Ding Liren Interview: "Ich will nicht berühmt sein"
Ding Liren. Photo: Maria Emelianova/Chess.com.

Ding Liren Interview: "Ich will nicht berühmt sein"‎

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Ding Liren, die aktuelle Nummer 3 der Welt und der stärkste chinesische Schachspieler aller Zeiten, spricht mit David Cox über den Aufstieg des chinesischen Herrenschachs, seine bemerkenswerte Serie von 100 Partien ohne Niederlagen und die Schwierigkeit, eine Beziehung aufrechtzuerhalten und gleichzeitig Elite-Schach zu spielen.

Als Sohn eines Elektroingenieurs und einer Krankenschwester in der Küstenstadt Wenzhou aufgewachsen, hätte Ding Liren nie gedacht, dass er der stärkste chinesische Spieler der Geschichte werden würde.

Dabei ist es nicht überraschend, dass Wenzhou solch ein Supertalent hervorgebracht hat. Die Stadt ist die Heimatstadt der ehemaligen Damenweltmeisterin Zhu Chen und gilt schon seit langer Zeit als Schachmekka.

Doch obwohl Ding schon in jungen Jahren ein vielversprechendes Talent war und zwei Weltjugendtitel und eine Reihe von Chinas prestigeträchtigsten Nachwuchswettbewerben gewonnen hatte, brauchte er einige Zeit, um sich davon zu überzeugen, dass er gut genug war, um vom Schach leben zu können. Deshalb hatte er auch an der Universität von Peking ein Jurastudium begonnen (und abgeschlossen).

In den letzten drei Jahren hat sich Ding einen Namen als einer der Spieler gemacht, die am ehesten Magnus Carlsen entthronen könnten. Er erreichte das Finale der letzten beiden Weltcups, durchbrach die 2800 Elo-Marke und schlug Carlsen im Playoff um den Sinquefield Cup 2019.

Ding Liren.
Ding Liren. Foto: Maria Emelianova / Chess.com.

Ding ist für seine starken Nerven und sein ruhiges Auftreten Brett bekannt. Er ist einer der am schwierigsten zu besiegenden Spieler der Welt und hat von August 2017 bis November 2018 eine Serie von 100 Partien ohne Niederlage absolviert.

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Das Interview wurde telefonisch geführt und teilweise aus Gründen der Klarheit oder Länge bearbeitet.

Chess.com: In den letzten 10 Jahren erleben wir einen enormen Boom im chinesischen Schach. Beim Kandidatenturnier 2020 werden zum ersten Mal in der Geschichte zwei chinesische Spieler teilnehmen: Sie und Wang Hao. Was hat diesen Schachboom im Osten ausgelöst?

Ding Liren: Schach ist in China wirklich sehr beliebt, besonders bei Kindern und Studenten. Ich denke dabei an die vielen Schulprogramme und die Ergebnisse, die wir bei wichtigen Teammeisterschaften erzielt haben und an unsere vielen Weltmeisterinnen. Spielerinnen wie Hou Yifan, Tan Zhongyi und Ju Wenjun, die alle Weltmeisterinnen waren. Aber auch die Herrenmannschaft, die in den letzten Jahren die Olympiade und die Mannschaftsweltmeisterschaft gewonnen hat, hat viel Aufmerksamkeit erhalten. Daher möchten jetzt viele Eltern, dass ihre Kinder das Spiel lernen.

Ich muss aber auch sagen, dass Schach trotzdem nicht so beliebt ist, wie Go oder chinesisches Schach. Go ist das beliebteste Spiel in China. In Go ist viel chinesische Philosophie tief verankert und das Duell zwischen Ke Jie und AlphaGo hat die Popularität von Go noch gestärkt.

Wie bist Du dann zum Schach gekommen, anstatt ein Elite-Go-Spieler zu werden?

Bereits 1995 gab es in Wenzhou ein berühmtes Match zwischen Xie Jun, der ersten Damenweltmeisterin aus China, und Viktor Korchnoi. Nach diesem Match wurde Wenzhou in China der Titel "Schachstadt" verliehen. Dort herrschte zu dieser Zeit also das optimale Klima, um das Spiel zu lernen. Danach, als ich vier Jahre alt war, wurde ich in einen Schachclub geschickt und ich hatte das große Glück, mit Chen Lixing den Trainer zu haben, der schon Zhu Chen geholfen hat, sich zu einem Topspieler zu entwickeln.

Wo Du gerade von Xie Jun und Zhu Chen sprichst: China hatte schon immer starke männliche Spieler, aber historisch gesehen waren es immer die Frauen, die die Weltbühne dominierten. Erst in den letzten Jahren haben sich Chinas männliche Spieler zu einer Macht entwickelt, und Du, Yu Yangyi und Wang Hao gehören jetzt zu den Top 20. Warum ist das Deiner Meinung nach der Fall?

Zunächst würde ich sagen, dass unsere aktuelle Damenmannschaft noch stärker ist als in der Vergangenheit. Unsere Damen haben ja die letzten beiden Olympiaden gewonnen! Aber mit der Herrenmannschaft haben wir eine Sammlung junger vielversprechender Spieler, zu denen auch Wei Yi gehört. Ich denke, das liegt daran, dass vor 20 Jahren von den besten männlichen Spielern Chinas wie Ye Jiangchuan und Xu Jun erwartet wurde, dass sie die weiblichen Spieler trainieren. Während der Turniere sollten sie die Eröffnungsvorbereitung für sie übernehmen. Aber jetzt arbeiten wir alle alleine. Wenn die Damen ihre Fähigkeiten verbessern wollen, müssen sie selbst einen Trainer einstellen und dafür bezahlen.

Wann hattest Du das erste Mal das Gefühl, dass Du es als professioneller Schachspieler schaffen könntest?

Ich habe mich 2009, als ich 16 oder 17 Jahre alt war, für eine professionelle Karriere entschieden. Vorher hatte ich einige sehr gute Ergebnisse bei den Junioren gegen Spieler in meinem Alter. Zum Beispiel haben wir in China ein sehr berühmtes Turnier namens Li Chengzhi Cup, das praktisch die chinesische Juniorenmeisterschaft ist, aber in offenen Turnieren gegen alle Altersgruppen hatte nie das gleiche Ergebnisniveau.

2009 habe ich dann die chinesische Meisterschaft gewonnen und dabei Spieler wie Wang Hao, die über 200 Punkte mehr als ich hatten, besiegt und die Qualität der Partien war sehr gut. Später in diesem Jahr las ich dann ein Interview mit Peter Leko, der sagte, dass er mich beobachten würde und dass ihn meine Partien inspirieren würden. Das hat mir sehr viel Glauben gegeben und deshalb muss ich mich auch bei ihm bedanken.

Hast Du jemals befürchtet, dass Du nicht genug Geld verdienen würdest, um wettbewerbsfähig Schach zu spielen?

Nein, da ich zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich wusste, was ich sonst machen sollte. Ich war zwar als Schüler ziemlich gut in Mathematik, aber als ich die Universität abgeschlossen hatte, stellte ich fest, dass ich Literatur weit mehr mochte.

Warum hast Du dann Rechtswissenschaften studiert und nicht zur Literatur?

Ich bereue es nicht, Recht studiert zu haben, dann dadurch habe ich herausgefunden, was ich wirklich machen will. Wenn ich mich aber heute noch einmal entscheiden könnte, würde ich diesen Abschluss nicht machen. Chinesische Literatur ist mein Hobby, aber wenn ich das studieren müsste und jeden Tag stundenlang daran arbeiten müsste, würde ich mein Interesse daran verlieren. Ich lese Bücher zum Spaß und zum Entspannen. Ich möchte nicht verpflichtet sein, mich jeden Tag damit zu beschäftigen.

Ding Liren. Photo: Maria Emelianova / Chess.com.
Ding Liren. Foto: Maria Emelianova / Chess.com.

Gefallen Dir auch englischsprachigen Autoren?

Der amerikanische Kurzgeschichten-Autor Raymond Carver gefällt mir - ich habe viel von seinen Arbeiten gelesen. Ich mag auch den japanischen Schriftsteller Haruki Murakami. Er wurde schon öfters für den Nobelpreis nominiert. Er schrieb das berühmte Buch Norwegian Wood.

In der Vergangenheit hast Du gesagt, dass Hobbys wie Deine Liebe zur Literatur Dir helfen, Dich während eines Eliteturniers zu entspannen. Wie gehst Du mit dem Druck bei großen Turnieren um?

Vor jeder Partie, besonders gegen die starken Spieler, bin ich nervös und angespannt. Aber wenn ich gut vorbereitet bin, fühle ich mich während einer Partie eigentlich ziemlich entspannt. Es gibt nicht viele emotionale Momente während einer Partie. Normalerweise bleibe ich ziemlich ruhig und gelassen. Schlaf ist auch sehr wichtig. Wenn ich in der Nacht vor einer Partie gut schlafe, bin ich schon mal sehr gut gelaunt. Wenn ich müde bin und mein Kopf sich falsch anfühlt, trinke ich während einer Partie etwas Wasser oder Kaffee und muss mich dazu zwingen, Berechnungen durchzuführen oder mich auf die Partie zu konzentrieren. Aber das ist schwer, wenn man in keiner guten Verfassung ist.

Wie wichtig ist Deine Fähigkeit, die Körpersprache Deines Gegners während einer Partie zu deuten?

Manchmal beeinflusst mich das. Einige Spieler sind sehr zuversichtlich. Sie stehen nach jedem Zug auf und tun all diese kleinen Dinge, um zu zeigen, dass sie alles unter Kontrolle haben. Und wenn ein Zug für mich überraschend war, bin ich manchmal selbst weniger zuversichtlich und lasse mich von meinem Gegner beeinflussen. Manchmal ändere ich dann meine Entscheidungen oder sogar die Bewertung der Stellung. Ich versuche aber daran zu arbeiten und das nicht zuzulassen.

Beim letzten Kandidatenturnier warst Du der erste chinesische Spieler der Geschichte, der an den Start ging. Hast Du da einen besonderen Druck gespürt?

Ja, das war eine große Sache in China und die Medien haben über jede Runde berichtet. Es haben auch viele Leute, die die Partien nicht wirklich verstanden, ihre Meinung gepostet. Ich lese diese Kommentare aber meistens nicht. Während des Turniers hat mich meine Mutter begleitet. Sie hat mir mein Essen gekocht und mir sehr dabei geholfen, mit diesen Erfahrungen umzugehen.

Ich habe mal gehört, dass sich Deine Mutter um all Deine Einnahmen aus dem Schach gekümmert hat. Ist das immer noch der Fall?

Ich lebe immer noch bei meinen Eltern und das Geld geht immer noch auf ihr Bankkonto. Wenn ich Geld brauche, geben sie es mir natürlich. Ich bin gerade nicht in der Stimmung, mich um Geld zu kümmern und für das tägliche Leben brauche ich nicht viel.

Ich vermute, dass Dir die Hausmannskost beim Kandidatenturnier geholfen hat, besonders, weil ich gelesen habe, dass Du und andere Spieler bei Turnieren manchmal von 5-Minuten-Terrinen leben! Hast Du das lokale Essen nicht probiert?

Das ist wahr! Weißt Du, beim Mittagessen vor einer Partie möchten wir die Dinge einfach halten und mehr Zeit zum Entspannen haben. Und nach einer Partie wollen wir normalerweise so schnell wie möglich ins Hotel zurück. Aber vielleicht probieren wir nach dem Turnier, sobald wir uns entspannt haben, das lokale Essen.

Du bist jetzt die Nummer 3 der Welt und gehörst zu den Favoriten des Kandidatenturniers. Bekommst Du deshalb zu Hause viel Aufmerksamkeit?

Ich weiß das gar nicht genau. In China benutzen wir nicht so viel Twitter oder Facebook und auch auf Weibo bin ich nicht sehr aktiv. Viele berühmte Go-Spieler haben VIP-Konten bei Weibo, aber ich habe nur ein normales Konto und mir folgen nur ein paar Leute. Das ist okay für mich. Ich möchte nicht so berühmt sein, dass jeden Tag über mich geschrieben wird und nicht nach jedem Turnier interviewt werden. Ich möchte mein eigenes Leben führen und Zeit für mich selbst haben.

Es ist der Preis des Ruhms. Natürlich werde ich mehr Geld verdienen, wenn ich bekannter werde und vielleicht auch einen besseren Status haben, aber ich habe dann auch keine Zeit mehr für mich selbst und muss mich jedes Mal rechtfertigen, wenn ich etwas falsch mache.

Ding Liren. Photo: Maria Emelianova / Chess.com.
Ding Liren. Foto: Maria Emelianova / Chess.com.

Hast Du jemals darüber nachgedacht, aus Deinem Elternhaus auszuziehen und alleine zu leben?

Ich denke, das wird vielleicht passieren, wenn ich eine stabile Beziehung mit einer Frau habe. Ich habe nicht wirklich den Wunsch, alleine zu leben. Manchmal verbringe ich auch Zeit mit meinen Großeltern. Sie leben ganz in der Nähe und manchmal, wenn meine Eltern arbeiten, gehe ich zu ihnen.

Aber in China ist es die Kultur, dass man (normalerweise) nur dann in eine eigene Wohnung zieht, wenn man verheiratet ist oder sich verlobt hat. Also im Grunde genommen, wenn man eine feste Freundin hat.

Ist es für einen professionellen Schachspieler schwierig, eine Beziehung aufrechtzuerhalten?

Ja, ich denke schon. In fast jeder Beziehung ist es ein Problem, wenn man die meiste Zeit des Jahres so weit weg ist. Dieses Jahr habe ich besonders viele Turniere gespielt. Im Juni habe ich den ganzen Monat in Europa verbracht. Es ist schwer, jemanden zu finden, der das toleriert. Meine letzte Beziehung endete Ende letzten Jahres und das viele Reisen war vielleicht ein Grund dafür.

Ich denke, man muss sehr zielstrebig sein, um an die Spitze zu gelangen. Ich möchte über Deine bemerkenswerte Serie von 100 Partien ohne Niederlage sprechen. Warum bist Du so schwer zu schlagen und wie hast Du es geschafft, so lange konzentriert und unbesiegt zu bleiben?

Wenn ich ehrlich bin interessieren mich solche Dinge nicht besonders. Ich denke, alle starken Spieler konzentrieren sich nur auf das Schach selbst. Als ich 99 Partien ohne Niederlage hatte haben mich die Medien natürlich ständig darauf angesprochen, aber ich selbst denke da nicht zu viel darüber nach. Aber die Bilanz war ziemlich seltsam, vor allem, weil ich ja 13 der 14 Partien beim Kandidatenturnier Remis gespielt habe. Viele dieser Partien hatten Höhen und Tiefen und ich war in drei oder vier Partien am Verlieren und in drei oder vier fast am Gewinnen. Aber auf diesem Level hasst es jeder zu verlieren. Jeder Spieler versucht alles, um eine Niederlage zu verhindern und sie suchen nach jeder Ressource, um ihre Stellung zu retten.

Wie hast Du Dich gefühlt, als Deine Serie ohne Niederlagen im November 2018 gegen Maxime Vachier-Lagrave beendet wurde? Warst Du enttäuscht, den Rekord von Sergei Tiviakov, der 110 Partien ungeschlagen war, nicht gebrochen zu haben? [Anmerkung der Redaktion: Nachdem dieses Interview geführt worden war, hat Magnus Carlsen Tiviakovs Rekord gebrochen.]

Da ich in einem so langen Zeitraum keine klassische Partie verloren hatte, war ich es nicht gewohnt zu verlieren. Wenn ich eine Partie verliere, fühle ich mich normalerweise sehr mies. Ich will dann nicht zu viel reden und muss herausfinden, was in der Partie passiert ist. Was ist schiefgelaufen? Hatte ich die falschen Züge gespielt oder die falschen Ideen? Aber sobald ich herausgefunden habe, wo ich falsch lag, fühle ich mich wieder normal. Ich wusste, dass Tiviakov die längste ungeschlagene Serie hatte, aber vielleicht gibt es irgendwo da draußen einen unbekannten Spieler, der eine noch längere Serie ohne Niederlage hat und dem niemand Beachtung schenkt. Tiviakov hat seine Serie ja auch nicht auf höchstem Niveau gespielt. Vielleicht ist dieser Rekord gar nicht so wichtig.

Was denkst Du über Online-Schach? Immer mehr Top-Spieler treten bei Events wie der Chess.com Speed Chess Championship und bei den Titled Tuesday Turnieren an. Bist Du ein Fan davon?

Nicht besonders. Manchmal spiele ich vor Schnell- und Blitzturnieren auch Online-Blitz. Aber im Allgemeinen versuche ich, nicht zu viel Online zu spielen. Ich denke, dass wenn man ohne nachzudenken spielt, das die Fähigkeit, eine Stellung zu bewerten oder herauszufinden, welcher Zug der wirklich beste ist, negativ beeinflusst. Wenn man so viele Züge gespielt hat, ohne viel darüber nachzudenken, wird man am Brett Schwierigkeiten haben, den besten Zug zu finden.

Glaubst Du angesichts Deines Aufstiegs in den letzten Jahren, dass Du Weltmeister werden kannst? Kannst Du Carlsen herausfordern?

Ich denke, wir müssen vielleicht warten, bis Magnus etwas älter wird! Ich kann ihn nicht wirklich herausfordern. Er ist an der Spitze und ich denke, dass ihn niemand schlagen kann. Wenn er mit zunehmendem Alter nicht mehr in seiner besten Form ist, haben wir vielleicht eine Chance. Aber um ehrlich zu sein wäre es nicht schlimm, wenn ich niemals um die Weltmeisterschaft spielen sollte. Ich habe nie davon geträumt, so gute Ergebnisse zu erzielen. Als ich der beste chinesische Spieler aller Zeiten wurde, hatte ich all meine Erwartungen bereits weit übertroffen.

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