Wenn Schachträume wahr werden

Wenn Schachträume wahr werden

Silman
IM Silman
23.02.2018, 14:50 |
45 | Andere

Viele von euch werden sich daran erinnern, dass ich "BB’s" Partien als gute Beispiele für richtige und falsche Ideen und Züge gewählt hatte. Er nimmt an vielen Turnieren teil, bei denen man 1 Partie pro Woche spielt und manchmal spielt er sogar bei 2 Turnieren gleichzeitig mit (natürlich nur, wenn sich die Spieltage nicht überschneiden).

Vor 10 Jahren hatte er sein Allzeithoch von 1634 erreicht, aber mittlerweile ist er unter 1400 gefallen. Von 1634 auf 1400 - ein wahrer Alptraum. Mit seinen 56 Jahren hat er aber realisiert, dass der nächste logische Schritt wohl die Zahl 1300 hinter seinem Namen werden würde.

Dass man jedes Jahr älter wird ist also auch im Schach kein Vorteil.

old chess book

Nichtsdestotrotz trat er vor acht Wochen an zwei Turnieren an (jedes dieser Turniere dauerte 6 Wochen, also insgesamt 12 Partien). Eines davon war ein Turnier für Spieler unter 1700 (im Pasadena Chess Club), das andere (im Arcadia Chess Club) war für Spieler unter 1800. Natürlich wusste er, dass er keine Chance hatte zu gewinnen (er hat in seinem ganzen Leben noch kein Turnier gewonnen), aber er entschied sich, sein Bestes zu geben und zumindest ein paar Punkte zu sammeln, um nicht unterzugehen.

In gewisser Weise war es wie Tulpen oder Gladiolen.

Nach ein paar Runden hat er mich angerufen und gesagt, dass es ihm wirklich gut geht (BB, ist ein wirklich netter Typ und nicht nur mein Schüler, sondern auch mein Freund). Ich erkannte, dass er irgendwie an sich selbst glaubte (Selbstvertrauen ist im Schach sehr wichtig). Dann hatte er 5 aus 5 und spielte um den ersten Platz im Pasadena-Turnier; Sein Gegner war der einzige, der 4 1/2 hatte (mit anderen Worten: Schwarz musste die Partie gewinnen).

Schwarz hatte ein kleines Plus in der Eröffnung, aber keiner der Spieler war in ernsthafter Gefahr. Welcher Spieler würde als Erster zusammenbrechen? Beide Seiten machten kleine Fehler und Weiß schaffte es, einen Vorteil zu erzielen, aber die Partie würde noch lange andauern.

Das Pasadena Turnier zu gewinnen war BB großer Traum. Er war aber auch mit seinem Spiel beim Arcadia Turnier sehr zufrieden. Mit 4.5 Punkten aus 6 Partien wurde er dort zweiter! Das Remis dort war gegen einen Spieler mit 1785 und die Niederlage gegen einen Spieler mit 1796.

Was können wir jetzt daraus lernen? Tja, wenn man an sich selbst glaubt und sein Alter als einen Vorteil ansieht (mehr Erfahrung!) und wenn man es immer und immer wieder versucht, dann ist alles möglich.

Hier sind einige Highlights von BB (auch wenn er selbst nicht alle Züge gefunden hat!):

PUZZLE 1

Weiß hat gerade Te1 gespielt, was ja auch sehr logisch aussieht. Trotzdem ist es ein grober Fehler. Die Bestrafung für diesen Zug war jedoch beiden Spielern zu hoch:

PUZZLE 2

Ein Blick auf Profis

PUZZLE 3

BB spielte den wirklich starken Zug 35...Txg2 und gewann die Partie nach 39 Zügen. Trotzdem übersah er eine noch stärkere Variante! Wer findet sie?

Eine Schachpartie kann man gewinnen, indem man die Figuren geschickt abtauscht um ein gewonnenes Endspiel zu erreichen; manchmal ist es richtig, eine scharfe Stellung in eine vorteilhafte positionelle Stellung zu verwandeln; und manchmal (besonders, wenn der König im Zentrum steht) muss man einfach mit aller Gewalt auf den Gegner einprügeln.

Die folgende Stellung verlangt nach Brutalität und BB hat dies erkannt und zeigte kein Erbarmen.

Bei dem Satz “Tod durch die e-Linie” erinnerte ich mich an 2 Partien von Mikhail Tal, bei denen er ebenfalls die e-Linie dominierte. Ich glaube, die werden euch gefallen.

PUZZLE 4

BB schien diese Turniere reibungslos durchlaufen zu haben. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn wie so viele andere, wurde auch er von der folgenden Schach-Krankheit befallen: RATING ANGST!

Fast alle Spieler geraten in Panik und spielen das schlechteste Schach ihres Lebens, wenn sie jemandem gegenübersitzen, der über 300 Punkte besser bewertet ist. Hier ist ein typisches Beispiel:

Weiß hatte die Partie total verpfuscht, aber dann geriet Schwarz in Panik und gab Weiß eine Chance die Partie zu retten. BB nahm diese Möglichkeit sofort wahr!

Manchmal passieren aber auch einfach komische Sachen auf einem Schachbrett:

Besonders lustig ist, dass BB vor einem Jahr schon einmal gegen Mr. King gespielt hatte, und dieser auf exakt dieselbe Falle hereingefallen war.

Man könnte jetzt meinen dass nur sehr schlechte Spieler auf eine solche Falle hereinfallen würden und niemand (auch nicht der schlechteste der Schlechten) zweimal in die gleiche Falle tappt. Beides ist jedoch nicht wahr.

Der große Rubinstein tappte in diese Falle:

Und zwei Jahre später passierte folgendes:


In einer früheren Partie kam es zu einer ganz ähnlichen Stellung:

Es gibt viele verschiedene Fallen im Schach und es gibt viele Großmeister, die in sie getappt sind. Ihr müsst also nicht verzweifeln, wenn ihr in eine Falle tappt! Ihr seid in guter Gesellschaft!

BB steigerte sein Rating bei diesen beiden Turnieren von 1400 auf 1666 - die höchste Zahl, die er je hatte.

Herzlichen Glückwunsch BB! Du hast so viele Jahre so hart gearbeitet und jetzt gaben dir die Schachgötter endlich deine wohlverdiente Belohnung.

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