Waren die Spieler im 18. Jahrhundert schlecht?

Waren die Spieler im 18. Jahrhundert schlecht?

IM Silman
23.11.2017, 00:00 |
228 | Andere

Chess.com Mitglied LittlePawn988 schrieb mir:

Ich hab da eine Frage. Ich höre immer wieder wie sich Spieler verschiedenen Spielstärken darüber diskutieren, wie stark die Meister der Vergangenheit waren. Ich denke, viele sind dabei wirklich arrogant und respektlos. Sogar schwächere Spieler behaupten, dass Spieler wie Steinitz, Zuckertort, Blackburne oder Chigorin eigentlich Patzer waren und eigentlich nicht besser als heutige Spieler mit einer ELO von 2000 gespielt hätten. Andere schreiben, dass ein heutiger IM Capablanca oder Alekhine locker besiegen würde und einige, dass Lasker nur Weltmeister war, weil er keine vernünftigen Gegner gehabt hätte. Morphy ist eigentlich der einzige Spieler, der nicht kritisiert wird.

Haben diese Leute etwa Recht mit ihren Behauptungen?

SILMAN:

Nowadays people on Twitter and other places that have reader comments think they know everything. People who have no understanding of science insist that the scientists are wrong, and some Twitter users (you know, all those mean-spirited people who hide with their fake names) recently attacked an American model who did a photoshoot in Japan, saying that her wearing a kimono was stealing Japanese culture (these critics didn't know that anyone and everyone is welcome to rent or buy a kimono in any Japanese city).

Heutzutage denken Leute auf Twitter und anderen Online-Plattformen mit Leserkommentaren, dass sie alles wissen. Menschen, die kein Verständnis für Wissenschaft haben, bestehen darauf, dass die Wissenschaftler falsch liegen, und einige Twitter-Nutzer, die sich hinter irgendwelchen Pseudonymen verstecken, haben kürzlich ein amerikanisches Model attackiert, das in Japan Fotos gemacht hat, weil das Tragen eines Kimonos die japanische Kultur stehlen würde. Diese Kritiker wussten nicht einmal, dass jedermann in einer japanischen Stadt einen Kimono mieten oder kaufen darf.

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Das Model Karlie Kloss im März 2017 im Vogue Magazin. Foto: Mikael Jansson via Google Images / Vogue.

Sprechen wir also über Schach, das unter demselben "Ich-weiß-alles-besser-Syndrom" leidet. Die Größen der Vergangenheit herabzustufen ist purer Egoismus oder einfach nur dumm. Ohne Gioachino Greco (1600-1634) wären viele taktische Motive erst hunderte Jahre später entdeckt worden. Greco war aber auch ein unglaublich guter Eröffnungstheoretiker und viele seiner Entdeckungen werden noch heute angewandt. Wenn jetzt jemand fragt, ob Greco aber auch ein guter Spieler war, kann ich antworten: "Ich habe Greco intensiv studiert und kann sagen, dass der den anderen Spielern seiner Zeit um hunderte Jahre voraus war. Seine taktischen Fähigkeiten waren auf einem 2400 Level und allgemein gesehen (also wenn man auch sein Positionsspiel und die Endspiele berücksichtigt) hätte er wohl mindestens eine ELO von 2250 gehabt. Wenn er jetzt noch jemanden gehabt hätte, der ihm gewachsen gewesen und ihn herausgefordert hätte, dann wäre er sicherlich ein IM oder GM gewesen.

Er hatte lange vor Francois Andre Danican Philidor (1726-1795) die Wichtigkeit der Bauernstrukturen verstanden. Philidor hatte meiner Meinung nach übrigends eine Stärke von maximal 1900. Dies ist zwar meine persönliche Einschätzung, mit der ich ziemlich alleine im Wald stehe, aber ich überzeuge mehr und mehr Freunde von der Richtigkeit meiner Einschätzung.

An old chess book.

Beschäftigen wir uns also mit anderen bekannten Spielern: Paul Morphy (1837-1884) hatte aufgrund seines positionellen Verständnisses und seiner unglaublichen taktischen Fähigkeiten sicher die Stärke eines heutigen Großmeisters. Joseph Henry Blackburne (1841-1924) war ein unglaubliches Talent und wäre heute sicherlich auch ein sehr starker IM, wenn nicht gar GM. Wilhelm Steinitz (1836-1900) — Sein Schach sieht altmodisch aus, aber wie würden wir wohl heute ohne die Lehren von Steinitz spielen? Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie es Steinitz wohl geschafft hatte, das Schach von den 1870ern bis 1894, als Lasker ihn entthronte, zu dominieren, wenn er doch so schwach war?

Emanuel Lasker (1868-1941) — Tal nannte ihn einst den größten Schachspieler aller Zeiten. Capablanca (1888-1942) wurde als unschlagbare Schachmaschine angesehen und Alexander Alekhine´s (1892-1946) taktische Fähigkeiten und Vorstellungskraft faszinieren Garry Kasparov noch heute.

Lasst mich noch einige weitere Legenden nennen: Zuckertort, Chigorin, Pillsbury, Bogoljubov, Reti, Tarrasch, Nimzowitsch und Rudolf Spielmann, der gegen Capablanca immerhin zweimal gewinnen konnte. All diese Spieler haben zum heutigen Schach viel beigetragen und würden einen modernen 2400 Spieler in Grund und Boden spielen.

Man darf eines nicht vergessen: Diese Spieler haben die Eröffnungen erfunden, die wir heute als Standard ansehen. Sie hatten einfach tierische taktische Fähigkeiten und die Endspielkünste von Capablanca, Akiba Rubinstein und Emanuel Lasker stehen den Endspielen der heutigen Supergroßmeister mit einer ELO von 2800 in nichts nach.

Außerdem hatte keiner dieser Spieler ganze Bibliotheken an Schachbüchern zur Verfügung. Es gab keine ChessBase, keine Datenbanken und keine Computer. Stellt Euch nur einmal vor, wie gut diese Spieler mit den heutigen Hilfsmitteln wären. Gebt ihnen ein oder zwei Jahre Zeit um die modernen Datenbanken zu studieren und sie wären wahre Schachmonster.

Hier ist ein Beispiel von Greco´s Positionsverständnis.

Hier ist eine Simultanpartie von Blackburne (1841-1924). Er spielte die Partie sogar mit verbundenen Augen, während sein Gegner das Brett sehen konnte. Sagt mal ehrlich. Könnt ihr mit geöffneten Augen gegen einen Gegner so wie Blackburn mit geschlossenen Augen in einer Simultanvorstellung spielen?

Blackburne liebte scharfe Stellungen, aber wenn positionelle Fähigkeiten gefragt waren, zeigte er diese ebenfalls:

Ihr dürft auch nicht vergessen, dass die Spieler in den 1860/1870 Jahren sehr oft komplett betrunken spielten. Blackburne hatte kein modernes Training und war trotzdem auf der ganzen Welt gefürchtet. Glaubt ihr wirklich, dass es ein heutiger Spieler mit 2000 oder auch 2300 mit Blackburne´s Fähigkeiten aufnehmen könnte? Auf keinen Fall! Und wenn Blackburne auf magische Weise im Jahr 2017 auftauchen würde und ein oder zwei Jahre die Zillionen Partien in den modernen Datenbanken studieren könnte, dann wäre er für jeden modernen Großmeister ein ernstzunehmender Gegner.

an old chess set

LittlePawn988 schrieb über Leute, die behaupten, dass ein heutiger IM Capablanca oder Alekhine locker besiegen würde und dass Lasker nur Weltmeister war, weil die Gegner zu seiner Zeit so schlecht waren.

Das ist wirklich ein Witz. Diese Leute haben entweder versucht dich zu verarschen oder sie haben keinen blassen Schimmer. Lasker war ein Schachtitan und er besiegte selbst mit 50 oder 60 Jahren noch junge und aufstrebende Spieler, wie zum Beispiel Euwe.

Bei Alekhine erkennen diese Trolle einfach nicht die Genialität und solche Leute sind einfach Hoffnungslos.

Hier ist, was Kasparov in seinem exzellenten Buch  "My Great Predecessors, Part 1" schrieb: “Alexander Alexandrovich Alekhine wird als "taktisches Genie" bezeichnet. Seine fantastischen Kombinationen basierten jedoch auf einer soliden Positionsgrundlage und war das Ergebnis einer starken, energischen Strategie. Daher kann Alekhine, basierend auf einer Verflechtung von strategischen und taktischen Motiven, als Pionier des universellen Spielstils bezeichnet werden. "

Hier ist eine berühmte Partie, bei deren Studium sich jeder Spieler vor Alekhine’s außerirdischen Fähigkeiten verbeugen wird:


Der Punkt ist, dass es im Laufe der Geschichte schon immer außergewöhnliche Talente gegeben hat und es sie auch immer geben wird. Die alte Garde musste aber noch viele Dinge herausfinden, die moderne Spieler als gegeben betrachten können, denn sie profitieren von der harten Arbeit der alten Meister. Mit den heutigen Möglichkeiten wären die "alten Jungs" heute sicherlich auch alles Großmeister. Ich habe sogar keinen Zweifel daran, dass Supertalente wie Lasker, Capablanca oder Alekhine, nachdem sie einige Zeit mit ChessBase gearbeitet hätten, Magnus alles abverlangt hätten.

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