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Das tückische Gegenschach

Das tückische Gegenschach

Gserper
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61 | Taktiken

Es ist kein großes Geheimnis, dass es die meisten unerfahrenen Schachspieler lieben, dem Gegner ein Schach zu geben. Ich denke, das gibt ihnen das Gefühl, mächtig zu sein. Deshalb hat auch Bobby Fischer einst gesagt: "Patzer sieht ein Schach - Patzer gibt ein Schach." Ich werde jetzt hier aber nicht auf die offensichtliche Tatsache eingehen, dass ein Schach, genau wie jeder andere Zug, gut, schlecht oder furchtbar sein kann.

Das Ziel dieses Artikels ist es, Spieler vor dem trügerischen Gefühl, die Kontrolle zu haben, weil sie dem König ihres Gegners ein Schach geben, zu warnen. Es gibt nämlich eine ungewöhnliche, aber sehr tückische Abwehr, die einen völlig überrumpeln und eine Partie sofort entscheiden kann. Ich spreche von einem Konter- oder Gegenschach

"Ein Konter was?" werden sich manche jetzt fragen. Ja, überraschenderweise sind sich viele Spieler dieser Möglichkeit gar nicht bewusst. Vor einiger Zeit gab es in unseren Foren sogar eine Diskussion, ob es überhaupt legal ist, dem Gegner ein Schach zu geben, wenn der eigene König im Schach steht.

Um die Frage gleich zu beantworten: Ja, Gegenschachs sind absolut legal. Man sollte es nur nicht wie Ernesto Inarkiev machen:

Hier spielte der Europameister von 2016 den Zug 27...Se3+!! Streng genommen sollte dieser Zug kein doppeltes Ausrufezeichen oder irgendein Zeichen bekommen, da er natürlich absolut illegal ist. Aber bedenkt: Wenn man mit einem Zug den Weltmeister in einer verlorenen Stellung schlagen kann, verdient er dann nicht ein "!!" in der Notation? Ja, Inarkiev war ungefähr eine Stunde lang der stolze Gewinner dieser Partie (die ganze Geschichte könnt Ihr hier nachlesen).

Jetzt will ich Euch aber legale Gegenschachs zeigen. Die folgende Stellung wurde von G. Ponzetto komponiert und ist sicher ein Weltrekord, denn beide Seiten geben sich nicht weniger als 37 Gegenschachs in Folge!! Und das verdient jetzt wirklich 2 Ausrufezeichen.

Diese Stellung ist aber nur eine lustige Demonstration, wie man ganz legale Gegenschachs geben kann. Mit echtem Schach hat sie nur sehr wenig zu tun.

Das nächste Beispiel zeigt jedoch, dass ein Gegenschach eine tödliche Waffe sein kann.

Ich möchte aber nicht, dass Ihr jetzt den Eindruck bekommt, dass Gegenschachs nur in komponierten Stellungen möglich sind. Die folgende Partie wurde von zwei sehr starken Großmeistern gespielt:

Die älteren Leser erinnern sich vielleicht an eine Kontroverse, die 1995 stattfand. Batsford Ltd. beschloss, eine algebraische Ausgabe von Fischers ikonischem Buch My 60 Memorable Games zu veröffentlichen. Aus irgendeinem mysteriösen Grund beschloss der Herausgeber, Fischers Anmerkungen zu bearbeiten. Fischer war wütend, und das zu Recht. Ich bin kein Experte und kann nicht beurteilen, ob es legal ist, die Worte eines Autors ohne seine Zustimmung zu ändern, aber die traditionelle Praxis der redaktionellen Fußnoten ist auf jeden Fall die bessere Lösung.

Urteilt selbst. Hier ist eine Stellung aus Partie 35 gegen GM Julio Bolbochan:

Wie Ihr seht, zeigt Fischer in seiner Anmerkung eine Variante, die zu einer vollständigen Gewinnstellung für Weiß führt. Batsford beschloss, Fischers ursprüngliche Analyse zu "verbessern", und so sah sie dann aus:

Ich bin mir sicher, dass Euch der Fehler in der bearbeiteten Version von Fischers Analyse sofort aufgefallen ist. Fischer behauptete, dass alle Änderungen des Buches absichtlich vorgenommen wurden, um ihn wie einen Narren aussehen zu lassen. Nun, man kann Fischer viele Dinge vorwerfen, aber niemand, der bei Verstand ist, würde ihn einen Narren nennen, der nicht Schach spielen kann. Tatsächlich hat Fischer in einer seiner Partien eine Idee verwendet, die den Herausgebern seines Buches entgangen ist:

Jetzt zeige ich Euch ein kleines Mysterium:

Nehmen wir an, Ihr findet diese Partie zufällig in einer Datenbank. Könntet Ihr Euch dann die letzten beiden selbstmörderischen Züge von Weiß erklären? Ich denke, wenn man nicht weiß, was tatsächlich passiert ist, ist das absolut unmöglich. Glücklicherweise war aber einer der Spieler mein Schüler und deshalb kenne die ganze Geschichte:

Streng genommen ist dies kein Beispiel für ein Gegenschach, aber die Idee ist derjenigen, die der Herausgeber von Fischers Buch übersehen hat, sehr ähnlich. Und genau wie in diesem Fall macht ein verpasstes Schach des Gegners aus einer komplett gewonnene Stellung eine Niederlage!

Die Moral der Geschichte ist ganz einfach. Wenn Ihr eine Kombination ausführt und dem König des Gegners ein Schach gebt, fühlt Ihr Euch vielleicht wie Jack Dawson, der schreit: "Ich bin der König der Welt!"

Bleibt aber immer wachsam, denn es könnte ja ein Eisberg (ein Gegenschach) in der Nähe sein!

Habt Ihr schon einmal eine Partie mit einem Gegenschach gewonnen? Dann zeigt die Partie doch in den Kommentaren.

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