Kuriositäten beim klassischen Läuferopfer

Kuriositäten beim klassischen Läuferopfer

Silman
IM Silman
23.03.2017, 00:00 |
56 | Taktiken

Jeder Schachspieler kennt das klassische Läuferopfer. Und jeder will diesen weißfeldrigen Läufer auf h7 in die feindliche Stellung jagen, um den Bauernwall vor dem König zu zertrümmern und den dann um Hilfe schreienden schwarzen König zu jagen, während seine Armee nur hilflos zusehen kann.
Generell wird der angegriffene König dann auf Feldern wie e7, f8, g8, h8, h7, h6, g6 oder f6 zur Strecke gebracht, und oft funktioniert die Zugfolge Lxh7+, Sg5+, Dh5 (oder Dg4 falls der König nach g6 flüchtet) wie geschmiert.

Hier ist die klassische Ausgangsstellung:
Eine Checkliste:
  • Kann der Läufer auf h7 Schach geben?. OH YEAH!
  • Hat der zweite Läufer die offene c1-h6 Diagonale? OH YEAH!
  • Hast Du einen Turm auf der e-Linie, der in das Schlachfest eingreifen kann? OH YEAH!
  • Steht ein Bauer auf e5 der lästige Verteidigungszüge wie Sf6 verhindert? OH YEAH!
  • Hast Du einen Springer auf f3 der nach der Explosion auf g5 springen kann? OH YEAH!
  • Kann deine Dame auf g4 oder h5 ziehen? OH YEAH!

Kool-Aid Man - Bild von Wikipedia.

In einer anderen Variante steht der Bauer schon auf h4 (hier ist auch ein kleines Rätsel dabei!):

 
DAS RÄTSEL:
Warum hat Greco11.Dh7+ (das in 3 Zügen Matt setzt) anstatt 11.Dh3+ (Matt in 2!) gezogen? Schachwissenschaftler grübeln seit hunderten von Jahren darüber nach, und haben keine konkrete Antwort auf diese Frage gefunden.

DAS RÄTSEL IST GELÖST!
Aber jetzt ist das Rätsel gelöst, denn ich habe die Antwort gefunden! Nach Jahren des Kopfzerbrechens habe ich plötzlich festgestellt, dass nach dem Zug 11.Dh3+ , der Weg des Königs in die Brettmitte klar nachvollziehbar gewesen wäre. Das wäre aber für einen Spieler wie Greco zu langweilig gewesen. Nach 11.Dh7+!! g6 12.Dh3+ Ke4 13.Dd3 ist das Matt viel geheimnisvoller (und nicht mehr langweilig), denn jeder Spieler, der nur die Endstellung sieht, muss sich jetzt, da der schwarze Bauer ja auf g6 steht, denken: "Wie zum Teufel ist der König nur auf e4 gekommen???"

Skurrile Läuferopfer 1:
Ihr glaubt jetzt nicht, dass in diesem Spiel wieder ein klassisches Läuferopfer vorkommt? Da liegt ihr aber ziemlich daneben.

 

Skurrile Läuferopfer 2:
Manchmal sind Schachspieler vom klassischen Läuferopfer so fasziniert, dass sie in verlorenen Partien einfach noch schnell den Läufer auf h7 opfern um noch etwas Spass zu haben. Wie auch immer. In dieser Partie sehe ich nicht viel Spass für Weiß: 

 

Skurrile Läuferopfer 3:
Hier sehen wir ein mutiertes Läuferopfer:

Skurrile Läuferopfer 4:

Jetzt kommen wir zu unserer Hauptpartie. IM Elliott Winslow gewann mit einem etwas seltsamen, aber epischen Läuferopfer auf h7 ohne den scharzfeldrigen Läufer zu haben. Stattdessen benutze er einen Turmschwenk auf der C-Linie (im klassichen Läuferopfer geschieht der Turmschwenk meistens auf der D-Linie).

Ferner "stirbt" der König, im klassischen Läuferopfer normalerweise auf dem Königsflügel, aber Elliot hatte den armen schwarzen König bis nach d4 getrieben, als sein Gegner aufgab. Eigentlich hätte Schwarz noch für die Gallerie weiterspielen sollen, denn er hätte schließlich auf a2 mattgesetzt werden können, und dass ein König von h7 bis nach a2 rennt, sieht man nicht alle Tage!


Dies ist eine der besten klassischen Läuferopfer Partien die ich je gesehen habe! Ich verbeuge mich in Ehrfurcht vor dem genialen Elliott Winslow!

Schließlich noch der versprochene Ausweg für Schwarz in der Medley gegen Finch, Ries Divan 1849 Partie:

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