Die Eröffnung für Schachtrolle

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Gserper
GM Gserper
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98 | Eröffnungstheorie

Letzte Woche erzählte mir einer meiner Schüler, dass einer seine Online-Gegner eine seltsame Eröffnung gespielt hatte. Das hat mich allerdings überhaupt nicht überrascht, denn dieses Kind bezeichnet jede Eröffnung, die das Schäfermatt verhindert als "seltsam". Interessant wurde es aber, als er mir sagte, dass sein Gegner bereits im zweiten Zug eine Leichtfigur eingestellt hatte! Gut, das ist jetzt so, dass ich so etwas noch nie gesehen hätte. Obwohl es jetzt schon über 20 Jahre her ist, werde ich das Schachcamp nie vergessen, bei dem eines der Kinder diese Eröffnungszüge spielte:

Ich war absolut verblüfft, da ich nicht die geringste Erklärung für diesen Zug finden konnte. Also bat ich meine Kollegen in diesem Camp, die Großmeister Kaidanov und Kudrin, um eine mögliche Erklärung. Während GM Kudrins Idee, dass das arme Kind gerade die Spanische Eröffnung gelernt und sie einfach aus einer falschen Stellung heraus gespielt hat, durchaus plausibel klingt, bevorzuge ich persönlich die Theorie von GM Kaidanov. Er dachte, dass es sich vielleicht um eine tiefe Prophylaxe "a-la-Mark Dvoretsky" handele. Schwarz wollte Caro-Kann spielen und deshalb verhinderte Weiß seine Absicht. Tatsächlich kann Schwarz nach 2...d5 3.exd5 nicht 3...cxd5 spielen, da der Bauer gefesselt ist!

Jetzt könnt Ihr sicher verstehen, warum ich so neugierig war. Wer weiß? Vielleicht hatte dieser unbekannte Internet-Typ es geschafft, die sizilianische Verteidigung oder eine andere bekannte Eröffnung zu verhindern. Die Realität enttäuschte mich, denn die Partie begann so: 1.e4 Sf6 2.e5 Sg4?? Und das war nicht einmal eine Neuerung, denn der Zug wurde sogar schon in einer Großmeister-Partie gespielt:

Ich erklärte meinem Schüler dann, dass 1...Sf6 ein bekannter Zug wäre und diese dämliche Eröffnung Aljechin-Verteidigung heißt. Natürlich habe ich aber nicht das Wort "dämlich" benutzt, denn das würde kein guter Schachtrainer machen.  Im Allgemeinen mag ich es nicht, meine Schüler mit dem Löffel zu füttern. Der Junge sollte erwachsen und besser im Schach werden und dann selbst herausfinden, warum diese Eröffnung albern ist.

Seit meiner Kindheit habe ich mich immer gefragt, warum Leute nur die Aljechin-Verteidigung spielen. Die meisten Partien, die ich in Büchern und Zeitschriften gefunden habe, sehen folgendermaßen aus:

Ich habe es immer geliebt, wenn meine Gegner diese Eröffnung gespielt haben, da ich gegen diese Eröffnung immer sehr gute Resultate erzielt hatte. Hier ist meine Partie gegen den zukünftigen Supergroßmeister Alexey Dreev. Obwohl mein Gegner bereits zweimaliger U16-Junioren-Weltmeister war und fast die U20-Junioren-Weltmeisterschaft gewonnen hätte, habe ich in der ganzen Partie nur etwa 20 Minuten Bedenkzeit verbraucht!

Meine persönliche Erklärung war lange Zeit, dass der Hauptgrund, warum einige Schachspieler die Aljechin-Verteidigung spielen, ihre Langeweile ist. Es ist eine bekannte Tatsache, dass der Zug 1...Sf6 schon lange vor Aljechin gespielt wurde. Einer der frühesten Praktizierenden dieser Eröffnung war der russische Schachkomponist M. Klyatskin. Um sich ein Bild von seinem Talent und seiner Kreativität zu machen, solltet Ihr versuchen, die folgende schöne Studie von ihm zu lösen:

Als Klyatskin den Zug 1.e4 sah, dachte er wahrscheinlich: "Oh nein, nicht schon wieder die spanische Verteidigung... wie langweilig!" Da Schach960 aber noch nicht erfunden war, wollte er mit dem Zug 1...Sf6 die Mainstream Theorie umgehen. Natürlich hat niemand den Partien dieses Clubspielers, obwohl er ein sehr talentierter Schachkomponist war, viel Aufmerksamkeit gewidmet. Die Situation änderte sich aber, als Alexander Aljechin diese Eröffnung in sein Repertoire aufnahm. Der Name "unregelmäßige Öffnung" wurde durch "Aljechin-Verteidigung" ersetzt und galt lange Zeit als eine weitere brillante Idee des russischen Genies. Ich will Euch aber erklären, wie ich das sehe:

Der Unterschied zwischen Aljechin und seinen Gegnern war enorm groß. Wer wird die berühmten Worte von GM Aron Nimzowitsch vergessen, der seinen Gegnern im Allgemeinen kein Kompliment machen wollte:

"Er macht so kurzen Prozess mit uns, als wären wir kleine Kinder."

 Ich denke, dass Aljechin von seinen Gegnern gelangweilt war und beschlossen hatte, etwas Spaß zu haben. Heutzutage ist es ja kein Problem, wenn der Weltmeister seine Partien mit 1.f3 gefolgt von 2.Kf2 beginnt, aber zu Aljechins Zeiten könnte man dafür immer noch zu einem Duell herausgefordert und getötet werden. Hätte Aljechin damals gegen einen Gegner wie GM Geza Maroczy mit 1.e4 f6 begonnen, hätte Maroczy wahrscheinlich geschrien: "Wie kannst Du es wagen!" und hätte ihm den Fehdehandschuh ins Gesicht geknallt. Stattdessen spielte der russische Champion so:

Jetzt wurde Aljechin von seinen Zeitgenossen gelobt, anstatt wegen Verunglimpfung angeschrien zu werden. Das 1925 veröffentlichte Buch "Modern Chess Openings" (moderne Schacheröffnungen) lobte Aljechin sogar:

"Nichts deutet mehr auf die zerstörerischen Konzepte der 'hypermodernen Schule' hin, als die bizarre Verteidigung, die Aljechin erfunden hat... Schwarz verstößt gegen alle Grundsätze der klassischen Schachschule und lässt in der Erwartung, eine Schwäche in der weißen Bauernstruktur zu provozieren, zu, dass sein Springer bereits zu Beginn der Partie über das Brett gejagt wird."

Ich denke, Alekhine hat beim Lesen gelacht. Wahrscheinlich hat er seine Frau angerufen und gesagt: "Grace, Schatz, sieh mal! Sie haben es mir total abgekauft! Soll ich das nächste Mal 1...Sh6 spielen?"

Auf die eine oder andere Weise wurde die Aljechin-Verteidigung von Größen wie Fischer, Korchnoi und Short gespielt. Ich weiß nichts über die ersten beiden, aber ich bin mir ziemlich sicher, warum Nigel Short die Aljechin Verteidigung schon des Öfteren gespielt hat. Es ist wohl derselbe Grund, warum er auch schon das Königsgambit gespielt hat:

Aber auch der aktuelle Weltmeister folgte schon Alexander Aljechins Fußspuren. Genau wie der frühere russische Weltmeister ist Magnus Carlsen den anderen Schachspielern weit überlegen und beginnt seine Partien daher häufig mit ungewöhnlichen Eröffnungen. Wie man seinen Gegner trollt, lernt man am besten von den Besten:

Wenn Ihr also eine wirklich dämliche Eröffnung spielen wollt, dann macht Euren Gegner nicht lächerlich, indem Ihr das Bongcloud oder einen ähnlichen Müll spielt. Spielt einfach die Aljechin-Verteidigung!

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