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Carlsens epische Partie

Carlsens epische Partie

Gserper
| 118 | Strategie

Weltmeister Magnus Carlsen hat Hunderte von brillanten Partien gespielt. Als Ihr jetzt das Wort "episch" im Titel gelesen habt, habt Ihr wahrscheinlich an eine wilde Angriffspartie mit gleich mehreren Opfern gedacht. Obwohl diese Partie tatsächlich viele Angriffe, Gegenangriffe und Opfer zu bieten hat, ist das Ergebnis aber ein Remis!

Aber warum nenne ich sie dann episch? Es fühlt sich an, als ob das Wort "episch" heutzutage ziemlich überstrapaziert wird und seine ursprüngliche Bedeutung verloren hat. Epos bedeutet traditionell ein langes Gedicht und meistens erzählen Epen von großen Heldentaten, Sitten, Gebräuchen und Kämpfen von Göttern und Helden, aber auch von Liebe, Tod und Freundschaft.

Meiner Meinung nach passt die Partie, die wir heute analysieren werden, perfekt zu dieser Beschreibung. Sie wurde, da ich wenig Zweifel an der glänzenden Zukunft von Carlsens Gegner habe, von zwei legendären Helden gespielt. Sie war lang und sehr lehrreich und um zahlreiche komplizierte Momente der Partie verstehen zu können, benötigen wir auch einige Kenntnisse über das historische Erbe des Schachs. Ich bin mir sicher, dass jeder Schachspieler, vom absoluten Anfänger bis zum Großmeister, in dieser Partie etwas Interessantes finden wird.

Lasst uns also unsere Reise beginnen!

Der Zug 9...g6 sieht auf den ersten Blick etwas seltsam aus. Warum sollte Schwarz ein Tempo aufwenden, um seinen Läufer auf f8 zu fianchettieren, wenn er doch auch sofort entwickelt werden kann? Ist eine Tempoverschwendung nicht eine der Todsünden der Eröffnung? Nun, es gibt einen sehr wichtigen Grund für das Fianchetto. Seht Euch den weißen Läufer auf d3 an, der gefährlich in Richtung des schwarzen Königsflügels blickt. Es kann es kaum erwarten, einen Angriff gegen den schwarzen König zu starten, nachdem dieser rochiert hat.

In meinem letzten Artikel, in dem wir kurz über den Greco-Angriff gesprochen haben, war ja auch ein Läufer auf d3 der große Held der Geschichte. Mit 9...g6 blockiert Schwarz seinem Gegner den Zugang zum Feld h7. Außerdem bietet Lg7 dem schwarzen König einen zusätzlichen Schutz. Diese Idee wurde nach der folgenden berühmten Partie, die mich beinahe meine Schachkarriere gekostet hätte, sehr populär. Die ganze Geschichte findet ihr hier.

Obwohl die Idee, den König zu schützen, attraktiv ist, hat sie einen negativen Nebeneffekt: Der g6-Bauer ist ein ausgezeichneter "Haken", und so begann Weiß, wie in der nächsten Partie, mit seinem h-Bauern nach vorne zu stürmen.

Ja Ihr jetzt eine typische Idee dieses Aufbaus kennt, sollte es Euch nicht überraschen, dass auch Carlsen den schwarzen Königsflügel mit seinem h-Bauern sondiert hat:

Der nächste interessante Moment ereignete sich in der folgenden Stellung, als Carlsen eine relativ einfache Kombination übersah. Könnt Ihr sie finden?


Aber wie kann ich die Kombination nur relativ einfach nennen, wenn sie doch sogar der Weltmeister nicht gesehen hat? Nun, zunächst einmal erfordert sie nicht viel Rechenkünste, aber viel wichtiger ist, dass das Muster, einen Springer auf f7 zu opfern, um anschließend einen Läufer auf f5 zu fesseln, bekannt ist. Es hätte zum Beispiel auch in dieser berühmten Partie passieren können:

Die folgende Stellung ist eine sehr gute Lektion über positionelles Spiel von Praggnanandhaa Rameshbabu. Was würde Ihr hier mit Schwarz spielen?

In den meisten Fällen lohnt es sich, einen Bauern zu opfern, um ein Gegenspiel zu bekommen, anstatt eine schlechte, passive Stellung zu verteidigen! Aufgrund des kreativen Spiels von Praggnanandhaa ist der weiße Bauer auf e5 in großer Gefahr. Wenn Schwarz es schafft, ihn zu gewinnen, wird Schwarz klar besser stehen. Was sollte Weiß also tun?

Und somit nähern wir uns schon der aufregendsten Phase der Partie. Weiß hat einen Turm mehr, aber Schwarz ist dabei, seinen Bauern umzuwandeln. Dies ist der Moment der Wahrheit: Wessen Strategie wird sich durchsetzen?

Der letzte lehrreiche Moment der Partie ereignete sich im Endspiel. Carlsen gab seinen zusätzlichen Turm auf, um das Dauerschach zu verhindern. Außerdem musste er sich auch von ein paar Bauern trennen. Trotzdem spielte er sogar mit zwei Minusbauern auf Sieg!

Weniger erfahrene Spieler könnten überrascht sein. Was ist da los? Ist ein materieller Vorteil nicht ein entscheidender Faktor in Endspielen? Tatsächlich möchten wir in den meisten Fällen, wenn wir einen materiellen Vorteil haben, unsere Figuren tauschen, um in ein Endspiel abzuwickeln. Aber Damenendspiele mit weit vorgerückten Freibauern sind sehr heikel und selbst extrem starke Spieler machen dort Fehler. Die folgende Partie ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Die Endspieltechnik von Anatoly Karpov ist zwar legendär, aber der Fehler, den er in der folgenden Stellung machte, verfolgte ihn wahrscheinlich noch Jahre.


Diese Partie veranschaulicht sehr gut die Regel, dass in Damenendspielen ein weit vorgerückter Freibauer häufig wichtiger ist, als ein materieller Vorteil.

In unserer epischen Partie zeigt Praggnanandhaa, dass er diese Art von Endspielen kennt und erreicht mit seinem präzisen Spiel ein Remis:


Ich hoffe, dass Ihr dieses wunderschöne Epos genossen und vielleicht sogar etwas von diesen beiden Schachhelden gelernt habt!
 

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