Schach-WM, Runde 9: Ein neuer Remisrekord

Schach-WM, Runde 9: Ein neuer Remisrekord

PeterDoggers
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0 | Berichterstattung von einem Schach-Event

Magnus Carlsen hat bei der Schach WM in London einen Rekord aufgestellt, den er aber sicher nicht feiern wird. In der 9. Partie gegen Fabiano Caruana konnte er einen kleinen Vorteil, den er nach der Eröffnung erzielt hatte, nicht verwerten und somit endeten alle bisher 9 gespielten Partien mit einem Remis. Das ist ein Remis mehr, als bei der WM 1995 zwischen Anand und Kasparov.

Nachdem er in den letzten beiden Partien in denen er Weiß hatte 1.e4 und 1.d4 versucht hatte, kehrte Carlsen zu seinem Eröffnungszug aus der ersten Partie zurück: 1.c4. Daraus entstand wieder eine englische 4 Springer Partie und wieder entschied sich Caruana für die Nebenvariante mit 6...Lc5. Bis zum 8. Zug sollte die Partie genau wie die Auftaktpartie dieser WM verlaufen.

Magnus Carlsen eye game 9 World Chess Championship

Carlsen versuchte sein Glück erneut mit 1.c4. Am Ausgang der Partie sollte es allerdings nichts ändern. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Carlsens 9.Lg5 war die erste Abweichung von der Auftaktpartie und eine ziemlich seltsame. War es wirklich ein Tempo wert, den Zug ...f6 zu provozieren? Einen Zug, den Schwarz in solchen Strukturen sowieso meistens früher oder später spielt?

Da jetzt allerdings auf der a2-g8 Diagonalen ständig Schachs möglich waren, wurde die Stellung jetzt sehr taktisch geprägt und besonders das Konzept mit Lc1-b2 und d3-d4 veranlassten Caruana dazu, viel Bedenkzeit in diese Phase der Partie zu investieren:

  • 12…Lb6 9 Minuten
  • 13…Ld5 21 Minuten
  • 14…exd4 8 Minuten
  • 17…Lxf3 13.5 Minuten

"Natürlich war ich überrascht," sagte Caruana bei der Pressekonferenz. "Ich hatte mir diese Variante zwar angesehen, konnte mich aber nicht mehr an alle Details erinnern. Die Stellung ist wirklich kompliziert und deshalb wollte ich sie so gut wie möglich verstehen, was mir aber nicht wirklich gelang."

Caruana World Championship 2018

Heute war es Caruana, der nach der Eröffnung unter Druck geriet. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Der Zug 17...Lxf3 war der kritische Moment der Partie. Durch das Schlagen des Springers nahm Caruana eine etwas schlechtere Struktur in Kauf. Nach 23 Zügen sagte Hikaru Nakamura bei der Chess.com Liveübertragung:

"Das sieht wie eine Magnus-Memorial-Stellung aus. Vor ein paar Jahren hat er solche Stellungen auf unglaubliche Art und Weise gewonnen. Wenn Fabiano heute verliert, ist die WM meiner Meinung nach entschieden. Ich bin gespannt, ob Fabianos Nerven halten werden!"

Der Weltmeister war mit dem Ausgang der Eröffnung auch wirklich zufrieden. "Offensichtlich war ich mit der Eröffnung sehr zufrieden. Mehr kann man sich von einer Eröffnung eigentlich nicht erhoffen," sagte Carlsen später.

Carlsen Caruana World Chess Championship 2018

Carlsen und Caruana in der finalen Phase der Partie. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Carlsen entschied sich für 24.h4, ein Zug, der sich im Nachhinein als kritisch erwies. Während der Partie rechneten die meisten Experten zwar mit dem Folgezug 25.h5, aber IM Danny Rensch fand, dass Magnus "diesen Zug überstürzte" und GM Hou Yifan, die ebenfalls in der Chess.com Liveshow auftrat, stimmte ihm zu.

Die chinesische Großmeisterin, die derzeit als Rhodes-Stipendiat an der Oxford University tätig ist, lobte Carlsens Vorbereitung, bezeichnete aber den Zug 25.h5 als "zu ungestüm".

Nach dem anti-positionellen, aber taktisch hervorragenden Zug 25...gxh5 ("offensichtlich ein sehr starker Zug" —Carlsen) sagte GM Robert Hess den nächsten starken Bauernzug von Caruana richtig voraus: 26...f5! Es sieht auf den ersten Blick aber ebenfalls seltsam aus, alle Bauern auf den Feldern der Farbe des gegnerischen Läufers festzulegen.

Die Analyse von Hess wurde jedoch von Nakamura gelobt, der schnell den konkreten Plan von Schwarz erkannte: Druck auf dem Königsflügel auszuüben - Druck, der ausreichen würde, um das Remis zu halten.

"Der weiße König wird auch verwundbar", kommentierte Caruana diese beiden Bauernzüge.

Carlsen Caruana World Chess Championship 2018

Den beiden besten Schachspielern der Welt unterlaufen keine großen Fehler. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Dann wurden die Türme getauscht und später auch die Damen. Die Täusche waren unvermeidlich und Carlsen spielte danach noch ein bisschen weiter. Seiner Meinung war es der Versuch, ein zu frühes ...h5 von Schwarz zu provozieren, wert, die Partie noch nicht Remis zu geben, wie er einem norwegischen Journalisten erklärte.

Irritiert über die Frage "Wann haben Sie gemerkt, dass es ein Remis war?", wiederholte Carlsen die Frage zunächst ungläubig und antwortete dann: "Ich habe es sofort gemerkt. Das bedeutet aber nicht, dass man nicht weiterspielen kann. Ich versuchte ihn zu locken und wenn er ...h5 spielt, dann habe ich zumindest ein Ziel. Aber wenn er einfach nur auf seiner Stellung sitzen bleibt und in seiner Festung darauf wartet, dass mein König einbricht, dann habe ich nichts. Aber es ist doch nichts Falsches daran, wenn ich weiterspiele und es versuche. Ich verstehe nicht den Punkt [der Frage]."

Sam Shankland

Hier erklärt GM Alex Yermolinsky die neunte Partie:

Der wichtige Moment, in dem Caruana sich entschied, seinen Läufer gegen den Springer auf f3 zu tauschen, wurde natürlich auch diskutiert. "Ich habe mich nicht rundum wohlgefühlt", sagte er. "Ich dachte, wenn ich anfinge zu driften, könnte es unangenehm werden. Die nächsten Züge von Weiß sind alle einfach ... also wollte ich es konkreter machen."

Caruana nannte seine Position "unangenehm", fügte jedoch hinzu: "Die Remischancen sind bei verschiedenfarbigen Läufern sehr groß. Ich hatte weniger Zeit, also dachte ich, es wäre einfacher zu spielen, wenn ich die Stellung etwas vereinfachen würde."

Carlsen Caruana World Chess Championship 2018

Caruana bei der Pressekonferenz. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Carlsen sagte über diesen Moment: "Ich hatte gemischte Gefühle bei 17...Lxf3. Einerseits führt dieser Zug zu einem sehr klaren Vorteil. Aber andererseits, wie Fabiano schon sagte, vereinfacht dieser Zug die Stellung. Es fühlte sich so an, als ob ich nicht genügend Zeit hätte, um alles zu tun, was ich machen wollte."

"Wir sind nur noch 3 Remis von einem Playoff entfernt," begann ein Journalist seine Frage Caruanas Chancen in einem möglichen Playoff, die der Herausforderer wie folgt beantwortete: "Ich denke jetzt wirklich noch nicht an die Playoffs. Sollte es dazu kommen, werde ich darüber nachdenken, aber zuvor wird noch eine Menge Schach gespielt werden und ich glaube übrigens nicht, dass ich so chancenlos bin, wie die meisten denken."

Tiebreak simulations Carlsen Caruana

 SmarterChess zeigt die Chancen der möglichen Ausgänge der Weltmeisterschaft auf.

Die von GM Ian Rogers als „London Eye“ bezeichnete Nebengeschichte des Tages war eine leichte Verletzung, die Carlsen am Ruhetag erlitt. Bei einem Fußballspiel hatte er sich am Auge verletzt und auf Instagram ein Selfie gepostet. Er fügte hinzu: "Das Match wird heißer."

Das Match wird heißer. Hat sich der Weltmeister beim Schachboxen versucht?

Carlsen verletzte sich bei einem Zusammenstoß auf dem Feld mit dem NRK-Reporter Emil Gukild an seinem rechten Auge (welches wegen der Selfie-Kamera seines Handys wie sein linkes Auge aussieht). Gukilds tatsächliches linkes Auge bekam ebenfalls einiges ab.

Für alle, die es noch nicht Wissen .. Es ist alles SEINE Schuld!

Carlsens Teamarzt (er hat oft einen Teamarzt bei Weltmeisterschaften dabei) war während des Vorfalls anwesend und konnte Erste Hilfe leisten. Beide wurden schnell behandelt und dank der Verwendung von Eis bekam Carlsen kein volles blaues Auge. Der Weltmeister trug heute lediglich ein Pflaster direkt über seinem rechten Auge.

Auf die Frage, ob er heute Schmerzen gehabt hätte, antwortete Carlsen nur mit einem festen "Nein", was der Auftakt zu einem kleinen Spielchen mit der Presse, die gerne eine längere Antwort gehört hätten, war. Die nächste Frage, ob dies sein bestes Spiel während der Weltmeisterschaft war, beantwortete Carlsen dann mit einem weiteren kurzen "Nein".

Carlsen Caruana World Chess Championship 2018

Die Stimmung bei der Pressekonferenz wird in diesem Foto sehr gut widergespiegelt: Caruana hatte eine deutlich bessere Laune als Carlsen. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Der norwegische Reporter Tarjei Svensen wies im Pressezentrum darauf hin, dass Carlsen jetzt 14 Remis in Serie erzielt hat (zuerst 5 Remis beim European Club Cup und jetzt 9 bei dieser WM). Fünf mehr, als bei seiner bisher längsten Remisserie. 2018 beträgt Carlsens Remisquote 72%.

Caruana are in besserer Laune. Über Carlsens Verletzung sagte er mit einem Lächeln: "Ich blicke ja während der Partien nicht besonders oft auf Magnus. Ich habe von dem Unfall natürlich gehört, aber das hat meinen Spielstil nicht beeinflusst."

Caruana hat jetzt in 2 der letzten 3 Partien Weiß und ist deshalb durchaus zufrieden. Die erste dieser drei Partien wird am größten amerikanischen Feiertag, Thanksgiving, gespielt. Für die letzte Frage des Tages war er besonders dankbar und er beantwortete sie auf seine typisch bescheidene Art: "Ich danke meinem Team für die großartige Arbeit, die sie leisten."

Carlsen Caruana World Chess Championship 2018

Die Pressekonferenz ist für alle Zuschauer frei zugänglich. | Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Mike Klein hat an diesem Artikel mitgewirkt.

Natürlich könnt ihr die Weltmeisterschaft live auf Chess.com verfolgen. Ferner findet ihr jeden Tag Berichte, Fotos und Analysen auf Chess.com/news.

Alle Partien könnt ihr auf Chess.com/wcc2018 nachspielen und die Live-Übertragungen mit unseren Kommentatoren IM Danny Rensch und GM Robert Hess findet ihr auf Twitch.tv/Chess oder Chess.com/TV. Die beiden werden außerdem abwechselnd von Schachgrößen wie Hikaru Nakamura, Maxime Vachier-Lagrave, Wesley So und Sam Shankland unterstützt.

GM Alex Yermolinsky wird jeden Tag ein Video mit den Höhepunkten des Tages veröffentlichen, welches ihr auf Twitch, YouTube, Facebook und Chess.com ansehen könnt. 

US-Meister GM Sam Shankland wird jede Partie für euch analysieren.

Und an jedem Ruhetag wird euch GM Yasser Seirawan mit exklusiven Videos für Chess.com Mitglieder unterhalten

Impressionen aus London.


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