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Wie finde ich den besten Zug?

Wie finde ich den besten Zug?

Gserper
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69 | Mittelspiel

GM Alexander Kotov ist eine der am meisten unterschätzten Spieler der Schachgeschichte. Wenn Ihr die Spieler in Eurem Verein fragt, was sie über Kotov wissen, dann werden sie sich bestenfalls an seine berühmteste Partie gegen GM Averbakh erinnern.

Ich persönlich finde ja nicht, dass das eine so tolle Partie war. Weiß hat im Mittelspiel in einer strategisch schwierigen Stellung einen Fehler begangen und danach war die Kombination für Schwarz offensichtlich und recht einfach zu finden. Der Ruhm dieser Partie geht eindeutig auf das berühmte Buch zurück, das David Bronstein über dieses Turnier geschrieben hat.

Wenn Ihr Euch selbst den Gefallen tut und Euch ein Buch mit ausgewählten Partien von Kotov besorgt, werdet Ihr dutzende wirklich großartiger Partien dieses talentierten Spielers sehen.

Während es in der Geschichte unseres Spiels viele Spieler gab, die ähnliche oder sogar bessere Ergebnisse erzielten, ist es schwierig, jemanden zu finden, der mit Kotovs Einfluss auf die Popularität des Schachs konkurrieren könnte. Dank Alexander Kotovs wöchentlicher TV-Schachschule haben sich Millionen russischer Kinder für Schach begeistert. Sogar Menschen, die überhaupt kein Schach spielten, genossen Kotovs Buch White And Black sowie den Film The White Snow Of Russia, der auf dem Buch basiert.

Kotov war ein produktiver Schriftsteller und viele seiner Bücher wurden zu Bestsellern. So war zum Beispiel sein zweibändiges Buch über Aljechin trotz einer Auflage von 100.000 Exemplaren fast sofort vergriffen. Wie ich Euch ja schon in diesem Artikel erzählt habe, war es in der Sowjetunion unglaublich schwierig, ein gutes Schachbuch zu bekommen.

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GM Alexander Kotov, 1967. Foto: Jack de Nijs/Dutch National Archive, CC.

Ich selbst habe immer einen kleinen Trick benutzt, um Kotovs Bücher zu bekommen. Überall in der Sowjetunion gab es eine Buchhandelskette namens "Friendship". Diese Geschäfte verkauften Bücher, die in den Ländern des Ostblocks gedruckt wurden. Dort fand ich eine Reihe von Büchern, die von sowjetischen Großmeistern geschrieben, aber in der DDR gedruckt worden waren. Da ich kein Deutsch spreche, war es zunächst eine ziemliche Herausforderung, aber schon bald lernte ich die deutsche Schachnotation sowie einige grundlegende Sätze wie "Schwarz gewinnt". Es klingt vielleicht lustig, aber zu einem gewissen Zeitpunkte, hatte ich mehr Bücher auf Deutsch als auf Russisch in meinem Besitz!

Ihr fragt Euch jetzt wahrscheinlich, warum eine so außergewöhnliche Person wie Kotov kein bekannter Name ist. Zunächst einmal war er vor 40-50 Jahren durchaus bekannt, aber sein Ruhm verblasste im Laufe der Jahre und er geriet in Vergessenheit. Das könnte aufgrund der anhaltenden Gerüchte über seine Zusammenarbeit mit dem KGB geschehen sein. Ein Indiz dafür ist, dass die Bücher, die er über Aljechin schrieb, ein Teil der riesigen sowjetischen Propagandamaschine waren. Um zu beweisen, dass Aljechin kein Nazi war und die berüchtigten Artikel für die Pariser Zeitung nie geschrieben hatte, musste Kotov einige Tatsachen verbiegen.

Trotz der vielen Bäume sollten wir aber auch den Wald sehen: Die meisten Bücher von Alexander Kotov waren sehr lehrreich und für angehende Schachspieler äußerst nützlich.

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Kotov, 1967 beim IBM Turnier. Foto: Ben Merk/Dutch National Archives, CC.

Meiner persönlichen Meinung nach ist sein wichtigstes Buch The Mysteries Of Chess Player's Thinking, das 1970 veröffentlicht, ein Jahr später als Think Like A Grandmaster ins Englische und 1988 als Denke wie ein Großmeister ins Deutsche übersetzte wurde. In diesem bahnbrechenden Buch erklärt Kotov, wie Großmeister nach dem besten Zug suchen und wie sie ihre Entscheidungen treffen.

Viele Schachbegriffe, die wir heute regelmäßig verwenden, wie "Kandidatenzüge" oder "Variantenbaum", stammen aus diesem Buch und in Wikipedia findet man sogar das "Kotow Syndrom", das so erklärt wird:  "Eine Situation, in der ein Spieler lange angestrengt über mehrere Alternativen für seinen nächsten Zug nachdenkt, aber zu keiner klaren Entscheidung kommt. Sobald die Bedenkzeit knapp wird, spielt er spontan einen Zug, den er überhaupt nicht berechnet hat und der sich oft als schlecht erweist."

Sehen wir uns das "Kotow-Syndrom" etwas genauer an.

Kotov zeigt in seinem oben genannten Buch die folgende Stellung:

Er beschreibt die Gedanken des Meisters, der mit Weiß spielte, folgendermaßen:

"Mein Angriff auf dem Königsflügel sieht sehr bedrohlich aus [...] "Ich muss jetzt eine Figur opfern - aber welche?"

Kotov analysiert drei vielversprechend aussehende Opfer:

Kotov fährt fort: "Wie oft er von einer Variante zur anderen gesprungen ist, wie oft er über diese und jene Kombination nachgedacht hat, kann nur er selbst sagen. Aber jetzt schlichen sich Zeitprobleme ein und der Meister beschloss, einen sicheren Zug, der keine wirkliche Analyse erforderte zu spielen: 26. Lc3. Leider war dies fast der schlechteste Zug, den er hätte spielen können."

So schließt Kotov dieses Kapitel ab:

"Es war also falsch, auf 26. Sg4 zu verzichten:"

Als ich diese spannende Geschichte zum ersten Mal las, war ich sehr fasziniert. Trotzdem konnte ich als 11-jähriger Junge nicht verstehen, warum Weiß die Partie aufgegeben hatte. Ja, die Stellung nach 28 ...h4 sah für Weiß nicht besonders gut aus, aber es war definitiv keine Stellung, die ich aufgegeben hätte!

Viele Jahre später erfuhr ich, was in der Partie wirklich passiert ist. Erinnert Ihr Euch, dass ich erwähnt habe, dass Kotov es manchmal vorgezogen hat, einige Fakten zu verbiegen, um seinen Standpunkt zu verdeutlichen? Dies war auch hier der Fall. Und das "Verbiegen von Fakten" ist sogar eine Untertreibung. Es klingt für mich viel mehr wie ein alter russischer Witz:

Zwei Freunde telefonieren.

-- Hast Du schon gehört, dass Alexey Ivanov bei einem Pokerturnier eine Million Dollar gewonnen hat?

-- Zunächst einmal war es Nikolay Petrov und nicht Alexey Ivanov, und er spielte Backgammon und kein Poker, und es waren nur einhundert und keine Million, und es waren Rubel und keine Dollars, und schließlich hat er verloren und nicht gewonnen!

Sowohl in der russischen als auch in der englischen Ausgabe seines Buches lässt Kotov die Namen der Spieler bequem weg. Hier habe ich für Euch die eigentliche Partie:

Wie Ihr sehen könnt, hat Weiß überhaupt nicht die Züge gespielt, die Kotov gezeigt hatte. Und außerdem hat Weiß die Partie nicht verloren, denn sie endete mit einem Remis!

Und dann gab es noch einen sehr starken Kandidatenzug, den GM Kotov überhaupt nicht erwähnt hatte. Dieser Zug gewinnt die Partie sogar auf der Stelle! Ich habe diese Stellung meinen Schülern gezeigt und alle mit einem Rating von über 1800 haben den Gewinnzug problemlos gefunden! Findet Ihr ihn auch?

Trotz der offensichtlichen Nachteile wird Euch Kotovs Buch helfen, Euer Denken zu systematisieren. Wie er erklärt, müsst Ihr zuerst alle Kandidatenzüge finden und erst dann mit der Analyse der einzelnen Züge beginnen, um herauszufinden, welcher der beste ist. Es ist ironisch, dass Kotov in der oben gezeigten Stellung seinem eigenen Rat nicht gefolgt ist und den Kandidatenzug, der die Partie sofort gewonnen hätte, übersehen hat.

Ich hoffe aber trotzdem, dass ich es geschafft habe, Euren Appetit anzuregen und dass Ihr dieses ausgezeichnete Buch von GM Kotov lesen werdet.

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