Warum machen Großmeister "Anfängerzüge"?

Warum machen Großmeister "Anfängerzüge"?

Ein beliebtes Sprichwort besagt, dass es keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten gibt!. Nun, ich muss ein Geständnis machen. Es gibt Fragen, die wirklich schwer zu beantworten sind. Es geht normalerweise so: Ein Spieler mit einer DWZ von etwa 1200, kam zu mir und sagte, dass er eine Reihe von Partien fand, in denen Fischer den b2-Bauern sehr früh geschlagen hatte. Obwohl man in der Eröffnung keine Zeit fürs "Bauernfressen" verschwenden sollte, besiegte Fischer aber seine Großmeistergegner trotzdem sehr schnell.

Bobby Fischer

Bobby Fischer missachtete viele Grundregeln. Foto: Holländisches National-Archiv.

"Vielleicht sollte ich wie Fischer spielen und auch in der Eröffnung auf diese Bauern gehen?" fragte mich dieser Spieler dann. Was soll ich antworten? Natürlich erklärte ich, dass Fischers brillantes Eröffnungsverständnis eine große Ausnahme von der allgemeinen Regel ist, und es gibt dutzende von Eröffnungskatastrophen, bei dem die Eroberung des b2-Bauern mit der Dame ungestraft blieb. Hier ist ein Paradebeispiel dafür:

Oder dieser alte Klassiker:

Es ist wirklich ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite wäre es ein praktischer Ratschlag, solche Bauern in der Eröffnung zu ignorieren, zumindest bis man mehr Erfahrung (und ein besseres Rating!) hat. Auf der anderen Seite sind solche Ratschläge aber falsch, da diese Ausnahmen ein Teil des Spiels sind und ehrlich gesagt das Schachspiel so schön machen. Wäre es nicht langweilig, immer nur streng nach den Regeln zu spielen?

Also, heute möchte ich über eines der Eröffnungs-Setups sprechen, das wie eine Anfängereröffnung aussieht, aber durchaus Sinn macht. Seht euch diese Stellung an, die besonders in Anfängerpartien öfters aufs Brett kommt, als man denkt:

Und vergleicht die Stellung mit dieser:

Was ist hier los? Warum spielt einer der stärksten Spieler der Welt wie ein Anfänger? Nun, sein Wahnsinn hat Methode. Wenn Schwarz es seinem Gegner erlaubt, seine Figuren mit c3 und Lc2 neu zu gruppieren, erhält Weiß nach d2-d4 ein schönes Zentrum! Was ist also der Unterschied in diesen beiden Diagrammen? Es geht um den Durchbruch d7-d5. Mal sehen, warum die Idee c3, Lc2 und d2-d4 in der ersten Stellung nicht funktioniert:

Levon Aronian

Levon Aronian hat sowohl einen farbigen Mode- als auch einen farbigen Spielstil.

Aronian konnte trotz Grischuks d7-d5-Schlag sein starkes Zentrum behaupten! Wenn man eine Partie analysiert, bei der ein starker Spieler die Regeln bricht, dann müsst ihr versuchen zu verstehen, warum er es gemacht hat und warum es funktionierte. Wenn man das "unorthodoxe Spiel" des Großmeisters nur blind kopiert, könnte das Ergebnis nicht das sein, was man sich erhofft hatte. Ein gutes Beispiel dafür ist die folgende Partie:

In der Sizilianischen Verteidigung kann Weiß nach 1.e4 c5 2. Sf3, auf die 3 Hauptzüge 2...Sc6, 2...d6 und auch 2...e6 auch 3.Ld3 spielen, wie in dieser Partie:

Diese Gruppe der Eröffnungs-Setups, in der Weiß Ld3 spielt, ist als das Kopec-System, benannt nach dem späten IM Danny Kopec, bekannt. Die weiße Eröffnung sieht so komisch aus, dass sogar Leute, die normalerweise nicht die Sizilianische Verteidigung spielen, gegen Kopec die Sizilianische Verteidigung spielten, nur um den unbeholfen wirkenden Zug Ld3 zu sehen. Manchmal ist die Absicht, Kopec für seine ungewöhnliche Eröffnung zu bestrafen, dann zu einem echten Eigentor geworden:

Lustig ist, dass GM Damljanovic, Kopec's "Anfängerzug" Ld3, mit dem "Anfängerfehler" ...Dxb2, den wir in diesem Artikel ja bereits behandelt haben, bestrafte:

Abschließend möchte ich noch auf eine Weisheit von GM Bronstein, die wir in diesem Artikel besprochen haben, zurückkommen: "Man muss sich nur all der Plus- und Minuspunkte dieser Idee bewusst sein, und alles wird gut werden!"

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