Wie wird aus einem guten Spieler ein Meister?

Wie wird aus einem guten Spieler ein Meister?

Silman
IM Silman
08.12.2017, 00:00 |
29 | Andere

Chess.com Mitglied Animaul7 (sein echter Name ist Anthony Maulucci) schrieb:

Ich bin 16 Jahre alt und habe ein ziemlich gutes Rating, aber kann es einfach nicht verbessern. Meine Frage ist deshalb, was Jugendspieler wie ich machen können, um unsere Leidenschaft für Schach am Leben zu erhalten, wenn wir älter werden und wir uns dem Studium oder einem Beruf widmen müssen.

SILMAN: Deine Frage ist sehr persönlich. Ich habe schon Schüler mit einem Rating von 2000 bis 2200 gehabt, die das Schachspielen komplett aufgegeben haben, als sie ein Studium begannen. Nachdem sie dieses abgeschlossen hatten, fingen einige von ihnen wieder mit dem Schachspielen an - andere hingegen fanden nie mehr den Weg an die Schachbretter zurück. Und natürlich gibt es auch eine Menge Spieler, die mit dem Schachspielen nicht aufhören, sondern sogar in Universitätsmannschaften spielen.

Ich kenne auch viele Spieler, die zwar während ihres Studiums noch weiter Schach gespielt hatten, aber dann das Schach aufgrund beruflicher Verpflichtungen aufgaben und erst mit 50 oder 60 Jahren wieder begannen.

Ein Beispiel für einen extrem starken Spieler, der das Schach zugunsten einer Karriere aufgegeben hat, ist Tal Shaked (Jahrgang 1978), der 1997 sogar die Jungendweltmeisterschaft gewonnen hatte. Er war ein riesen Talent, wurde Großmeister, aber gab das Schach, abgesehen von einigen Blitzturnieren, nach dem FIDE Weltmeisterschaftsturnier 1999 auf.

Nach seinem Studium konzentrierte er sich auf seine Karriere als Software-Entwickler bei Google und beendete seine Romanze mit den 64 Feldern. Aber wer weiß? Vielleicht werden wir ihn, wie so viele andere vor ihm, irgendwann wieder bei einem Turnier treffen.

chess school teacher


Was die Aufrechterhaltung deiner Leidenschaft für Schach betrifft, kann ich dir nur sagen, dass es dir vielleicht gefallen wird, nur hin und wieder Schach zu spielen (online oder in einem richtigen Turnier), dass dich vielleicht irgendwann der Rappel packt (nachdem du rausgefunden hast, dass Schach doch das geilste Spiel der Welt ist) und du härter trainieren wirst als je zuvor, oder du dich vielleicht irgendwann mit Shogi beschäftigen wirst. Im worst-case wirst du dich sogar den Anhängern der Flache-Erde-Theorie anschließen. Genauso könntest du aber auch den Punkt erreichen, an dem du es sinnvoller findest, dich um deine Karriere und nicht mehr um kleine Holzfiguren zu kümmern.

Was ich damit sagen will ist, dass niemand in die Zukunft sehen kann und die Jugend deshalb so aufregend ist, weil noch alles unbekannt und alles möglich ist. Du könntest auch den Yeti entdecken, eine bis heute unbekannte Schildkrötenart, die dann nach dir benannt wird, oder die Anti-Schwerkraftmaschine erfinden. Es liegt alles in deinen Händen.  

Animaul7: “Wenn es dir nichts ausmacht würde ich dir gerne einige Partien zeigen, die ich vor kurzem gespielt habe. Ich habe das Gefühl, dass zu meine positionellen Ideen zu sehr verkompliziere und nicht einfach nach den Ideen der Eröffnung ausrichte."

SILMAN: Okay, sehen wir uns die 3 Partien an und versuchen herauszufinden, wo deine Schwächen liegen. Ich möchte aber zuerst noch darauf hinweisen, dass die meisten Spieler von einem FIDE Titel träumen und du schon einen großen Schritt in diese Richtung gemacht hast.

Warum hast du noch keinen Titel (2200)? Hoffentlich kommen wir mit diesen 3 Partien der Antwort einen Schritt näher.

Animaul7: “In der ersten Partie remisierte ich gegen einen Spieler der 300 Punkte mehr hatte. Ich glaube, ich habe gut gespielt, aber ich habe das Gefühl, dass ich im Endspiel genauer spielen und so das Remis mit viel weniger Aufwand erreichen hätte können.”

Animaul7: “In der zweiten Partie verlor ich ein Nimzo-Indisch, bei dem ich ich früher 12.e4 gespielt hatte, mich aber jetzt dagegen entschied. Ich dachte falscher weise, dass mein Gegner nicht e4 spielen könnte und ich deshalb mit diesem Zug noch warten könnte.”


SILMAN: Gehen wir die Züge der Reihe nach durch:

12.e4

12.fxe5

12.Se4



Wer ein Meister werden will, muss solche Bauernstrukturen von Grund auf verstehen (eigentlich sogar jede Bauernstruktur). Diese Partie hast du verloren, weil du sie nicht verstanden hast. Glücklicherweise war diese Niederlage aber sehr lehrreich für dich. Niederlagen sind ja oft die besten Lehrer.

Animaul7: “In der letzten Partie war ich besonders frustriert, denn ich habe solche Endspiele die auch dem Grünfeld entstehen, schon oft verloren. Ich weiß, dass die Grünfeld Endspiele ja oft vorteilhaft für Schwarz sind, aber nachdem ich die Damen getauscht hatte, dachte ich eigentlich, dass Weiß die Initiative haben würde.”

Was sind also deine Schwächen? Sie sind recht offensichtlich (und sehr typisch für Spieler mit einer ELO von unter 2200):

  1. Du verstehst die Bauernstrukturen nicht. Wenn du die Bauernstrukturen deiner Gegner verstehst, wirst du sofort wissen, wohin deine Figuren ziehen müssen und was der richtige Plan ist. Um dich zu verbessern, musst du all diese Strukturen gründlich studieren.
  2. Zweitbeste Züge. Ein zweitbester Zug ist ein Zug, der zwar ok ist, aber die dir gebotenen Möglichkeiten nicht ausschöpft. Jeder macht zweitbeste Züge (auch Großmeister), aber IM´s und GM´s machen diese seltener. Einfach gesagt, ist jeder Zug wichtig. Also suche immer nach dem besten. In allen 3 Partien ist dir dies nicht gelungen. Wenn du es vermeidest zweitbeste Züge zu machen und die Bauernstrukturen besser verstehst, wirst du schon bald eine ELO von über 2200 haben.

Mehr von IM Silman
Frank Marshall, Teil 4: St. Petersburg 1914 und die Schachgötter

Frank Marshall, Teil 4: St. Petersburg 1914 und die Schachgötter

Frank Marshall, Teil 3: Capablanca betritt die Bühne

Frank Marshall, Teil 3: Capablanca betritt die Bühne