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Mit dem g-Bauern losstürmen und gewinnen! Wer hat's erfunden?

Mit dem g-Bauern losstürmen und gewinnen! Wer hat's erfunden?

Gserper
| 218 | Strategie

Es gibt Tausende von Ideen im Schach. Einige von ihnen sind sehr einfach und andere sind so kompliziert, dass man nicht darum herumkommt zu denken: "Welchem Genie ist denn das eingefallen? Wer hatte diese Idee als Erster?" Leider werden wir die Antwort in den meisten Fällen nie erfahren. Es sind ja sogar viele Eröffnungen nicht nach ihren Erfindern benannt. Wenn Ihr ein Beispiel dafür wollt, dann lest einfach, was im englischen Wikipedia-Eintrag über die Aljechin-Verteidigung steht: "Die Eröffnung ist nach Alexander Aljechin benannt, der sie beim Budapester Turnier 1921 in Partien gegen Endre Steiner und Fritz Sämisch spielte." Ach, tatsächlich? Und was ist mit der folgenden Partie, die 1893 gespielt wurde?

Es gibt Hunderte solcher Beispiele. Ich habe sogar das Gefühl, dass Schachideen selten nach ihren wahren Erfindern benannt werden. Der Grund für dieses traurige Phänomen ist ganz einfach: In den meisten Fällen ist es praktisch unmöglich zu sagen, wer die jeweilige Idee zuerst gespielt hat. Ich kenne jedoch einen Fall, in dem sogar ein sehr offensichtlicher Erfinder nicht gewürdigt wird. Ich spreche vom sogenannten Greek Gift Opfer. Fragt mich bitte nicht, wer sich diesen bizarren Namen ausgedacht hat oder warum. Eines ist aber klar: Es sollte nach Gioachino Greco benannt sein und Greco-Opfer heißen, denn der große italienische Schachspieler hat es als erster gespielt. Hier ist die Partie:

Springen wir vom 17. ins 21. Jahrhundert und von einem "besten Spieler seiner Zeit" zum nächsten. Hier ist die wohl wichtigste Partie der letztjährigen Schnellschachweltmeisterschaft.

Eine ausführliche Analyse dieser exquisiten Partie findet Ihr hier. In diesem Artikel wollen wir uns aber auf den faszinierenden Zug von Magnus Carlsen konzentrieren, der auf den ersten Blick ziemlich absurd aussieht. Warum sollte Weiß seinen g-Bauern ziehen und seinen König bloßstellen? Carlsens Idee wird sieben Züge später, nachdem sein König in der Ecke steht und seine Türme auf der g-Linie einen Angriff starten, ziemlich klar.

Natürlich kam Carlsen aber nicht alleine auf diese geniale Idee: Sie wurde schon viele Male vorher gespielt. Hier ist zum Beispiel eine Partie, die vor 40 Jahren von zwei berühmten sowjetischen Großmeistern gespielt wurde:

Wenn Ihr dieses Angriffsmuster jedem geschulten Schachspieler zeigt, werdet Ihr hören: "Oh, das ist ja Fischers Aufbau!" Und dann wird er Euch die folgende ikonische Partie zeigen:

Dies ist zwar auch definitiv die Partie, die diese Idee populär gemacht hat, aber für viele Menschen ist es auch die Partie, in der diese Idee geboren wurde. Hier sind Zitate von zwei Großmeistern: "Das ist die Partie, in der Fischer diesen Plan eingeführt hat" und "Vor der Fischer-Andersson-Partie war dieser Plan nicht bekannt". Ich war überrascht, in einem Buch von IM Mark Dvoretsky, dessen Name ja ein Synonym für "Schachkultur" ist, in einem Kommentar über Artur Yusupovs oben gezeigte Partie zu lesen: "Er kannte Fischers Partie, in der dieser Plan zum ersten Mal aufs Brett kam, sehr gut". Aber was ist mit einer anderen Partie von Fischer, die er vier Jahre vor seiner Partie gegen Ulf Andersson gespielt hat?

Obwohl diese Partie fast unbekannt ist und der Gegner von Bobby Fischer viel schwächer war als Andersson, ist es dennoch genau derselbe Plan! Nun, zumindest haben wir jetzt festgestellt, dass Bobby Fischer der Erfinder dieses Angriffs-Setups ist, oder? Nicht so schnell! Hier ist eine Partie, die 89 Jahre vor der Partie gespielt wurde, in der Fischer diesen paradoxen Plan das "erste" Mal ausgeführt hat.

Wie Ihr sehen könnt, spielte Louis Paulsen, einer der größten Schachinnovatoren, ebenfalls genau die Schlüsselzüge: Kh1, Tg1, g2-g4, Tg3 und danach zog der den zweiten Turm auf das Feld g1!

Ich habe absolut keinen Zweifel daran, dass Bobby Fischer, der ja klassische Partien immer akribisch studiert hat, dieses Meisterwerk von Paulsen kannte! Haben wir also endlich den Namen des Erfinders festgestellt? War es Louis Paulsen? Auch hier würde ich keine vorschnelle Schlussfolgerung ziehen. Hier ist eine Partie, die 19 Jahre vor der Paulsen-Partie gespielt wurde und in der gleich beide Spieler diesen Plan fanden!

Wenn man bedenkt, dass dies das berühmteste Match von Paul Morphy ist und dass er Bobby Fischers Lieblingsspieler war, besteht kein Zweifel, dass Fischer diese Partie gekannt hat. Außerdem, wer weiß, vielleicht ist genau dies die Partie, die Fischer zu diesem berühmten Zitat inspiriert hat:

"Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass Paul Morphy gegen unsere besten Spieler der heutigen Zeit verlieren würde. Nichts ist weiter von der Wahrheit entfernt. Morphy würde auch heute jeden Spieler in einem Match besiegen."

Obwohl ich versucht bin, Morphy zum Erfinder dieser Idee zu erklären, wäre ich nicht überrascht, wenn Ihr jetzt noch ältere Partien finden würdet, in denen diese Idee umgesetzt wurde. Man muss kein Genie wie Morphy sein, um etwas Brillantes zu produzieren. Nutzt einfach Eure Kreativität! Hier ist zum Beispiel eine Partie von einer meiner Schülerinnen, die ein Rating von etwas über 1800 hat.

Ist das nicht eine wunderschöne Partie? Die harte Realität ist, dass es eine Schnellschach-Partie war und als es an der Zeit war, die entscheidende Kombination zu finden, die mit 19.Lxh7 begonnen hätte, hatte meine Schülerin nur noch wenig Zeit und spielte übereilt 19. Th4, was es Schwarz ermöglichte, in der Partie zu bleiben und letztendlich sogar zu gewinnen. Trotzdem bin ich sehr stolz auf meine Schülerin. Obwohl sie weder Fischers, noch eine der anderen in diesem Artikel gezeigten Partien kannte, fand sie alle Schlüsselzüge selbst: g4, Kh1, Tg1 und Tg4!

Auch wenn wir den Namen des Schachspielers, der diesen brillanten Angriff als erster gespielt hat, wohl nie erfahren werden, hoffe ich, dass Euch dieser Artikel hilft, die eine oder andere Partie zu gewinnen!

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