Chess.com stellt vor: Großmeister Noël Studer

Chess.com stellt vor: Großmeister Noël Studer‎

Merlin2017
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GM Noël Studer ist der jüngste Schweizer Schachgroßmeister der Geschichte und hat sein Heimatland unter anderem bei der letzten Schacholympiade in Batumi ganz hervoragend vertreten.

Chess.com hat den sympathischen Berner beim Dolomitenbank Open in Lienz getroffen und sich mit ihm unterhalten.

Chess.com: Servus Noël. Wie bist Du denn zum Schach gekommen?

Noël: Mein Vater hat es mir gelernt als ich im Kindergartenalter war und so mit 10 oder 11 Jahren habe ich meine ersten Erfolge gefeiert.

Chess.com: Und heute bist Du Großmeister. Was fasziniert Dich denn am Schach am meisten?

Noël: Schach ist für mich vor allem ein Kampf gegen mich selbst. Es ist in jeder Partie eine Herausforderung zu sehen, wie lange ich mich konzentrieren und wie tief ich Varianten berechnen kann. Natürlich will ich jede Partie gewinnen, aber der Kampf gegen mich selbst fasziniert mich am meisten. Außerdem ist Schach eine großartige Schule fürs Leben.

Chess.com: Wie das?

Noël: Zum Beispiel, wenn man eine Variante berechnet. Da erreicht man oft einen Punkt, wo man einsehen muss, dass die Variante einfach nicht funktioniert und man einen anderen Weg suchen muss.

Chess.com: Wieviele Partien spielst Du denn im Jahr?

Noël: Ich spiele so 6-7 Turniere im Jahr und dann noch Ligaspiele. Insgesamt komme ich so auf 60-90 Turnierpartien.

Chess.com: Hast Du ein Lieblingsturnier?

Noël: Ich bin schon zweimal zum Großmeisterturnier beim Bieler Schachfestival eingeladen worden und hoffe, dass ich dort noch öfters eingeladen werde.

Chess.com: Analysierst Du auch jede Partie, die Du spielst?

Noël: Ja klar. Unmittelbar nach der Partie nehme ich mir immer 15 Minuten Zeit und mache mir einige Notizen. Zum Beispiel warum ich mich für diesen oder jenen Zug entschieden habe oder vor was ich in einer bestimmten Stellung Angst hatte. Wenn ich dann Zuhause bin, analysiere ich sie gründlicher und kann mich aufgrund der Notizen auch an die eine oder andere Kleinigkeit erinnern, an die ich mich sonst vielleicht nicht mehr erinnern könnte.

Chess.com: Und wie lange beschäftigst Du dich dann mit einer Partie?

Noël: Das kommt ganz auf die Partie an. So eine Partie wie heute, als ich nach 10 Zügen bereits besser gestanden bin, die sehe ich mir vielleicht 15 Minuten lang an. Aber zum Beispiel die Partien vom Bieler Schachfestival 2017, als ich nur 1 aus 9 geholt habe, obwohl ich einige Gewinnstellungen hatte, die habe ich mir schon 4-5 Stunden angesehen.

Sein Remis gegen Hou Yifan hat Noël ausführlich analysiert

Chess.com: Hast Du da einen Trainer oder machst Du das mit Computerunterstützung?

Noël: Weder noch. Einen Trainer habe ich nicht und eine Engine schalte ich allenfalls ein, um eine Variante zu überprüfen. Ich setz mich einfach ans Brett und suche in den kritischen Stellungen die Wahrheit.

Chess.com: Bei so vielen Turnieren hast Du doch bestimmt schon mal irgendein Kuriosum erlebt, oder?

Noël: Ja, klar. Es ist aber eher eine traurige Geschichte. Ich habe 2011 bei der Junioren EM in Bulgarien gespielt und hatte noch etwa 20 Minuten Bedenkzeit für 10 Züge, als die Uhr urplötzlich von 20 Minuten auf 9 Minuten sprang. Ich hielt die Uhr an und rief den Schiedsrichter herbei, der aber nur mäßiges Interesse zeigte und meinte, dass die Uhr schon stimmen würde. Mein Gegner saß einfach nur da und tat so, als ob er von nichts wissen würde. Ich schlug vor, dass man den Fehler doch mathematisch beweisen könnte. Wir wussten ja, wann die Partie gestartet wurde und wie viele Züge wir schon gespielt hatten und können somit ganz leicht ausrechnen, dass 10 Minuten einfach fehlen. Der Schiedsrichter wollte das nicht machen und ich versemmelte in Zeitnot meine Stellung.

Als wir dann aber den 40. Zug erreicht hatten, sprang meine Bedenkzeit von 2 Minuten auf 42 Minuten anstatt auf 32! Des Rätsels Lösung war also, dass das Display der Uhr beschädigt war und einfach die Zahl 1 nicht angezeigt hatte. Die Uhr war also korrekt von 20 auf 19 Minuten gesprungen, hatte aber die 1 nicht angezeigt und somit dachte ich, ich hätte nur noch 9 Minuten. Leider war die Stellung aber auch mit 42 Minuten Bedenkzeit nicht mehr zu retten und ich gab die Partie auf.

Das schlimmste war aber dann, dass genau dieser Schiedsrichter am nächsten Tag mitten in meiner nächsten Partie zu mir kam und sich mit den Worten "I am sorry, I was wrong" bei mir entschuldigen wollte. Und das hat mich dann so aufgeregt und aus der Fassung gebracht, dass ich diese Partie fast auch noch in den Sand gesetzt habe.

Wenn Schachuhren nicht richtig "ticken"...

Chess.com: Ist Schach Sport?

Noël: Ein ganz klares "Ja". Man bestreitet einen sportlichen Wettkampf im 1:1 gegen einen Gegner, bei dem es auch um die Physis geht und Ausdauer eine Rolle spielt. Ich bin auch in der Athletenkommission von Swiss Olympic, wo Sportler aus verschiedenen Sportarten um bessere Bedingungen für die Sportler kämpfen, und dort voll anerkannt.

Chess.com: Die wichtigste Frage zum Schluss! Wer ist deine Lieblingsmannschaft im Fußball?

Noël: Bayern München natürlich! Ich war schon als Kind Bayern Fan und als ich herausfand, dass Bayern auch eine Schachmannschaft hat, wollte ich unbedingt für den F.C. Bayern spielen. Ich bin froh, dass das geklappt hat und hoffe, dass ich noch viele Jahre - im liebsten für immer - für Bayern in der Bundesliga spielen kann.

Chess.com: Na dann bedanken wir uns für das tolle Interview.

Noël: Wir sehen uns

Wer Noël gerne einmal persönlich treffen, oder vielleicht sogar eine Partie gegen ihn spielen möchte, der hat dazu am 6. April 2019 eine Gelegenheit, denn dann steigt in seiner Heimatstadt Bern ein Schnellschachturnier: Die Noël Studer Trophy. Hier findet Ihr alle Infos über das Turnier.


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