Warum spielen Leute Eröffnungen, die eigentlich auf den Müll gehören?

Warum spielen Leute Eröffnungen, die eigentlich auf den Müll gehören?‎

Gserper
GM Gserper
|
138 | Eröffnungstheorie

Im Artikel über Beleidigungen im Schach erwähnte ich einen lustigen Vorfall, der sich in einer Partie zwischen zwei Schachlegenden ereignet hatte. Tarrasch und Nimzowitsch. Die Partie hatte gerade erste begonnen als GM Tarrasch lauthals verkündete: "In meinem ganzen Leben hatte ich nach 10 Zügen noch keine so gewonnene Stellung wie diese!"

Obwohl es sich nur um eine Freundschaftspartie handelte, waren viele Zuschauer anwesend und wurden somit Zeuge des ersten Trash Talks der Schachgeschichte. Ihr werdet Euch jetzt sicher fragen, welche Eröffnung Aron Nimzowitsch da wohl gespielt hat?

Hier ist die Partie:

Ich frage mich, was Dr. Tarrasch wohl gesagt hätte, wenn jemand diese "Eröffnung" gegen ihn gespielt hätte::

Wenn Ihr wissen möchten, warum ich immer wieder Partien von Anfängern zeige und wie der Verrückte heißt, der in dieser Partie mit Schwarz gespielt hat, dann seht Euch einfach dieses Video an (Ihr könnt ab 25:10 beginnen):

Wenn Ihr Euch das ganze Video ansehen wollt, werdet Ihr dort noch viele ähnliche "Eröffnungen" entdecken!

Aber Spaß beiseite. Es war ein Bullet-Turnier, also wollte der Weltmeister offensichtlich nur die Zuschauer unterhalten und diese können sich bei ihm für die Show bedanken. Die eigentliche Frage ist aber, warum einige Leute in realen Partien einen ähnlichen Müll spielen.

Zum Beispiel hier:

Es gibt wohl mehrere Gründe für dieses seltsame Verhalten:.

1. Den Gegner psychologisch unter Druck setzen

Wenn man sich einer bizarren Öffnung stellen muss, ist es schwierig, cool zu bleiben. Selbst Weltmeister Anatoly Karpov, der dafür berühmt war, niemals seine Nerven zu verlieren, verlor die folgende berüchtigte Partie:

Wie man auf eine solche Strategie reagieren sollte, habe ich schon in in einem älteren Artikel erklärt.

2. "Ich kann spielen, was ich will!"

In dieser Kategorie von "Eröffnungen" spielen die Menschen das hanebüchenste Zeug.

Zum Beispiel so etwas:

Das Gefühl, ein "Schach-Desperado" zu sein, haben wir schon in diesem Artikel besprochen.

3. Protest

Manchmal wollen Schachspieler gegen etwas protestieren und spielen deshalb absichtlich eine schlechte Eröffnung. Das berüchtigtste Beispiel dafür ist definitiv diese Partie:

Bei einem meiner Juniorenturniere vereinbarten die Kapitäne von zwei Teams Remis an allen Brettern, damit sich unser Team den ersten Platz sicherte. Ich freute mich zwar für unser Team, aber es gefiel mir nicht, dass ich gezwungen wurde, ein Remis zu machen. Deshalb begann meine Partie dann so:

Ich erzielte dann sogar eine spielbare Stellung, was aber völlig egal war, denn es war ja abgesprochen, dass wir uns um den 15. Zug herum auf ein Remis einigen würden. Als ich dann aber diese Partie entdeckte, war meine Überraschung umso größer:
Hat GM Zherebukh hier vielleicht auch gegen irgendetwas protestiert?

4. Bizarre Kunstwerke

In diesem Fall ist das Ziel einer Eröffnung, eine Stellung zu erzeugen, die einem Kunstwerk gleicht. Das kann zu einer seltsamen Symmetrie führen, wie in dieser Partie:

Oder zu seltsamen geometrischen Gebilden:

5. "Ich bin Magnus Carlsen!"

Da ich diesen Artikel mit einer Partie des Weltmeisters begonnen habe, will ich den Artikel auch mit einer Partie von Magnus Carlsen beenden. 

Warum hat er das gemacht? Über den Grund dafür habe ich schon in einem meiner letzten Artikel spekuliert. An das Video werdet Ihr Euch sicherlich noch erinnern:

Ich hoffe wirklich, dass Ihr keine dieser Eröffnungen spielt. Und wenn doch, dann schreibt den Grund dafür bitte ins Kommentarfeld!

Mehr von GM Gserper
Der "Ave-Maria Zug" im Schach

Der "Ave-Maria Zug" im Schach

Jeder-gegen-jeden Turniere sind Tod!

Jeder-gegen-jeden Turniere sind Tod!