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Betrachte immer das große Ganze!

Betrachte immer das große Ganze!

Gserper
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Großmeister David Bronstein sagte einmal: "Die objektive Einschätzung über eine Stellung zu verlieren, bedeutet fast immer, seine Partie zu ruinieren." Ich bezweifle, dass irgendjemand dieser einfachen, aber sehr ausdrucksstarken Aussage widersprechen wird. Darüber hinaus kann diese Weisheit auf fast jede menschliche Aktivität übertragen werden.

Hier ist zum Beispiel eine Aussage des amerikanischen Filmregisseurs Sydney Pollack: "Irgendwann während des Drehens verliert man die Objektivität, und man braucht den Blick von einem Außenstehenden, der den Prozess versteht und in der gleichen Situation war." Leider verlieren Menschen im wirklichen Leben häufig ihre Objektivität und kommen dadurch zu falschen Schlussfolgerungen. Hier ist ein urkomisches Beispiel dafür:

Leider konnten wir diesen Clip nicht auf Deutsch finden. Es geht darum, dass Costanza dachte, er hätte die Dame seiner Gegnerin gefangen und ihr erklärt, dass sich die Dame doch wie im wahren Leben verhalten sollte - also zu Hause zu bleiben, zu kochen und dafür zu sorgen, dass sich ihr Ehemann gut fühlt... was dann passiert, könnt Ihr sicher auch ohne großartige Englisch-Kenntnisse verstehen

Ich habe mir den Clip schon viele Male angesehen und mein Lieblingsmoment ist die Pause, nachdem die junge Frau "Checkmate" gesagt hat. Man kann richtig sehen, wie George zu verstehen versucht, was gerade passiert ist, denn schließlich stellt die harte Realität (Schachmatt!) genau das Gegenteil der Meinung dar, die er gerade geäußert hat. Er findet aber auch schnell die Lösung für diesen Widerspruch: Das Problem muss natürlich bei seiner Bekannten liegen und nicht an seinen frauenfeindlichen Ansichten. 

Übrigens zeigt dieser Clip auch die von Emanuel Lasker beschriebene Schönheit des Schachs: "Auf dem Schachbrett überleben Lügen und Heuchelei nicht lange. Eine kreative Kombination entlarvt alle Lügen und die gnadenlose Tatsache eines Schachmatts widerspricht dem Heuchler."

Die große Frage ist natürlich, wie man objektiv bleibt. Wir alle haben unsere Vorurteile und manchmal trüben sie unser Urteilsvermögen vollständig. Meiner Meinung nach bleibt man am besten objektiv, wenn man auf das große Ganze blickt. Diese Partie ist ein sehr gutes Beispiel dafür:

Wenn Ihr hier mit Schwarz gespielt hätte und so matt gesetzt worden wäret, könnte Ihr argumentieren, dass es nicht Euer Tag war, Ihr abgelenkt wart und Ihr Euch nicht sehr gut verteidigt habt. Dass Ihr einen großen materiellen Vorteil hattet und auf dem Weg zum Sieg wart, wenn es nicht diese zufällige Kombination gegeben hätte... Oder Ihr könnten zugeben, dass das Endergebnis Euren Ansichten widerspricht und vielleicht irgendetwas mit Euren Ansichten nicht stimmt. Ihr könntet um die Hilfe eines Freundes oder Trainers bitten und die Partie mit einer Engine überprüfen und dann hoffentlich herausfinden, dass die Niederlage kein ärgerlicher Zufall, sondern das Ergebnis einer falschen Eröffnungsstrategie war. Eine solche Analyse würde auch auf jeden Fall zu einem besseren Spieler machen.

Die Beispiele, die ich Euch bisher gezeigt habe, könnten Euch jetzt den falschen Eindruck vermitteln, dass die Suche nach dem großen Ganzen nur eine Möglichkeit ist, Eure Schwächen zu finden und zu beheben. Das ist jedoch nicht der Fall. Manchmal kann eine solche Analyse auch beweisen, dass Ihr wirklich auf dem richtigen Weg wart und dass ihr wirklich nur in eine unglückliche Kombination gelaufen seit. Hier ist ein Beispiel aus einer Partie, die von einem meiner Schüler gespielt wurde. Mein Schüler spielte mit Weiß:

Das war eine Turnierpartie und kein Blitz und im Moment des Patts hatte Weiß über 10 Minuten auf der Uhr. Könnt Ihr die Elo von Spieler A erraten? Ihr denkt wahrscheinlich, dass es ein Anfänger ist und da Ihr keine weiteren Informationen über diesen Spieler habt, ist diese Annahme auch durchaus nachzuvollziehen. Ich habe jedoch mehr Informationen. Hier ist eine Partie, die er gegen Großmeister Sergey Volkov, der im Jahr 2000 mit einer Elo von 2659 russischer Meister wurde, gespielt hat:

Auch dies war eine Turnierpartie und kein Gelegenheits-Blitz. Und sie wurde ein paar Monate vor der "Patt-Partie" gespielt. Wie Ihr sehen könnt, hatte der Spieler, der in der vorherigen Partie wie ein Anfänger aussah, gegen einen starken Großmeister eine absolut gewonnene Stellung und nur aufgrund seiner mangelnden Erfahrung konnte er sie nicht gewinnen. Er spielte auch noch gegen ein paar andere Großmeister Remis und gegen einige Internationale Meister konnte er sogar gewinnen. Das Gesamtbild zeigt also deutlich, dass der Patt-Unfall genau das war: Ein Unfall. Obwohl die Eltern des Kindes besorgt waren, erklärte ich ihnen die Situation und versicherte ihnen, dass dieses ärgerliche Versehen das positive Gesamtbild nicht trüben sollte. Genau eine Woche nach der "Patt-Partie" gewann dieser Junge dann die nationale Meisterschaft seiner Altersklasse.

Für einen Schachspieler sollte dieser Ansatz, das große Ganze zu betrachten, nicht nur im Schach gelten, sondern es sollte seine Lebensweise sein! Egal, welches alltägliche Problem Ihr zu lösen versucht: Betrachtet immer das Gesamtbild. Hier ist ein einfaches Beispiel. Am 14. Dezember sagte der Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome Powell: "Ich glaube nicht, dass irgendjemand weiß, ob wir in eine Rezession schlittern oder nicht - und wenn ja, ob es eine anhaltende Rezession sein wird oder nicht. Das kann man nicht voraussagen." Aber wir sind Schachspieler, und obwohl wir nicht über die ausgeklügelten Instrumente der Fed verfügen, können wir das große Ganze sehen. Mithilfe einer kostenlosen Webseite habe ich in nur 2 Minuten dieses Diagramm erstellt:

Ich will Euch jetzt nicht mit Erläuterungen zu der invertierten Zinskurve im unteren Bereich oder des Indikators für Arbeitslosenansprüche im oberen Bereich langweilen. Beachtet nur die pinken Linien, die den Beginn einer Rezession anzeigen. Als Schachfreak habe ich sie mit c4 (die "dot com"-Blase), d4 (die große Finanzkrise) und e4 (COVID) markiert.

Seht Euch einfach nur die Rechtecke am unteren Rand an, die die Momente markieren, in denen der Chart unter die Nulllinie fällt. Sie deutet darauf hin, dass in etwa sechs bis zwölf Monaten eine Rezession kommen wird. Die Kreise im oberen Bereich zeigen die Momente an, an denen das Diagramm über 70 hinausgeht. Dies bestätigt die unteren Rechtecke. Wenn Ihr nun das große Ganze seht, habt Ihr dann noch irgendwelche Zweifel, dass die Rezession, die ich Ke2 nenne, innerhalb der nächsten sechs Monaten kommen wird?

Ich gebe Mr. Powell jetzt noch ungefähr drei bis vier Monate Zeit, um das Unvermeidliche zuzugeben. Beim letzten Mal hat es allerdings länger gedauert. Als die US-Notenbank im April 2021 von einer "vorübergehenden Inflation" sprach, stellte ich dies in einem Artikel in Frage und lieferte im Kommentarbereich einige Zahlen. Die Fed brauchte etwa sechs Monate, um zuzugeben, dass die Inflation alles andere als vorübergehend war. Dieses Mal erwarte ich, dass sie ihre Fehler schneller beheben.

Im Kommentarbereich meines letzten Artikels über Eröffnungen schrieb ein Leser, dass er "an der in der Überschrift gestellten Frage interessiert, aber mit der Antwort, die er bekommen hat, nicht zufrieden war". Generell bin ich ein großer Befürworter der Aussage: "Wenn du einem Mann einen Fisch gibst, ernährst du ihn für einen Tag. Wenn Du einem Mann das Fischen beibringst, ernährst Du ihn ein Leben lang". Und daher ziehe ist es vor, Menschen nicht mit dem Löffel zu füttern.

Außerdem ist die Analyse einer Eröffnungsvariante im Detail eine absolut undurchführbare Aufgabe für einen Artikel. Ich habe ein Buch von GM Vladimir Bagirov über die englische Eröffnung aus dem Jahr 1989 und das hat 464 Seiten. Und wenn es heute veröffentlicht werden würde, wäre es noch dicker. Aber vielleicht hat der Leser nach weiteren Beispielen für die Implementierung der von mir beschriebenen Methode gefragt. Da wir heute über die Betrachtung des großen Ganzen sprechen, möchte ich noch ein Beispiel für die praktische Anwendung geben.

Bongcloud
2.Ke2.

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Artikel, der einen großen Streit über Ke2 auslöste (also den Zug - nicht die Rezession). Um die Wahrheit zu sagen, ich sehe nicht einmal etwas, worüber man hier streiten könnte. Betrachtet man das große Ganze, wird alles glasklar.

Angenommen, ein Schachspieler kommt zu mir und sagt, dass er die Bongcloud-Eröffnung spielt und mich fragt, ob er damit weitermachen soll. Bevor ich die Frage beantworte, muss ich das große Ganze sehen. Also frage ich ihn, warum er Schach spielt und was seine Ziele sind. Wenn er mir antwortet, dass er mit seinen Kumpels Abends in einer Bar Schach spielt, um sich nach einem langen Arbeitstag zu entspannen, dann ist es offensichtlich, dass er ein Freizeitschachspieler ohne konkrete schachliche Ziele ist. Dieser Spieler will mit seinen Freunden ein Bier trinken und etwas Spaß haben und keine tiefen prophylaktischen Züge oder trockene, langweilige Endspiele spielen. Daher würde ich einem solchen Spieler antworten, dass er, wenn er gerne um etwas Spaß zu haben ein paar ungesunde Eröffnungen spielt, mit Ke2 fortfahren sollte. Wenn er damit Spaß hat, hat er damit doch alles, was er erreichen wollte!

Aber wenn mir dieser Schachspieler aber sagt, dass er z. B. sein Rating verbessern, eine Vereinsmeisterschaft gewinnen oder sich einen Titel erspielen will, dann würde ich antworten, dass er zuerst seine Einstellung zum Schach ändern und erst dann darüber nachdenken sollte, welche Eröffnung er spielen will. Die bloße Tatsache, dass er Meme-Eröffnungen spielt, deutet ja darauf hin, dass er sein Vorhaben, sein Schach zu verbessern, nicht wirklich ernst meinen kann.

Ich hoffe, es ist mir gelungen, Euch davon zu überzeugen, dass es der Blick auf das große Ganze einfacher macht, wichtige Entscheidungen zu treffen und die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. Sowohl im Schach als auch im Leben.

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