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Können wir Computern trauen?

Können wir Computern trauen?

Die Fragen, ob wie Computern vertrauen können, hört sich vielleicht komisch an, denn in der heutigen Zeit haben wir ja garkeine andere Wahl. Denkt nur mal drüber nach: Wenn ein Computer in den Verteidigungsministerien der Atommächte durchdrehen würde, würde die gesamte Menschheit ausgelöscht werden. Da dies aber eine Schachseite ist, beschäftigen wir uns genauer gesagt mit der Frage, ob wir Schachprogrammen vertrauen sollten, oder nicht?

Und die richtige Antwort auf diese Frage kann nur sein: "Es kommt darauf an."  Während für den einen die Computervarianten ein Synonym für die ultimative Wahrheit sind, habe ich doch schon Fehler in Computervariaten entdeckt. Ich beginne gleich mit einem der skurrilsten Beispiele:

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Als vor etwa 30 Jahren der "eiserne Vorhang" fiel, bekamen viele sowjetische Schachspieler die Möglichkeit, an Turnieren im Ausland teilzunehmen. Ich nahm damals an einem großen Turnier in Osteuropa teil und ein guter Freund von mir spielte dort ein großartiges Turnier. Vor der letzten Runde benötigte er nur noch eine Partie gegen einen ausländischen Gegner um seine langersehnte letzte IM Norm zu erhalten. Er hätte diese Partie sogar verlieren dürfen und hätte sie trotzdem bekommen.

Leider bescherte ihm das Schweizer System aber keinen ausländischen Gegner. Mir tat er wirklich leid, denn jetzt würde er seinen IM Titel nur wegen einer dummen Formalie nicht bekommen. Komischerweise war er aber trotzdem bester Laune und feierte sogar seinen Erfolg. Als ich ihn darauf ansprach, verdutzte er mich mit seiner Antwort:.

"Weißt Du, Greg" sagte er, "wie man hört, mag der Computer, der die Auslosung vornimmt, wirklich gerne einen 5 Sterne Cognac!"

Ich weiß bis heute nicht wie es ihm gelang, den Computer betrunken zu machen, aber am nächsten Tag bekam er dann doch seine Partie gegen einen ausländischen Spieler und somit seinen IM Titel. Ich war damals 19 Jahre alt und spielte ein sehr schlechtes Turnier und kann mich überhaupt nicht mehr an meine Partien erinnern, aber ich habe bei diesem Turnier etwas sehr wichtiges gelernt: "Computer mögen Cognac!"

Wann immer ich jetzt eine seltsame Auslosung in einem Turnier sehe, oder mich darüber wundere, warum Menschen bei Wahlen für eine Steuererhöhung, die sie selbst betrifft, stimmen erinnere ich mich an das Lächeln meines Freundes und seine Stimme die zu mir sagte: "Computer mögen einen 5 Sterne Cognac!".

Aber was ist mit der reinen Analyse einer Stellung? 

Können wir Schachprogrammen hier vertrauen? Das kommt wieder auf die Stellung an. Gebt mal diese Stellung in euer Lieblingsprogramm ein, und seht euch das Ergebnis an.

Wollt Ihr lieber eine Stellung aus einer echten Partie? Kein Problem:

Alle Schachprogramme geben Weiß den gutgemeinten Vorschlag, dass es an der Zeit wäre aufzugeben, obwohl die Stellung Remis ist. Klar kann man jetzt argumentieren, dass Computer vielleicht Probleme haben Festungen zu erkennen, aber in allen anderen Dingen gut sind.

Gut, dann sehen wir uns mal diese ganz aktuelle Partie an:

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Foto: Lennart Ootes, Grand Chess Tour.

Das ganze Endspiel hindurch geben die Programme Schwarz einen Vorteil von etwa -3, aber jeder Schachspieler, der sich mit diesen Endspielen schon beschäftigt hat, weiß, dass das Remis leicht zu halten ist. Wenn ihr in dieser Stellung den Computern vertraut, dann verleitet ihr euch selbst zum scheitern.

Im selben Endspiel kritisieren die Computer Carlsens 60. Zug ...gxh4 und schlagen stattdessen 60...hxg4 vor. Ein unbekannter Kommentator analysierte diese Partie auf einer großen russischen Schachseite und behauptete, dass Schwarz mit diesem Zug gewinnen hätte können. In Wahrheit führt dieser Zug aber genauso zu einem theoretischen Remis:

Wie ihr seht, sind manche Endspiele die große Schwäche von Computern und deshalb solltet ihr deren Vorschläge mit großer Vorsicht geniessen.

Sehen wir uns also Eröffnungen an. Viele kreative Eröffnungen wie diese, sind ja praktisch die Erfindungen von Schachprogrammen:

Nach der Partie leugnete Aronian auch garnicht, dass die ganze Idee hinter 10.Th4 das Resultat einer computerunterstützen Vorbereitung war. Während ich jetzt noch viele ähnliche Beispiele aufführen könnte, kommt es aber auch manchmal vor, dass Schachspieler einen teuren Preis für ihr grenzenloses Vertrauen in die Freunde aus dem Silicon Valley bezahlen.

Diese berühmte Partie hat bestimmt noch niemand vergessen:



In einem Interview mit der Schachzeitschrift "New in Chess"  erklärte Kramnik diese Katastrophe:

Da war sicherlich eine Lücke in meiner Vorbereitung, aber eine sehr seltsame Lücke. Wir haben diese gesamte Variante analysiert (...) ich war auf der Toilette und wollte schnell spielen, um ihm wenig Zeit zum Denken zu geben. Um ihn auch psychologisch unter Druck zu setzen wollte ich sofort ziehen. Ich sah mir Variationen und und habe sofort Dd3 gesehen, aber ich dachte, das würde nur zu einem Dauerschach führen. Da wir ja alle Varianten mit dem Computer durchgespielt hatte, konnte die Stellung ja nicht verloren sein, denn ansonsten hätte der Computer doch angezeit, dass die Stellung verloren ist. (...) Das ist mir noch nie zuvor passiert. Du hast Weiß, Du spielst alle Züge genau so wie Du sie vorbereitet hast, und dann gratulierst Du deinem Gegner zum Sieg. Das ist einfach unglaublich (...) Ich weiß nicht, ob das schon einmal in einem WM Kampf vorgekommen ist.

Haben Schachspieler aus diesem Debakel gelernt? Nicht wirklich. In der nächsten Partie machte das Springermanöver des starken Großmeisters Radjabov Sc6-b4-c6 überhaupt keinen Sinn, aber er spielte es trotzdem, weil er dachte, das wären die besten Züge anhand seiner Computeranalyse!

In diesem Artikel wurde dieses lächerliche Springermanöver genauer beleuchtet. Der Schlüssel zum Verstehen dieses Manövers sind aber diese Sätze:

Radjabov sagte, er wäre nur seiner Vorbereitung gefolgt, konnte sich aber nicht mehr exakt an diese erinnern.

"Natürlich habe ich auch 13...Tc8 überlegt, aber wir leben doch im Zeitalter der Computer."

Wenn meine Schüler einen Zug machen, den sie überhaupt nicht verstehen und die einzige Erklärung für diesen Zug lautet, dass es ein Vorschlag des Computers wäre, dann ist das eine Sache. Wenn aber einer der besten Großmeister genau das selbe macht und die Begründung liefert, dass wir doch im Computerzeitalter leben, dann ist das einfach nur ein schlechter Witz.

Wenn das Springermanöver Radjabovs Sb6-b4-c6 ein schlechter Witz war, dann war GM Caruanas Springermanöver Sf6-g4-f6 in der Partie gegen Aronian zumindest lächerlich. Der Unterschied? Caruana hat die Partie trotz dieser dubiosen Springerzüge gewonnen!


So, sollen wir jetzt den Schachprogammen weiterhin uneingeschränkt Vertrauen?

Wie ihr seht, machen das sogar sehr starke Großmeister. Aber ich verstehe Peter Svidlers Witz nach dem Sc6-b4-c6 Vorfall. Als Radjabov sagte, er hätte auch irgendwo den Zug Lb7-c8 notiert gehabt, antwortete Svidler: "Wenn Du das gemacht hättest, dann hätte ich sofort zum Schachspielen aufgehört und mich einweisen lassen."

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