Die Wahrnehmung von Möglichkeiten auf dem Schachbrett

Die Wahrnehmung von Möglichkeiten auf dem Schachbrett

IM Silman
15.09.2017, 00:00 |
33 | Andere

Ein professioneller Schachspieler kennt seine Eröffnungen in- und auswendig. Er weiß auf welchen Feldern er seine Figuren platzieren muss, kennt die entstehenden Bauerstrukturen und er weiß wann er eine langsame positionelle Entwicklung und wann er eine taktische Schlacht bevorzugen sollte.

Natürlich senkt sich nach einem Fehler des Gegners oder aus einer Veränderung der dynamik fast immer Thors Hammer über das Brett.

Im Mittelspiel ist es dann das selbe: Erst rudert man noch gemütlich im Sonnenschein ein romantisches Bächlein hinunter und auf einmal bricht ein Hagelgewitter los! Das ist die Realität im Turnierschach: Eine Taktik kann aus jeder noch so langweiligen Partie plötzlich das Brett in ein blutüberstöhmtes Schlachtfeld verwandeln.

Wie bemerkt man aber dieses Wechsel rechtzeitig? Und wie kann man diese Chancen nutzen, wenn man nicht danach sucht?

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Für die meisten Amateure ist dies ein großes Problem. In dieser Serie stell ich deshalb Aufgaben vor, die diese Situationen thematisierten, und es ist Eure Aufgabe herauszufinden, wie man in den Stellungen fortfahren sollte. Ob man ruhig und positionell weiterspielen, oder die Kreissäge auspacken sollte.

PUZZLE 1

Schwarz hat gerade ...f7-f6 gezogen und greift damit den weißen Springer auf e5 an. Er kann auf g4 oder f3 springen. Welches Feld ist das beste?

PUZZLE 2

Stellungen dieser Art sieht man sehr oft. Weiß hat 3 Züge zur Auswahl: 14.Sxe4 tauscht einige Figuren, 14.Tb1 weil der b-Bauer irgendwann angegriffen werden könnte und der aggressive Zug 14.g4.

Was würdest Du ziehen und warum?

PUZZLE 3

Weiß hat 2 logische Züge: 6.cxd5, 6.h3 und 6.Lf4. Ja, ich habe hier 3 Züge gegeben. Welcher ist nicht logisch?

PUZZLE 4

Weiß greift die schwarze Dame an. Wie würdest Du darauf reagieren?

PUZZLE 5

Weiß hat gerade 12.Ta3 gespielt und will seine Türme verdoppeln um a7 anzugreifen. War das ein guter Zug, oder hätte Weiß wichtigere Sachen zu tun?

LÖSUNGEN

 PUZZLE 1

Schwarz hat gerade ...f7-f6 gezogen und greift damit den weißen Springer auf e5 an. Er kann auf g4 oder f3 springen. Welches Feld ist das bessere?

Die Wahrheit ist, dass sich Weiß mit Sf3 oder Sg4 dem schwarzen Diktat beugt. Schwarz hat ja praktisch gesagt: "Ich greife deinen Springer an, also zieh ihn weg!" und Weiß antwortet mit: "Ja ja, ich bin ja nicht blind!"

Dies beobachte ich immer wieder! Amateuere sind oft wie hypnotiesiert von dem Gedanken "Er schägt - Ich schlage zurück". In vielen Fällen muss man aber nicht zurückschlagen.

Hier hat Weiß sogar zwei Gewinnzüge:


NOCHMAL

Ich habe gefragt, “Welches ist das beste Feld für den Springer?”

Einer sagte mir jetzt, “Puzzle 1 hat mich verwirrt.” Ein anderer sagte, “Die richtige Frage wäre: Was ist der beste Zug für Weiß?"

Die haben aber einen Punkt übersehen. In einer Schachpartie sehen die meisten nur, dass ihre Dame angegriffen ist, und denken sofort: "Ich muss meine Dame retten!". Wenn man sich die Stellung aber genauer ansieht, merkt man, dass man die Dame garnicht ziehen muss, und dass es sogar ein Fehler wäre, die Dame zu ziehen.

Meine Frage, wohin der Springer ziehen sollte, war der erste Gedanke. Aber man sollte NIEMALS seinem ersten Gedanken blind vertrauen.

Kurz gesagt: Niemand wird dir während einer Partie sagen was Richtig und was Falsch ist. Oft ist der offensichtlichste Zug der beste, aber oft auch nicht. Eine Garantie gibt es nicht dafür.

PUZZLE 2

Stellungen dieser Art sieht man sehr oft. Weiß hat 3 Züge zur Auswahl: 14.Sxe4 tauscht einige Figuren, 14.Tb1 weil der b-Bauer irgendwann angegriffen werden könnte und der aggressive Zug 14.g4.

Was würdest Du ziehen und warum?


Zusammengefasst ist 14.Tb1 einfach zu Passiv. Mit solchen Zügen kann man keine Partien gewinnen. 14.Sxe4 ist am besten. 14.g4 ist ein Pseudo Angriff, der aufgrund verschiedener Taktiken nicht funktionieren kann. Zum einen ist der b-Bauer nicht gedeckt, was aber nicht so schlimm wäre, wenn Weiß nicht noch ein zweites Problem hätte. Das ist die Röntgentaktik auf der g1-a7 Diagonale. Wenn Schwarz auf 14.g4 mit 14...Db6 antwortet, dann kann man sagen, dass Schwarz die Möglichkeiten gesehen, und die Gelegenheit beim Schopf gepackt hat.

PUZZLE 3

Weiß hat 2 logische Züge: 6.cxd5, 6.h3 und 6.Lf4. Ja, ich habe hier 3 Züge gegeben. Welcher ist nicht logisch?

Die Lösung ist 6.h3. Jeder Zug ist wichtig, und man sollte sich versichern, dass auch jeder Zug notwendig ist. Kann irgendjemand erklären, warum 6.h3 der beste Zug sein soll? Bringt der Zug irgendwas? Ja, ok. Er verhindert ...Lg4 oder ...Sg4, aber muss man davor Angst haben? Sicher nicht!

Man wird nie verhindern können, dass ein Gegner Züge macht, und wenn man es versucht, wird man sich in einer absolut passiven Stellung wiederfinden. Der Zug 6.h3 ist viel zu ängstlich. Anstatt einen Plan zu finden und diesen zu verfolgen zittert Weiß hier vor Angst und das Resulat sind Züge wie 6.h3.

Dass 6.h3 keinem Plan dient ist somit klar, aber sehen wir uns die beiden anderen Züge an:



Wem 6.cxd5 nicht gefällt, der kann auch so weiterspielen:

PUZZLE 4

Weiß greift die schwarze Dame an. Wie würdest Du darauf reagieren?

Anfänger lernen immer dass Läufer und Springer jeweils 3 Punkte wert sind und ein Turm einen Wert von 5 Punkten hat. Für Anfänger ist diese Regel auch wirklich gut. Je mehr Meisterpartien man sich jedoch ansieht, desto mehr Qualitätsopfer sieht man (*Qualitätsopfer = Ein Turm tauscht sich gegen einen feindlichen Springer oder Läufer). 

Eigentlich sind diese so häufig, dass man sich fragen könnte, ob die 3 und 5 Punkte Regel überhaupt stimmt.

Natürlich ist aber ein Turm stärker als ein Läufer oder ein Springer, außer wenn noch andere Komponenten ins Spiel kommen. Wenn man zum Beispiel einen Turm für einen sehr starken Springer opfert und dabei noch einen Bauern gewinnt, ist man rechnerisch mit nur einem kleinen Bauern im Rückstand. Und wenn man noch dazu einen Angriff bekommt, dann muss man eigentlich gar nicht lange über das Opfer nachdenken.

Und wenn ihr das gelesen habt, dass seit ihr der Lösung sicher schon sehr nahe gekommen:

PUZZLE 5

Weiß hat gerade 12.Ta3 gespielt und will seine Türme verdoppeln um a7 anzugreifen. War das ein guter Zug, oder hätte Weiß wichtigere Sachen zu tun?

Weiß hat einen Vorteil, aber 12.Ta3 ist etwas schwerfällig und erlaubt Schwarz ein Gegenspiel im Zentrum (erinnert Euch an die Regel: "Die beste Reaktion auf einen Angriff auf einem Flügel ist ein Gegenspiel im Zentrum"). Wenn ihr die Möglichkeit habt im Zentrum zu spielen, dann nehmt diese Möglichkeit auch wahr, denn das Zentrum ist der wichtigste Bereich des Schachbretts.

Trotzdem hat Weiß einen Vorteil nach:



Ihr denkt jetzt vielleicht: "Warum ist 12.Ta3 schwerfällig, wenn es doch zu einem Vorteil für Weiß führt?" Tja..... weil Weiß im Zentrum mehr erreichen hätte können:

In dieser Partie war beiden Spielern klar, welche Bedeutung die offene a-Linie und der Druck auf den a7 Bauern hat. Trotzdem hat Weiß nicht verstanden, dass der Wind im Zentrum weht. Ein Grund dafür war, dass sich Weiß nicht gefragt hat: "Was will Schwarz erreichen?". Und wenn man die Pläne seines Gegners nicht kennt, dann ist man eine wandelnde Zielscheibe.

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