Artikel
Der tödliche Eröffnungs-Aufbau

Der tödliche Eröffnungs-Aufbau

Gserper
|
116 | Eröffnungstheorie

Die gesamte Schachwelt war fassungslos über das katastrophale Ergebnis von Garry Kasparov am ersten Tag beim Blitzturniers der Grand Chess Tour in Kroatien. Obwohl 0,5 Punkte aus 9 Partien in der Tat eine absolute Katastrophe sind, stimme ich den Leuten, die das als das schlechteste Ergebnis aller Zeiten eines Top-Großmeisters bezeichnen, nicht völlig zu. Zuerst einmal war Blitzschach! Uns selbst bei Turnieren mit klassischer Bedenkzeit haben wir schon ähnliche Katastrophen erlebt.

Garry Kasparov
Nicht im Entferntesten das Ergebnis, das Kasparov in Zagreb erzielen wollte. Foto: Lennart Ootes/Grand Chess Tour.

Wer könnte schon das Kandidatenduell zwischen Bobby Fischer und Mark Taimanov, oder das andere Duell zwischen Fischer und Bent Larsen vergessen? Beide Duelle endeten mit dem gleichen einseitigen Ergebnis: 6:0. Schnellschach- und Blitzturniere sind jedoch grundsätzlich unberechenbar – wenn man einmal auf die Verliererstraße geraten ist, bleibt einfach keine Zeit, um sich zu beruhigen und durchzuatmen. So erzielte auch Alexei Shirov beim Keres Memorial Schnellschachturnier 2006 nur 0.5 von 9 möglichen Punkten. Dabei war er mit einer Elo von 2710 an Platz Zwei gesetzt gewesen. Seine Turnierleistung betrug am Ende jedoch nur 2139!

Übrigens stimmen die zahlreichen Behauptungen, Kasparov habe das absolut schlechteste Turnier seines Lebens gespielt, überhaupt nicht. So zitiert Kasparov Valery Asriyan in seinem Buch Kasparov on Kasparov 1973-1985:

"Ein schlanker, lebhafter, dunkeläugiger Junge stand bei seiner Mutter und wartete auf den Moment, in dem die Schiedsrichter die Spieler auffordern, ihre Plätze am Brett einzunehmen. Wir - eine Gruppe von Kandidatenmeistern, die nicht zum ersten Mal bei so einem Turnier spielten - schauten mit Interesse auf dieses "Kind", das bereits mit der Qualifikation für das Halbfinale für Aufsehen gesorgt hatte. Wir wussten nicht viel über ihn: Er hieß Garik, mit Nachname Weinstein, und er trainierte im Pioneers Palace unter dem Trainer Oleg Privorotsky. Und jeder von uns hatte den gleichen ängstlichen Gedanken: "Was wäre, wenn ich gegen diesen Jungen verliere? Dann werden mich alle auslachen!" Es lief gut. Der einzige, über den sie gelacht haben (und wie sich bald herausstellte, ziemlich grundlos) war Slava Gadzhikasumov. Garik verlor die restlichen acht Partien in den ersten neun Runden und dann brach er in Tränen aus und seine Mutter nahm ihn in den Arm und ging mit ihm fort und erlaubte ihm nicht, das Turnier zu beenden."

Garik verlor die restlichen acht Partien in den ersten neun Runden und dann brach er in Tränen aus und seine Mutter nahm ihn in den Arm und ging mit ihm fort und erlaubte ihm nicht, das Turnier zu beenden.

Valery Asriyan (Zitiert von Kasparov)

Ganz abgesehen von dem schrecklichen Ergebnis wird die folgende Partie Garry wohl noch jahrelang verfolgen.

Weniger erfahrene Spieler fragen sich wahrscheinlich, warum Schwarz hier schon aufgegeben hat. Nun, Weiß hat zwei tödliche Drohungen: Mit 8.exd4 die e-Linie zu öffnen und mit 8.Sg5 den Bauern auf f7 zu gewinnen und die schwarze Königsstellung vollständig zu zerstören. Trotzdem entschied sich Schwarz in einer der Partien, in denen diese Stellung auftrat, den Kampf fortzusetzen und schaffte es sogar, die Partie zu gewinnen!

Obwohl es dieses Beispiel durchaus in meinen Artikel "Warum man niemals aufgeben sollte" schaffen hätte können, glaube ich nicht, dass Kasparov gegen einen so versierten Angriffsspieler wie Shakhriyar Mamedyarov eine Chance gehabt hätte. Heute möchte ich also über diesen starken Aufbau sprechen, der Kasparov in nur sieben Zügen zur Aufgabe zwang.

Eines der ersten Dinge, die wir lernen, wenn wir anfangen, Schach zu spielen, ist, dass das Feld f7 die verwundbarste Stelle in der Ausgangsstellung ist. Für die meisten Anfänger ist die kraftvolle Kombination von Dh5 und Lc4 die Waffe der Wahl. Es gibt aber auch noch eine andere Möglichkeit, den Bauern auf f7 mit der Dame und dem weißfeldrigen Läufer anzugreifen. Die Batterie Db3 und Lc4 ist zwar nicht so beliebt wie Dh5 und Lc4, aber wie die Partie Mamedyarov gegen Kasparov zeigt, gleichermaßen tödlich.

Gioachino Greco hat die Kraft dieser Batterie schon vor 400 entdeckt und somit war der berühmte "Greco Angriff" geboren:

Der Aufbau mit Db3 und Lc4 half auch Paul Morphy seine berühmte Partie gegen Karl von Braunschweig und Graf Isoard zu gewinnen:

Obwohl es nicht sehr häufig vorkommt, kann auch Schwarz dieses Setup verwenden! Hier ist eine Partie zwischen zwei Amateurspielern:

Gefällt Euch dieses Angriffs-Setup? Dann habe ich tolle Neuigkeiten für Euch. Es gibt eine Eröffnung, die speziell dafür entwickelt wurde, dieses Angriffsmuster aufs Brett zu bekommen. Ich spreche natürlich vom guten alten Evans-Gambit. Hier sind zwei Partien von ehemaligen Weltmeistern, die dieses Konzept recht gut demonstrieren:

Obwohl der Aufbau mit Db3 und Lc4 zwar extrem gefährlich ist, ist es aber keine Wunderwaffe, die immer gewinnt. Hier sind zwei weitere Partien von ehemaligen Weltmeistern, bei denen dieses Angriffsmuster nach hinten losging:

Wenn Sie dieses Angriffs-Setup noch nie verwendet habt, empfehle ich Euch dringend, es auszuprobieren. Sobald Ihr Euch mit dieser mächtigen Waffe etwas vertraut gemacht habt, garantiere ich Euch unabhängig vom Ergebnis jede Menge Spaß und Abenteuer in Euren Partien!

Mehr von GM Gserper
Schach am Scheideweg: Carlsen oder Nepomniachtchi?

Schach am Scheideweg: Carlsen oder Nepomniachtchi?

Das tückische Gegenschach

Das tückische Gegenschach