Wer war der beste Schachweltmeister aller Zeiten?

Wer war der beste Schachweltmeister aller Zeiten?

DanielRensch
IM DanielRensch
03.01.2017, 00:00 |
1.380 | Schachspieler

Was wäre wenn wir eine Zeitmaschine hätten? Was wäre, wenn wir die größten Schachspieler aller Zeiten zusammenbringen könnten, sämtliche Vorteile wie die Entwicklung der Eröffnungstheorie oder anderen entwickelten Wissens annullieren könnten, und ein Superturnier veranstalten würden?

Was wäre wenn Fischer gegen Kasparov spielen würde? Kramnik gegen Alekhine? Carlsen gegen Morphy?

Diese oftgestellte, und nie zu beantwortende Frage, hat uns interessiert. Natürlich können auch wir diese Frage nicht beantworten solange auch wir keine Zeitmaschine erfinden, aber immerhin haben wir Chess.com's CAPS erfunden, das uns der Beantwortung dieser Frage immerhin ein ganzes Stück näher bringt.

Wie funktioniert diese Liste?

Als wir zum ersten Mal diese (umstrittene?) Art der Messung der Spielstärke vorgestellt hatten bekamen wir viel Kritik, denn unsere Erfindung beinhaltet nicht so wichtige Faktoren wie Spielstil, Psychologie und Spielstärke der Gegner. Während die ELO Punkte anhand der Stärke des Gegners vergeben werden, berechnet CAPS die Punkte anhand der gespielten Züge und wie nahe diese am Optimum, gemessen an einem virtuellen Spiel gegen einen Computer, waren.

Während jetzt aber ein Computer immer perfekt spielt, ist es aber trotzdem eine Maschine und kein Gegner. Und wenn du darauf bestehst, dass die drei oben genannten Punkte wichtiger sind, als die stärksten oder perfekten Züge zu finden, dann ist dieser Artikel für dich höchstwahrscheindlich nicht besonders interessant.

Man kann aber auf CAPS genau andersherum sehen, und dabei genau die selben Argumente verwenden. CAPS entfernt alle abstrakten und nicht messbaren Merkmale der Bewertung einer Schachpartie oder der Spielerstärke.

Genau!

Es entfernt Spielstil, Psychologie und Stärke der Gegner als Faktoren, die die wahre Bewertung, wie gut eine Person spielt, falsch beeinflussen. Wenn Bewertungen und Titel aber der einzige Maßstab bleiben sollen, mit dem diese großen Meister gemessen werden, dann bleiben wir immer im Dunkeln, wie gut sie gespielt haben. Warum?

Niemand, der bei klarem Verstand ist, würde behaupten, dass Morphy, Steinitz und Lasker dem gleichen Wettkampfdruck wie Botvinnik, Tal und Spassky ausgesetzt waren, geschweige denn Kasparov, Kramnik und Anand. Darüber hinaus gab es keine Ratings und Titelkämpfe in der organisierten Art und Weise, wie es sie seit den 1960er-70er Jahren gibt.

Wie können wir also die ELO Zahl eines heutigen Spielers mit der eines Weltmeisters aus der Zeit, in der es noch keine ELO gab, vergleichen? Und wie können wir das Rating eines Bobby Fischer mit der eines Magnus Carlsen vergleichen, wenn Carlsens Gegner doch einen viel höheren ELO Schnitt haben als Fischers Gegner vor vielen Jahren gehabt haben?

Vielleicht ist dieses Argument aber sogar Carlsen gegenüber nicht fair, denn wer weiß schon ob er nicht schon die 2900 Marke geknackt hätte, wenn seine Gegner nur höhere ELO Zahlen gehabt hätten!

Anand: Platz 5 in der ewigen Bestenliste der genauesten Züge nach CAPS

Aber mit CAPS sind wir zumindest in der Lage, uns auf einen einzigen Informationspunkt zu konzentrieren und uns die Frage zu stellen: Wer spielte am meisten wie die "Schachgötter", die wir heute kennen und anbeten: "Stockfisch, Komodo und Houdini"?

Können wir dieses Werkzeug verwenden, um ein Elo zu projizieren, die basierend auf der Genauigkeit, die im Vergleich zu den Computern und den anderen Weltmeistern erreicht wurde?

Ich denke, wir können das. Und die Resulate sind super interessant und eine tolle Dikussionsgrundlage. 

Warum hat also jetzt Kramnik eine bessere CAPS Bewertung als Kasparov, wo doch Kasparov eine weitaus größere Schachlegende ist? Ist es vielleicht weil Kramnik einige Male gegen Garry den Grossen gewonnen hat? Oder weil er ein sicheres, positionelles Schach spielt und viel weniger Risiken eingeht als Kasparov?

Oder ist es vielleicht - und ich traue mich das kaum zu fragen - weil er besser Schach spielt als Kasparov?

Sein ruhiger, positioneller Stil führte Kramnik zum Sieg im WM Finale gegen Leko.

Kasparovs Spielweise ist vielleicht nicht so genau wie die von Kramnik, aber WOW! So macht Schach Spass!

Und was ist mit den 2 Schachlegenden mit Spielweisen, die unterschiedlicher nicht sein könnten? Capablanca und Alekhine. Diese Zahlen werden viele Alekhine Fans überraschen! Aber die Wahrheit liegt im Wein. 

Capablanca webte positionelle Spinnennetze um seine Gegner.

Manche Schachliebhaber mögen unsere Erkenntnisse und Auswertungen der Spielqualität unserer Vorfahren nicht mögen, aber wieder sehen wir, dass die Wettbewerbe damals ein geringeres Niveau hatten (basierend auf der menschlichen Argumentation, dass sich das Schach im Laufe der Jahre verbessert) und daß die damaligen Weltmeister auch ungenauer spielten als die heutigen, was aber auch diese herrlichen Partien erst ermöglichte, die wir heute alle bewundern.

Was ist denn hier los? Könnte das wirklich sein * Kopfschüttel *

Wir müssen uns fragen, ob Chess.com wirklich selbstbewusst genug ist um zu glauben, dass sein CAPS-System besser sein könnte, als Elo-Ratings.

 

Nun, stellen wir uns zuerst eine andere Frage: Sind wir wirklich die ersten, die eine andere Form der Messung als das FIDE Elo-System versuchen? Natürlich nicht! Es gibt viele nationale Organisationen mit etwas anderen Algorithmen als das FIDE Elo-System. Und die neuesten Nachrichten sagen, dass auch andere Funktionäre der freien Schachwelt glauben, dass es bessere Möglichkeiten gibt, die Gesamtstärke eines Spielers zu finden, als das ELO rating.

Ich werde jetzt, entgegen unserer vorhergegangenen Behauptung, dass CAPS besser sei, eben genau das nicht behaupten, sondern nur, dass CAPS einfach anders ist. Es ist ein Standard, der eine persönlichere Frage stellt: Wie gut hast du gespielt? Als Einzelspieler. Unabhängig vom Gegner. Unabhängig von den Ergebnissen. Unabhängig von den erhaltenen Ratingpunkten.

Bewertungen sind ein Muss. Du musst für deine Gewinne belohnt, für deine Verluste bestraft und für deine Züge verantwortlich gemacht werden. Aber erzählen sie die ganze Geschichte? Und sind die Bewertungen immer so leicht zu verstehen?

Ist es nicht schwer, Ihrer Großmutter zu erklären, warum jemand, der eine 2880+ Bewertung erreicht hat, der beste aller Zeiten ist? Was bedeutet diese Zahl? Und ist die Rating-Inflation ein echtes Problem?

Wie auch immer. Jemanden zu sagen du hast 76 Prozent in einem Spiel geschafft ist recht einfach, in einer Kultur in der jeder weiß, dass 100 Prozent das Optimum sind.

Chess.com ist sich natürlich auch der Schwächen in diesem System bewusst, weshalb auch in Kürze das "CAPS II" veröffentlicht wird, das es auch Spielern erlaubt, die eigenen Spiele mit CAPS zu messen.

Die neue Version wird einen tiefen Blick auf die Vergangenheit eines Spielers werfen. Es wird uns ermöglichen auch Teile des Spiels zu analysieren, zum Beispiel, wie gut man mit einer einzelnen Figur zieht, und wer das genaueste Spiel aller Zeiten gespielt hat (klingt nach Spass, oder? ) Wie können wir aber jetzt diesen Vergleich noch verbessern? Vielleicht indem wir nur die 20 besten Partien eines jeden Weltmeisters zählen, um die ungleichheit der Anzahl der Spiele zu eliminieren? 

Ich behaupte nämlich nicht, dass unser derzeitiges System nicht Verbesserungsfähig wäre. Wir bei Chess.com würden sowieso nie behaupten, dass wir perfekt wären. Aber alles, was unerreichbar erscheint, kann noch erreicht werden!

Desweiteren werden sich weitere Verbesserungen im Schach nicht in der CAPS Stärke eines Spielers niederschlagen, denn alle Spieler werden mit den gleichen Verbesserungen verglichen. Alle Spieler werden also immer mit den gleichen Maßstäben gemessen.

Dies ermöglicht es dem CAPS-Vergleich, die Schach-Zeitline wirklich zu überschreiten. Ja, wir werden mehr erfahren. Vielleicht werden Spieler mit sehr ähnlichen CAPS-Scores (wie Smyslov und Spassky) ihre Ranglistenplätze auch noch tauschen, aber insgesamt können wir mit den neuen Messungen doch mehr über die wahre Kraft des Spiels von unseren größten Champions erfahren.

Ich mache euch das gleiche Angebot, das Morpheus einmal Neo angeboten hat. Nimm die blaue Pille, und alles ist schön und bunt und wunderbar. Schachstärke steigt nicht im Laufe der Zeit, und Morphy wäre ein echter Gegner für Carlsen.

Ihr könnt aber auch die rote PIlle nehmen. Die rote Pille enthüllt euch die ganze Welt der Wissenschaft. Die Forschung öffnet dem Leser eine Welt, in der wir uns der Realität stellen und akzeptieren, wie gut unser Spiel geworden ist und wie schwer es für die Spieler der modernen Ära ist, gegen andere zu spielen, die sich auch mit Computern gut vorbereitet haben.

Unsere heutigen Champions haben lernen müssen genauer zu spielen. Präziser. Mehr wie Computer. Mehr wie Götter.

Und obwohl wir keineswegs die Größe derer, die vor uns gekommen sind, leugnen wollen, indem wir die rote Pille schlucken, müssen wir die Wahrheit anerkennen: Die Meister der Vergangenheit taten, was sie zu tun hatten, um gegen die Spieler ihrer Ära zu gewinnen, doch die Fehler in ihrem Spiel sind nicht zu leugnen.

 

Werden wir eines Tages mit den selben Augen auf Carlsen sehen, mit denen wir jetzt auf Euwe, Karpov oder Botvinnik blicken?

Als einen Spieler, der, trotz all seiner Errungenschaften, Chancen verpasst hat, die Computer und seine Nachfolger später fanden, verstanden und lösten?

Man muss erst mal verstehen, was in diesem Endspiel schiefgelaufen ist...

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