Anatoly Karpov's preisgekrönte Partien

Anatoly Karpov's preisgekrönte Partien

Meine letzten beiden Artikel waren über die preisgekrönten Partien von Mikhail Tal (der die meisten Auszeichnungen für wahre Meisterpartien, nämlich 15, erhielt) und Rashid Nezhmetdinov, der sich mit 10 Auszeichnungen den dritten Platz in dieser Kategorie mit Anatoly Karpov teilt (Garry Kasparov liegt mit 12 Auszeichnungen auf Platz 2).

Tal und Nezhmetdinov waren reine Angriffsspieler und beide versuchten ihre Gegner mit unwahrscheindlicher Kreativität, taktischen Geniestreichen und unendlichem Mut (beide hatten niemals Angst zu verlieren) totzuprügeln. Natürlich war nicht jeder Angriff dieser Spieler absolut korrekt, aber die Positionen die sie kreierten waren so komplex, dass deren Gegner einfach in dem Strudel der nie endenden Aggression ertranken.

Während es jetzt keine große Überraschung ist, dass die großartigen Angriffsspieler Tal, Kasparov und Nezhmetdinov unter den meistgekrönten Preisträgern sind, war ich doch etwas überrascht auch Anatoly Karpov (einen meiner Lieblingsspieler) in dieser illustren Runden zu finden, und mein erster Gedanke war, dass Karpov die Auszeichnungen wohl für einige seiner positionellen Meisterwerke bekam. Wenn man sich die ausgezeichneten Partien aber ansieht, merkt man schnell, dass auch Karpov viele seiner Gegner mit großartigen taktischen Kombinationen bezwang.

Anatoly Karpov.

Es ist einfach ein Fakt, dass die Top-Spieler in jedem Aspekt des Schachspiels außerordentliche Fähigkeiten haben. Natürlich haben sie Vorlieben. Entweder für positionelles, kontrolliertes Schach oder für den Kampf mit offenen Visieren, aber die wahren Meister beherrschen alles und wissen was wann zu tun ist.

PARTIE EINS:

Dieses Spiel zeigt uns, dass Karpovs Angriffe normalerweise aus positionell überlegenen Stellungen erfolgen. Er versucht zuerst die bessere Stellung zu erhalten und oft brechen seine Gegner unter diesem Druck schon zusammen. Manchmal nutzt er diese positionelle Überlegenheit aber auch für taktische Feuerwerke.

PARTIE ZWEI:

Eine sehr bekannte Partie. Man kann schon ehrfürchtig werden, wenn man sieht, wie Karpov Korchnois Stellung in ein Loch der Verzweiflung verwandelt. Es ist aber die reine Wahrheit, dass jeder Zug von Karpov und seinem Team schon vor der Partie sorgfältig geplant und analysiert war. Für Korchnoi war es hingegen ein großes Unglück, dass er genau in Karpovs Vorbereitung hineinlief.

Foto: Wikimedia Commons

PARTIE DREI:

Karpov nutzte seine unglaublichen positionellen Fähigkeiten und überspielte Spassky bereits in der Eröffnung. Nachdem Karpov 19.Da4 gespielt hatte, wäre Spassky vom Regen in die Traufe gekommen, HÄTTE er nicht ein bestimmtes Opfer gesehen, das die Partie fast auf den Kopf gestellt hätte. Karpov war Spassky aber auch taktisch überlegen und gewann diese sensationelle Partie.

PARTIE VIER:

Anders als Tal oder Nezhmetdinov, die auch öfters "unseriöse" Angriffe starteten, opferte Karpov nur, wenn er ganz klare Vorteile aus dem Opfer zog. Deswegen war es ziemlich mutig von Tatai das Angebot eines Bauernopfers anzunehmen. Tatais Mut wurde jedoch nicht belohnt und Karpov erteilte ihm eine wahre Lektion.

PARTIE FÜNF:

Das gute, alte: "Nimm den Königsflügel auseinander und lass den König um sein Leben laufen!"

Foto: Wikimedia Commons

PARTIE SECHS:

Ein seltenes Spektakel! Karpov entschied sich etwas Spass zu haben und riskierte ein zweifelhaftes Läuferopfer. Die Schachfans waren aber froh darüber. Konnten sie doch einmal mehr die fantastische Kreativität Karpovs bewundern.

PARTIE SIEBEN:

Dieses Spiel hat ganz sicher einen Preis verdient! Im 18. Zug (18.Td5!!) opferte Karpov eine Qualität damit sein Läufer die Alleinherrschaft über alle weißen Felder bekommt und der gegnerische König nicht mehr aus dem Panik-Modus kommt. Eine wirklich schöne Partie.

PARTIE ACHT:

Nach all diesen taktischen Siegen sehen wir nun ein langsames, positionelles Meisterwerk.

Foto: Wikimedia Commons

PARTIE NEUN:

In dieser Partie war einfach alles: Innovative Eröffnungsideen, super scharfes Spiel, ein Fehler vom schwarz im 22 Zug und ein Fehler von weiß im 24.! Karpow macht den Gandalf und sagte zu Kasparov (den Balrog): "Du sollst nicht vorübergehen!" Und Karpow hält den halben Punkt fest. Für diese großartige Schlacht wurden beide Spieler mit einem gemeinsamen Preis ausgezeichnet.

PARTIE ZEHN:

Eine weitere theoretische Eröffnung in der weiß dank einer Neuerung im 17. Zug (17.c5) besser steht. Danach machte Karpov was Karpov eben so macht: Er drängt seinen Gegner langsam aber sicher zurück, kontrolliert immer mehr Felder, erobert noch mehr Raum, findet immer wieder die besten Felder für seine Figuren und nach einer kleinen Taktik ist sein Gegner geschlagen.

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