Die Kunst, auf den Gegner zu achten

Die Kunst, auf den Gegner zu achten

Silman
IM Silman
26.01.2018, 00:00 |
50 | Andere

Im April 2016 habe ich den Artikel "Dancing With Yourself" (mit sich selbst Tanzen) geschrieben.

Nachdem ich mir jetzt viele Amateurpartien - aber auch Partien von Titelträgern - auf Chess.com und in Turnieren angesehen habe, muss ich aber leider feststellen, dass immer noch sehr viele mit sich selbst tanzen.

Ok. Titelträgern unterlaufen nicht so oft grobe Fehler, und wenn Sie ihnen unterlaufen, dann meistens aus anderen Gründen als bei Amateuren, aber trotzdem kann jeder vom "Mit-sich-selbst-Tanzen-Virus" befallen werden.

man with chess on head

Hier sind die ersten 3 Absätze des alten Artikels:

  • Wenn ich mir Partien von Spielern mit einer ELO von 1500 und darunter anschaue, sehe ich viele Schwächen, aber eine ist fast allgegenwärtig: Beide Spieler tanzen mehr oder weniger mit sich selbst. Das bedeutet, dass ein Spieler sich entscheidet, dies oder jenes zu tun und ein oder zwei Züge im Voraus berechnet und schon wenige Minuten später feststellt, dass die Antwort seines Gegners nichts mit seinen Berechnungen zu tun hat.
  • Der Grund dafür ist, dass seine Berechnungen / Erwartungen auf einer Fantasie basieren, und sein interner Dialog könnte so etwas klingen: "Ich werde dorthin gehen und dann wird er das tun und ich werde ihn damit auslöschen! Oh ja! Bin ich gut oder was?
  • Das klingt sicherlich nett. Aber wenn der "Tänzer" seine Berechnungen und / oder Pläne macht, versucht er nicht, den besten Zug des Gegners zu finden. Stattdessen betrachtet er nur die feindlichen Züge, die seinen eigenen Traum nicht platzen lassen.

Obwohl es für Spieler mit einem niedrigerem Rating normal ist, in Stellungen zu kommen, die zu kompliziert sind, um alles zu erkennen, musst man trotzdem immer sein Bestes geben, um herauszufinden, was der Gegner machen könnte. Und egal, wie hoch deine Zahl ist: Du musst immer AUFMERKSAM BLEIBEN.

Das bedeutet, dass eine sehr schöne positionelle Idee zwar wirklich toll wäre, wenn man nicht berücksichtigt, dass eine Figur hängt. Dann holt man zum Todesstoß aus, dem eine lange und komplizierte taktische Berechnung vorausgegangen war, aber man hat nicht bedacht, dass eine Figur gefesselt ist und so ist man es selbst, der den Tod erleidet. Oder man hat einen tollen Entwicklungszug gemacht und bemerkt danach, dass diese Figur auf diesem Feld doch nicht so toll steht und man zieht sie wieder zurück.

Beispiel 1

Es geht darum, dass man die Ideen und Pläne des Gegners nicht sieht, weil man dieses spezifische Konzept nicht gelernt hat. Jeder muss diese schmerzhafte Prüfung bestehen, aber wenn man danach erkennt, wie viel man daraus gelernt hat, ist die Freude darüber umso größer.

Die folgende Stellung stammt aus einer Trainingspartie mit einem neuen Schüler. Wie die meisten Spieler weiß er in bestimmten Situationen, was er zu tun hat, aber in anderen Stellungen ist er einfach planlos. Seine drei Hauptprobleme sind: Er lässt Figuren ungedeckt, er lässt seinen König zu offen stehen und er spielt im Zentrum zu passiv. Die einzige Möglichkeit, dieses Problem zu beheben, besteht darin, ihm das Problem so lange und immer wieder vor Augen zu führen, bis er an einem sonnigen Tag alles berechnet.

Beispiel 2

Das ist die unendliche Geschichte des ungeliebten Läufers. Bitte, bitte, bitte, lasst Eure Figuren niemals ungedeckt!

Beispiel 3

Ein kleines Feldchen scheint nicht so wichtig zu sein! Das ist absolut falsch! Ein "kleines" Feld kann eine ganze Partie entscheiden.



Beispiel 4

Es dreht sich alles um die Bauernstruktur. Wenn Weiß aber nicht aufpasst wird sich der Vorteil schnell in Rauch auflösen. Es gibt nur einen guten Zug! Wer kann ihn finden?

PUZZLE 1

Beispiel 5

Hier haben wir bereits in den ersten 5 Zügen einen groben Fehler. Keiner der Spieler hat jedoch aufgepasst und beide haben den Fehler übersehen. Was war der Fehler und welcher Spieler hat ihn begangen? Dieses Beispiel zeigt, dass man vom ersten bis zum letzten Zug wachsam sein muss!

Die Anmerkungen sind von Pal Benko.

Beispiel 6

Weiß hat gerade 23.T1c4 gespielt und bedroht dadurch die schwarze Dame. Eine Sekunde lang stand Weiß besser aber jetzt ist Weiß bereits verloren. Es hat nur leider keiner der beiden Spieler erkannt und so haben wir eine weitere Partie, die wir in den Ordner der verpassten Chancen ablegen können.

PUZZLE 2

Beispiel 7

Diese Prosa stammt von John Grefe, der 1974 an einem Turnier in Bulgarien teilgenommen hat.

"Selbst die größten Schachspieler haben gelegentlich Fehler gemacht, aber Fingerfehler kommen vergleichsweise selten vor. Hier ist es in zwei aufeinander folgenden Runden passiert":

“Noch tragischer war aber der Fehler von Szabo, der ihm in einer komplett gewonnenen Stellung unterlief und ihm sogar den dritten Platz in diesem Turnier gekostet hat":

Ich habe ein großes Spektrum von verschieden starken Spielern gezeigt. Jedem unterlaufen schreckliche Fehler. Einige der Fehler entstehen durch mangelndes Wissen. Aber die meisten Probleme entstehen, weil ein Spieler nicht aufpasst. Selbst die irrsinnigsten Fehler wie der, der einem Großmeister in Beispiel 7 unterlief, wurden durch Unaufmerksamkeit (oder Erschöpfung) verursacht.

Gründe hierfür sind:

  • Zeitnot.
  • Man sieht einen Freund und will ihm etwas sagen und macht deshalb noch schnell einen (unkonzentrierten) Zug.
  • Wenn man sich mit den Plänen des Gegners nicht beschäftigt, beschäftigt man sich nur mit der halben Partie.
  • Man zieht zu schnell, obwohl man noch genügend Bedenkzeit hätte.
  • Die Ehefrau kommt ans Brett und sagt, dass sie sich scheiden lassen will - schon ist die Konzentration auf die Partie verflogen.
  • Man ist von einer eigenen Idee so begeistert, dass man keine Lust hat, sich mit Kontern des Gegners zu beschäftigen und ihm nur noch den Todesstoß versetzen will. Also führt man diesen fantastischen Zug aus, grinst seinem Gegner ins Gesicht und verlässt wütend den Turniersaal, weil man feststellt, dass man ein "Matt-in-Eins" übersehen hat. UND WIEDER hat man nicht genügend aufgepasst...
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