprünglich im September 2016 in Baku getroffen wurde, wurde gestern von den Präsidiumsmitgliedern bestätigt.

"Wir haben ernsthafte Probleme wegen dieser Sanktionen. Viele Sponsoren aus dem Westen wollen keine Verträge mit der FIDE abschließen." sagte Makropoulos. "Und ich glaube nicht, dass die Sanktionen aufgehoben werden."

Ilyumzhinov schien von seinem Machtverlust nicht besonders betroffen zu sein: "Ich habe so viel Zeit und Geld in das Schach investiert, und dabei niemals Entscheidungen alleine getroffen oder mich in irgendwelche Kommissionen eingemischt. Markropoulos hatte schon das Sagen. Das hat mich noch nie interessiert. Ich war eigentlich schon immer der Mäzen der FIDE, und nicht ihr Präsident."

Während Ilyumzhinov nach Russland flog, hatte Makropoulos ein traditionelles Abendessen mit den Präsidumsmitgliedern in einem Restaurant, in der Nähe des Hotels. Hier gab er zu, dass der Machtkampf innerhalb der FIDE auch ein Machtkampf mit Russland sei.

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Georgios Makropoulos bei der Sitzung vor 2 Wochen in Athen. | Photo FIDE.

"Ich rate den anderen russischen Präsidiumsmitgliedern, dass sie aufhören sollen, diese Spielchen zu spielen. Ich weiß, dass die FIDE sehr wichtig für Russland ist, aber sie sollten verstehen, dass niemand aus unserer Gruppe die FIDE für gute Beziehungen zu Russland opfern wird. Sie sollten akzeptieren, dass sich die Zeiten geändert haben."


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