News
News
Tata Steel Runde 5: Carlsen verliert zum ersten Mal seit 8 Jahren zwei Partien in Folge
Abdusattorov und Carlsen spielten ihre erste klassische Partie. Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess Tournament 2023.

Tata Steel Runde 5: Carlsen verliert zum ersten Mal seit 8 Jahren zwei Partien in Folge

NM_Vanessa
| 0 | Berichterstattung von einem Schach-Event

In der fünften Runde des Tata Steel Turniers kam es zum allerersten Duell mit klassischer Bedenkzeit zwischen dem 18-jährigen Nodirbek Abdusattorov und Magnus Carlsen und es endete mit einer faustdicken Überraschung, denn das Supertalent aus Usbekistan konnte mit den schwarzen Figuren gewinnen. Es war das erste Mal seit 8 Jahren, dass Carlsen zwei Partien in Folge verlor. Durch diesen Sieg hat Abdusattorov auch die Tabellenführung übernommen.

Ein paar Bretter weiter erspielte sich Vincent Keymer mit Schwarz gegen Levon Aronian ebenfalls eine sehr komfortable Stellung und hätte eigentlich ein relativ sicheres Remis in der Tasche gehabt. Als er auf mehr drückte, ging der Schuss nach hinten los. Vincent geriet in die Defensive und wurde schließlich ein Opfer der grandiosen Technik des Amerikaners.

So könnt Ihr zusehen:
Wir übertragen alle 13 Runden des Turniers live und in voller Länge auf Chess.com/TV. Die Übertragung mit Kommentaren von IM Steve Berger findet Ihr aber auch auf Twitch und unserem deutschen YouTube-Kanal. Die englischsprachige Übertragung könnt Ihr Euch auf YouTube.com/ChesscomLive ansehen und alle Partien findet Ihr wie immer auf unserer Event-Seite.

Hier ist die Aufzeichnung der Übertragung der 5. Runde:

Die fünfte Runde war aus mehreren Gründen einzigartig. Zum einen hatten die Spieler einen Ruhetag hinter sich, an dem sich einige in der Johan Cruijff Arena in Amsterdam in einer völlig anderen Sportart versucht hatten.

Und zweitens wurde die fünfte Runde auch nicht in Wijk aan Zee, sondern in eben diesem Fußballstadion gespielt.

Die Spieler am neuen Spielort. Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess Tournament 2023.

Wenn es das Ziel war, die Spieler mit einem neuen Umfeld zu inspirieren, dann ist dieses Experiment sicherlich gelungen. Jeder einzelne Spieler war in dieser Runde bereit für einen Kampf.

Im rein amerikanischen Duell zwischen Fabiano Caruana und Wesley So entschied sich der Tata Steel Champion von 2020 für die riskante schottische Eröffnung und Kommentator Daniel Naroditsky war davon begeistert: "Ich liebe es, wenn Spieler etwas zurückbringen, das aus der Mode gekommen ist, weil man sich immer fragt, welchen Trumpf sie dabei aus der Tasche ziehen werden."

Passend zu dieser aggressiven Eröffnung rochierten die Spieler auf gegenüberliegende Seiten und Caruana riss die h-Linie auf, um seine Schwerfiguren auf den schwarzen König zu richten. Im weiteren Verlauf der Partie sagte Naroditsky: "Einfach furchteinflößende Vorbereitung von Fabiano Caruana."

Just terrifying preparation by Fabiano Caruana.

-Daniel Naroditsky

So verteidigte sich jedoch mit seiner gewohnt hohen Aufmerksamkeit und lenkte seinen weißfeldrigen Läufer scharfsinnig auf die c8-h3 Diagonale um, um Caruanas Dame davon abzuhalten, sich dem Turm auf der h-Linie anzuschließen. Nachdem es So gelungen war einen Damentausch erzwingen, war die Partie beruhigt und nach 41. Zügen einigten sich die beiden auf ein Remis.

Eine alte Rivalität in einer neuen Umgebung. Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess Tournament 2023.

Die Partie Arjun Erigaisi gegen Ding Liren war ein wahres Feuerwerk aus Angriffsspiel und einfallsreicher Verteidigung beider Spieler. In einer italienischen Partie verjagte Ding den weißen Läufer auf g5, indem er seine Bauern am Königsflügel aggressiv mit g5, g4 und h5 nach vorne zog. Erigaisi, der noch in seiner Eröffnungsvorbereitung war, reagierte, indem er einen Zentrumsbauern auf d4 opferte und Kommentatorin Jovanka Houska sagte dazu: "Weißt du, was mir am meisten Angst macht? Arjun hat mehr Zeit auf der Uhr, als er zu Beginn hatte. Wenn dein Gegner einen Zug wie 14.Tb1 spielt, weißt du, dass er sich in einer vorbereiteten Variante befindet."

Ding konterte mit seinem charakteristischen Angriffsstil und ließ seinen g4-Bauern ungedeckt, um sich auf seinen Gegenangriff mit 19...d5 zu konzentrieren. Dieser explosive Zug öffnete Dings Figuren Linien und plötzlich starrte sein Läufer auf die a7-g1 Diagonale und übte zusammen mit dem Turm auf f8 Druck auf Erigaisis f2-Bauern aus.

Einige vorsichtige Züge von Erigaisi ermöglichten Ding das Ta5-f5-Manöver, wonach auch seine letzte Figur aktiv war und auf den Königsflügel seines 19-jährigen Gegners zielte. Ding zielte mit allen fünf Figuren auf den weißen Königsflügel und nutzte die Angriffschancen seines 19-jährigen Gegners. Naroditsky sagte dazu: "Ding ist einfach ein Biest – die Art und Weise, wie er Vorbereitung und Initiative überlebt, ist einfach unglaublich."

In den letzten Minuten vor der Zeitkontrolle entfesselte Ding einen unglaublichen Angriff auf den schwarzen König, doch Erigaisi konterte trotz seiner Zeitnot mit ebenso unglaublich kreativen Defensivideen. Am Ende hatte sich jeder der beiden Spieler den halben Punkt redlich verdient.

Die Partie Maghsoodloo gegen Van Foreest begann mit explosivem Spiel im Zentrum im angenommenen Damengambit, wobei der niederländische Großmeister sowohl seinen e5- als auch seinen c5-Bauern in das weiße Zentrum warf. Maghsoodloo konterte, indem er beide Bauern akzeptierte und dann seinen Springer opferte, um einen starken Freibauern zu schaffen. Naroditsky fand wie immer treffende Worte dafür: "Ein blutrünstiges Opfer von Parham".

Nachdem Van Foreest den Springer zurückgegeben hatte, schien sich die Partie zu beruhigen, aber Maghsoodloo steuerte die Partie mit einem erneuten Bauernopfer zurück in abenteuerliche Gewässer und wurde für seinen Mut mit einem ganzen Punkt belohnt.

Die Partie Carlsen gegen Abdusattorov ist ein Paradebeispiel für ein generationenübergreifendes Duell: Abdusattorov wurde 2004 geboren und genau in diesem Jahr gab Carlsen sein Debüt bei den Tata Steel Masters. Bei der Schnellschach-Weltmeisterschaft entwickelte sich sogar schon eine Rivalität zwischen den beiden: Im Dezember besiegte Carlsen besiegte den Usbeken und gewann später den Titel und revanchierte sich damit für die Niederlage, die ihm Abdusattorov ein Jahr zuvor auf seinem eigenen Weg zum Titelgewinn beigebracht hatte.

In einem symmetrischen Englisch erklärte Houska: "In einer ruhigen Bauernstruktur wird die Energie auf die Figuren übertragen". Carlsen schien ihr zugehört zu haben und opferte eine Qualität, damit sein Läufer die a3-f8 Diagonale durchschneiden und seinen Gegner an der kurzen Rochade hindern konnte. Abdusattorov zeigte sich davon unbeeindruckt, nahm das Material einfach an und rochierte auf den Damenflügel. Dann schaltete der Weltmeister aber einen Gang hoch und gewann einen Bauern am Königsflügel.

Danach entriss ihm Abdusattorov aber mit einem furchtlosen dynamischen Zug nach dem anderen die Initiative und schließlich tauschte der usbekische Großmeister in ein Damenendspiel mit Mehrbauern und verwandelte seinen Vorteil gegen den Spieler mit der höchsten Elo der Schachgeschichte souverän.

Das ist natürlich auch unsere Partie des Tages und Großmeister Rafael Leitao hat sie für uns analysiert.

GM Rafael Leitao GotD

In seinem Interview nach der Partie teilte Abdusattorov seine Gedanken über Carlsens Qualitätsopfer mit: "Ich bewertete dieses ganze Qualitätsopfer als zweifelhaft, weil es so aussah, als würde ich nur eine kostenlose Qualität bekommen. Und nachdem er auf g7 geschlagen hatte, bekam ich einen sehr starken Turm auf g8. Ich glaube, er hat die lange Rochade falsch eingeschätzt."

Der französische Spitzenspieler Maxime Vachier-Lagrave meldete sich noch während der Partie auf Twitter und erklärte, dass Damenendspiele für menschliche Spieler unergründliche Feinheiten beinhalten:

Wohin führt die Reise von Abdusattorov? Foto: Jurriaan Hoefsmit/Tata Steel Chess Tournament 2023.

Richard Rapport schaffte es, alle Probleme zu lösen, vor die ihn Gukesh D. in der Grünfeld-Verteidigung stellte und erreichte ein ausgeglichenes Endspiel, das im 47. Zug mit einem Remis endete.

Mit Praggnanandhaa R. und Anish Giri spielten die beiden großen Sieger der letzten Runde gegeneinander und schon bald hatten die beiden ein Doppelturm-Endspiel erreicht, in dem Giri die f-Linie kontrollierte und Praggnanandhaa Druck auf Giris Damenflügel ausübte. Die Stellung blieb aber ausgeglichen und nach einigen weiteren Abtäusche endete auch diese Partie nach 47. Zügen mit einem Remis

Am längsten dauerte die Partie Levon Aronian gegen Vincent Keymer und leider musste sich Vincent nach 79 Zügen geschlagen geben. IM Adrian Petrisor erklärt uns die lehrreichsten Momente dieser Partie:

Im Challenger-Turnier besiegte Yilmaz in der fünften Runde, die allerdings schon am Mittwoch gespielt wurde, Amin Tabatabaei mit den schwarzen Steinen und holte sich dadurch seinen vierten Punkt. Javokhir Sindarov verwandelte ein langes Turmendspiel gegen Jergus Pechac und Thomas Beerdsen konnte gegen Eline Roebers, der in einer so gut wie gewonnenen Stellung ein herzzerreißender Fehler unterlief, den vollen Punkt einfahren. Alex Donchenko konnte sich durch ein Remis in der Spitzengruppe halten.

Ergebnisse - Masters - Runde 5

Die Tabelle nach 5 von 13 Runden


Die Paarungen der sechsten Runde


Alle Partien der 5. Runde (Masters)


Weitere Berichte aus Wijk aan Zee

Mehr von NM NM_Vanessa
Neue ChessMom-Initiative unterstützt Wettbewerberinnen mit Kindern

Neue ChessMom-Initiative unterstützt Wettbewerberinnen mit Kindern

Schachroman gewinnt Goodreads-Preise

Schachroman gewinnt Goodreads-Preise