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Trolling im Schach: Der Gute, Der Böse und der Hässliche

Trolling im Schach: Der Gute, Der Böse und der Hässliche

Gserper
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Wir leben im Internetzeitalter und da gehört Trolling einfach dazu - ob man will oder nicht. Und da sich Schach momentan in ein Online-Spiel verwandelt (dieses Thema haben wir ja in diesem Artikel besprochen), haben wir alle schon zahlreiche Fälle von Trolling erlebt. In diesem Artikel möchte ich diskutieren, wie dieses Phänomen des modernen Schachs die Zukunft unseres Lieblingsspiels beeinflusst.

Zunächst einmal sollten wir aber grob definieren, was Trolling eigentlich ist. In Dutzenden Online-Wörterbüchern und Übersetzungsprogrammen, findet Ihr Wörter wie belästigen, provozieren oder verspotten. Da wir speziell über Trolling im Schach sprechen werden, können wir es meiner Meinung nach als den Versuch, anderen den Spaß am Schach absichtlich zu verderben,  zusammenfassen.

Wenn wir diese Definition akzeptieren, können wir uns fragen: "Wie um alles in der Welt kann Trolling im Schach etwas Gutes sein?" Nun, zwei meiner liebsten Beispiele für Trolling im Schach sind diese:

In diesen beiden Partien hat der amerikanische Schach-Superman, Hikaru Nakamura, die besten Schachengines der damaligen Zeit öffentlich gedemütigt, aber niemand war beleidigt und so ziemlich jeder hat es genossen!

Es gibt auch gute Möglichkeiten, menschliche Gegner zu trollen. Ich habe vor zwei Jahren sogar einen Artikel über eine Eröffnung für Schachtrolle geschrieben (ich bezog mich damals auf die Aljechin-Verteidigung). Oder stellt Euch vor, Ihr würdet gegen einen rein positionellen Spieler spielen, der seine Lieblingsstellung in der Spanischen Eröffnung erreichen möchte und Ihr überrascht ihn plötzlich mit einem Königsgambit. Er würde sich wahrscheinlich denken: "Willst Du mich mit diesem Mist veräppeln?" Eigentlich nehmt Ihr ihm damit den Spaß an der Partie, denn er wird die scharfen Stellungen eines Königsgambits viel weniger genießen, als seine Lieblingsvarianten im Ruy Lopez. Aber das ist die Natur unseres Sports und ich nehme an, wenn Ihr den König Eures Gegners schachmatt setzt, nehmt Ihr ihm höchstwahrscheinlich sowieso den Spaß an der Partie.

Jetzt wollen wir aber über negatives Schach-Trolling sprechen. Nehmen wir zum Beispiel diese Partie:

Über die Qualität des Königsgambits oder der Aljechin-Verteidigung können wir streiten. Bobby Fischer war ja der Überzeugung, dass er das Königsgambit mit seinem defensiven Zug 3...d6 widerlegt hätte. Trotzdem wird aber niemand bestreiten, dass hinter beiden Eröffnungen eine klare Absicht steckt.

Hinter der "Eröffnung" von Wesley So in der oben gezeigten Partie steckt aber überhaupt keine Absicht. Sie hat nur ein Ziel: Den Gegner negativ zu beeinflussen. Und falls Ihr Euch nicht sicher seid, worüber ich gerade spreche, habe ich hier noch ein weiteres Beispiel aus einem kürzlich gespielten Titled Tuesday Turnier:

Hasse ich die von Nakamura gespielte Eröffnung? Da könnt Ihr drauf wetten! Und nach einem frühen Angriff auf das Feld f2 stand er kurz davor, die Partie bereits in der Eröffnung zu verlieren. Ähnlich wie in dieser Partie:

Egal wie sehr ich die von Nakamura gespielte Eröffnung hasse, es ist unmöglich zu leugnen, dass sie einige Punkte hat: Das Fianchetto des weißfeldrigen Läufers und Raumgewinn am Königsflügel. Sie ähnelt irgendwie der "offensiven Eröffnung"—1.e4 e5 2.Dh5?!—die Nakamura auch manchmal spielt. Ich hoffe, Ihr habt jetzt den Unterschied zwischen den Eröffnungen von Nakamura und So verstanden.

Und damit kommen wir zum wirklich hässlichen Teil des Schach-Trollings. Wenn sich führende Großmeister gegenseitig trollen, sehen sie das vielleicht als harmlos oder eine Art Insider-Witz an. Was sie dabei aber vergessen, ist, dass sie Vorbilder für viele junge Spieler sind und Kinder machen das nach, was ihnen ihre Idole vormachen! Hier ist eine Partie des kürzlich beendeten 17. Susan Polgar Foundation National Open Turniers für Mädchen & Jungen.

Diese Spieler waren keine Anfänger und haben sogar ein Rating von fast 2000. Es gibt eindeutig keinen schachlichen Grund, 1.f3 gefolgt von 2.Kf2 zu spielen, außer den Gegner zu trollen, und ich sehe hier ein großes Problem.

Um es zu erklären, will ich eine Idee von einem berühmten Musiker zitieren, den ich kenne. Er sagte, dass er eine wunderschöne Doku über den legendären Pianisten Sviatoslav Richter entdeckt hat und bemerkte, dass sie in den letzten paar Jahren nur ein paar tausend Mal angesehen wurde. In den Vorschlägen neben dieser Doku sah er ein Video eines zeitgenössischen Musikers, in dem jedes zweite Wort ein Schimpfwort war und dieses Video hatte innerhalb weniger Tage mehrere Millionen Klicks.

Und das sei ein Problem der modernen Gesellschaft. Er argumentierte, dass, wenn man in Schulen klassische Musik unterrichten würden, dies das allgemeine Kulturniveau anheben und sogar die Kriminalitätsrate senken und möglicherweise viele Kriege verhindern würde. Ich habe bereits vor langer Zeit erklärt, warum ich Themen meide, die auch nur annähernd politisch sind und deshalb gehe ich darauf auch nicht näher ein, aber ich glaube, Ihr könnt den Gedankengang meines Freundes verstehen.

Kommen wir also zurück zum Schach. Viele meiner jüngeren Schüler haben noch nie von der Partie Paul Morphy gegen Karl von Braunschweig und Graf Isoard gehört, aber alle kennen die Bongcloud-Eröffnung! Wir verlieren mit jeder Minute unsere Schachkultur. Was undenkbar war, als Schach noch das "königliche Spiel" war, wird mit der Verwandlung des Schachs zum "Internet-Meme-Spiel" zur traurigen Realität.

Stellt Euch nur vor, was passiert wäre, wenn jemand gegen Paul Morphy eine Partie mit 1.e4 e5 2.Ke2 begonnen hätte. Wahrscheinlich hätte er noch viel früher mit dem Schach aufgehört.

Wenn mir in meiner Kindheit ein Meister angeboten hätte, mir bei meinen Partien heimlich zu helfen, hätte ich ihn überrascht gefragt: "Wozu?" Ich habe angefangen, Schach zu spielen, weil ich von dieser wunderschönen Welt verzaubert war. Dort konnte ich kreativ sein und im Grunde machen, was ich wollte. Was wäre der Sinn, einfach die Züge zu spielen, die mir ein solcher Meister einsagen würde?

Heutzutage sehen aber viele Spieler nichts Falsches darin, Computerhilfe zu verwenden. Und das ist meiner Meinung nach eine direkte Folge des Fehlens einer Schachkultur. Wenn man Schach als eine ganz andere Welt ansieht. Eine Welt, die voller Magie und Freiheit ist. Eine Welt, die man im wirklichen Leben nicht finden kann. Dann würde man diese Welt niemals ruinieren, nur um ein paar zusätzliche Elo-Punkte zu sammeln oder etwas Preisgeld zu gewinnen (stehlen!).

Um den oben genannten Musiker zu paraphrasieren: Wenn man Betrug als globales Problem verhindern möchte, muss man das Niveau der allgemeinen Schachkultur deutlich anheben. Und da unsere Top-Großmeister die Botschafter unseres Lieblingsspiels sind, müssen sie sich ihrer Verantwortung bewusst sein und entsprechend handeln!

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