Die "offensive" Eröffnung
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Die "offensive" Eröffnung‎

Gserper
GM Gserper
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115 | Eröffnungstheorie

In einem seiner letzten Streams nannte der russische Großmeister Alexey Dreev eine bestimmte Eröffnung "unanständig". Außerdem sagte er, dass es dem Gegner gegenüber respektlos ist, diese Eröffnung zu spielen. Und dann sagte er noch, wenn jemand nicht versteht, warum das ein respektloses Verhalten ist, wäre es für ihn sehr schwierig zu erklären, warum es so ist. Ich weiß, dass Ihr Euch jetzt fragt, über welche Eröffnung er spricht. Es ist der gute alte Zug 2.Dh5.

Wer russisch versteht, kann sich diesen Teil des Streams ja ansehen:

GM Aloexey Dreev
Alexey Dreev. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Alexey Dreev ist ein sehr starker Großmeister, der eine klassische Ausbildung bei dem berühmtesten Trainer der Welt, Mark Dvoretsky, absolviert hat. Vor ungefähr 10 Jahren hätte ich noch jedes einzelne Wort, das er gesagt hat, unterschrieben. Aber hey, wir schreiben das Jahr 2020 und heute ist nichts mehr normal. Super-Großmeister Supergroßmeister spielen ungewinnbare Endspiele 30 Züge lang weiter und unser Weltmeister spielte die folgende "Partie":

Natürlich hat Magnus Carlsens Wahnsinn einen Grund, und ich sehe es als ein sehr edles, wenn auch etwas bizarres Verhalten an. Die ganze Geschichte könnt Ihr hier lesen. 

Aber kommen wir zur 2.Dh5 Eröffnung zurück. Meiner Meinung nach ist diese Stellung nicht verrückter, als vieles, das beim Schach960 zustande kommt. Dort kann man ja manchmal bereits im ersten Zug rochieren. Eigentlich würde ich den Eröffnungszug 2.Dh5 jederzeit einer Partie Schach960 vorziehen! Und beleidige ich jemanden, nur weil ich Schach960 spiele?

Magnus Carlsen
Spielte Magnus Carlsen die beleidigte Leberwurst? Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

GM Dreev erwähnte auch diese Partie, die Magnus Carlsen nach dem Zug 2.Dh5 verloren hatte. Aber um fair zu sein, hatte das Ergebnis der Partie nichts mit der Eröffnung zu tun. Der Weltmeister übersah sogar im Mittelspiel eine Taktik, mit der er die Partie gewonnen hätte.

Lasst mich mit einem Haftungsausschluss fortfahren: Ich empfehle niemanden den Zug 2.Dh5 zu spielen. Es gibt so viele Eröffnungen, die Weiß einen Vorteil versprechen und 2.Dh5 ist absolut keine davon. Aber als knifflige Waffe im Internetschach für Spieler unter 1600 kann der Zug aber ziemlich gefährlich sein. Lasst uns also den Hauptanreiz (oder sollte ich Tricks sagen?) von 2.Dh5 untersuchen.

Trick #1: Schachmatt in 3

Wenn Ihr 2.Dh5 spielt, könnte Euer Gegner 2...De7 spielen wollen und durch einen Mausslip die Partie verlieren. 

Könnt Ihr Euren Gegner in der Spanischen Eröffnung auch im dritten Zug mattsetzen?

Trick #2: Ein Bauerngewinn

Schwarz kann einfach übersehen, dass sein e5-Bauer angegriffen ist. Hier ist ein typisches Beispiel dafür (wie immer, nenne ich bei Amateurspielern keine Namen):

Trick #3: Das Schäfermatt

Das gute alte "Schäfermatt":

Scholar's Mate
Das Schäfermatt.

Trick #4: Fesseln und Gewinnen

Falls sich Schwarz mit dem Zug g7-g6 gegen das Matt verteidigt, dann aber seinen Läufer wie gewohnt nach c5 spielt, kann er mit diesem Aufbau in eine tödliche Fesselung geraten:

Trick #5: Ein exponierter Läufer

Falls Schwarz g7-g6 spielt und danach seinen Läufer richtigerweise nach g7 spielt, hat Weiß den Zug Df3 in petto. Dieser Zug lockt den schwarzen Läufer nach g4 und dort ist er sehr verwundbar. Hier ist ein gutes Beispiel für mögliche gegenseitige Fehler:

So. Das waren die gebräuchlichsten Tricks in der 2.Dh5-Eröffnung.

Habt Ihr selbst schon Erfahrungen mit dem Zug 2.Dh5 gesammelt? Wenn ja, dann kopiert doch Eure besten Siege einfach ins Kommentarfeld!

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