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Das größte Wunder im Schach
What's the biggest miracle in chess?

Das größte Wunder im Schach

Gserper
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188 | Taktiken

Das größte Wunder im Schach ist ein Patt - so, jetzt habe ich es gesagt. Ihr könnt zwar anderer Meinung sein und mir Dutzende verschiedener Beispiele für magische Momente im Schach geben und vielleicht liegt Ihr damit sogar richtig. Schließlich definieren wir alle Schönheit und Magie unterschiedlich.

Ja klar. Wenn man sich eine der Partien von Mikhail Tal anseht, in denen er eine Unmenge von Figuren opfert und dann die Partie gewinnt, hat das auch etwas Magisches an sich. Aber um ehrlich zu sein, umschwärmten in diesen Partien alle verbleibenden Figuren die Könige seiner Gegner und deshalb kam das Schachmatt nicht unerwartet und ich würde es nicht als Wunder bezeichnen.

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Mikhail Tal war für seine magischen Partien bekannt. Foto: Ron Kroon/Dutch National Archives, CC.

Ein Patt hingegen schlägt meistens wie ein Blitz aus heiterem Himmel ein und ist deshalb etwas komplett anderes. Wer könnte schon diese berühmte Partie vergessen?

Es ist leicht zu verstehen, warum GM Alexander Beliavsky dieses Patt übersehen hat. Normalerweise achten wir auf Patts, wenn der Gegner nur noch einen einsamen König und vielleicht ein paar blockierte Bauern hat. In dieser Partie hingegen hatte GM Larry Christiansen noch ungefähr die Hälfte seiner Armee auf dem Brett, als er seine Kombination startete!

Diese einzigartige Regel gefällt aber nicht allen. GM Nigel Short nahm kein Blatt vor den Mund und bezeichnete Patt als "dumme Regel".

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Nigel Short findet, dass Patt eine "dumme Regel" ist. Foto: steenslag, CC.

In der Tat ist es nicht die logischste aller Regeln. Stellt Euch mal einen echten Krieg vor, in dem ein Oberbefehlshaber fast seine gesamte Armee verloren hat. Er ist vollständig von den Feinden umzingelt und kann sich nirgendwo mehr verstecken. Und dann endet der Krieg mit einem Unentschieden.

Ich halte diese Analogie aber für falsch. Als Trainer sehe ich den größten Vorteil des Schachs in seinem pädagogischen Wert. Was können wir aus echten Kriegen lernen? Eigentlich nur eines: Kriege sollte es nicht geben. In einem Krieg gibt es keine Gewinner und nur Verlierer. Aber trotzdem können wir vom Patt etwas lernen.

1) Es ist nicht vorbei, bis es vorbei ist.

Es gibt viele Versionen dieses berühmten Satzes der Baseball-Legende Yogi Berra. Im Deutschen ist die wohl bekannteste Version davon: "Ein Spiel dauert 90 Minuten". Lenny Kravitz verwendete den Satz sogar für seinen Hit "It Ain´t Over Til It´s Over". Die Bedeutung bleibt aber immer dieselbe: Du hast das Ziel erst erreicht, wenn Du die Ziellinie überquert hast.

Immer, wenn ich neue Schüler unterrichte, baue ich die folgende Stellung auf und frage, was hier die größte Gefahr für Weiß ist.

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Was ist in dieser Stellung die größte Gefahr für Weiß?

Ich erkläre dann, dass Weiß sogar seine Dame einstellen kann, denn mit seinen beiden Türmen, den Springern und seinen Bauern wird er trotzdem gewinnen. Also machen selbst 5 oder 6 Fehler keinen Unterschied. Nur ein Patt darf man nicht übersehen! Denn dann ist die Partie ruiniert. 

Meistens nicken meine Schüler dann zustimmend und spielen in ihrer nächsten Partie dann einen Zug wie diesen: 

Es sind schmerzhafte Fehler wie dieser, die Schachspielern lehren, ihre Konzentration bis zum Ende einer Partie aufrechtzuerhalten!

2) Sei nicht arrogant!

Manchmal haben Schachspieler eine absolut gewonnene Stellung und beginnen dann, anstatt nach dem schnellsten oder einfachsten Schachmatt zu suchen, mit einigen seltsamen Gedankenspielen. Zum Beispiel wollen sie den König auf einem bestimmten Feld Schachmatt setzen, oder sie wollen zuerst all ihre Bauern umwandeln. Manchmal kann das auch Spaß machen und sogar ein gutes Training sein. Nehmen wir zum Beispiel die folgenden Partien von Hikaru Nakamura:

Mir gefällt diese Show von Nakamura aus zwei Gründen:

1) Tausende von Menschen haben dieses Spektakel live gesehen und Nakamura hat sie mit seiner Show glänzend unterhalten.

2) Nakamura spielte gegen Computer und einen Computer kann man nicht demütigen oder verunglimpfen!

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Die obigen Partien von Hikaru Nakamura sind Ausnahmen von der Regel. Foto: Maria Emelianova/Chess.com.

Da Ihr diesen Artikel lest, ist die Chance ziemlich groß, dass Ihr kein Supergroßmeister seid. Und deshalb solltet Ihr in Euren Partien nichts dergleichen unternehmen! Und wenn Ihr Euch doch dazu entschließt, in Eurer nächsten Turnierpartie ein ähnliches Ende heraufzubeschwören, solltet Ihr daran denken, dass das nicht nur unethisch ist, sondern auch Euren Sieg gefährden kann.

Genau das ist nämlich in einer Schulschachpartie passiert, die ich vor einigen Jahren gesehen hatte. Weiß spielte mit einem Großteil seiner Armee gegen einen einsamen schwarzen König und dachte, dass nichts mehr schiefgehen kann. Er ließ absichtlich mehrere Möglichkeiten aus, seinen Gegner Schachmatt zu setzten und wollte zuerst all seine Bauern umwandeln. Hier sind die letzten Züge dieser Partie:

Wie Ihr sehen könnt, kann einem ein Patt auch Demut lehren!

3) Gib niemals auf!

Viele von Euch haben sicher wegen der Netflix-Serie "Das Damengambit" angefangen, Schach zu spielen. Fans der Serie sind, erinnern Sie sich sicher an eine der Lektionen, die Herr Shaibel der jungen Beth beigebracht hat. Hier ist die Schlüsselstellung:

Hier wollte Beth ihren nächsten Zug machen, aber Mr. Shaibel stoppte die Partie und sagte: "Du gibst jetzt auf. Wenn Du Deine Dame auf diese Weise verlierst, gibst Du auf!"

Bei allem Respekt vor Mr. Shaibels fiktiver Figur liegt er hier gleich aus mehreren Gründen völlig Falsch.

Zunächst einmal spricht man nicht so mit einem achtjährigen Waisenkind, das bereits zahlreiche Probleme hat. Und dann ist sein Rat auch aus schachlicher Sicht völlig falsch. Ich habe das bereits in diesem Artikel erklärt. Hier ist die Partie aus diesem Artikel, die beweist, dass Mr. Shaibel völlig falsch liegt:

Mein Schüler, der ungefähr in Beths Alter war, hatte seine Dame für nur einen Bauern verloren und seine Situation war damit noch schlimmer als die von Beth, die zumindest noch einen Läufer für ihre Dame bekommen hatte. Zum Glück kämpfte mein Schüler weiter und gewann die Partie sogar.

Ich weiß, was Ihr jetzt wahrscheinlich denkt: "Ja klar, jetzt kommt GM Serper mit einem Kind, das noch nicht einmal eine echte Person ist, daher. Und was hat das eigentlich mit einem Patt zu tun?" Gute Frage! Die Pattregel ermöglicht es Euch, niemals aufzugeben und immer bis zum Ende zu kämpfen! Selbst wenn Eure Stellung schon völlig verloren ist, gibt es immer noch eine Chance!

Leider gab einer meiner Schüler, der in der folgenden Partie lange Zeit eine völlig verlorene Stellung hatte, mental auf und verpasste damit eine wunderschöne Gelegenheit, die Partie zu retten. Könnt Ihr sie finden?

So endete die Partie:

Ich hoffe, ich habe Euch jetzt überzeugt, dass das Patt das größte Wunder im Schach ist!

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